FinanzevolutionWie Start-ups und Tech-Konzerne das Banking verändern

Symbolbild: Handy, auf dem ein Konto verwaltet wird.
Symbolbild: Fintech und neue Technologie verändern die FinanzbrancheWirecard

Wir Menschen neigen ja dazu, Geschichten so zu konstruieren, dass sie zu vorhandenen Daten und Fakten passen. Das schreibt der Wirtschaftsnobelpreiseträger Daniel Kahnemans in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“. Und das belegen auch neurobiologische Erkenntnisse. So hat man das Gefühl, selbst immer genau zu verstehen, warum etwas passiert oder nicht passiert.

Ein beliebtes Narrativ zur Entwicklung der Finanzwelt ist die Erzählung vom Rückstand der Banken bei der digitalen Transformation. So sind manche Noten, die Fachleute den Banken für ihren Fortschritt in der Digitalisierung ausstellen – vorsichtig ausgedrückt – nicht schmeichelhaft. Der Branchendienst Finanz-Szene schrieb in Bezug auf zwei Studien der Unternehmensberater von Oliver Wyman und Deloitte, dass Deutschlands Banken bei der Digitalisierung hinterherhinken. Andere Kommentatoren, wie etwa Jim Marous‏, Influencer und Mitherausgeber des Informationsdienstes „The Financial Brand“, titelt gar „Banking Isn’t Prepared for the Digital Revolution“.

Irrtümer der Zukunftsexperten, Vordenker und Futurologen

Leute wie Jim Marous oder wie der von mir sehr geschätzte Redner und Fachbuchautor Chris Skinner messen den Fortschritt bei der Digitalisierung an Maßstäben, die sich an einem fiktiven künftigen Zustand orientieren. Ihrem Narrativ spielt in die Hände, dass Bezeichnungen wie „digitale Revolution“ undefiniert sind. Jeder kann sie nach seinem Gusto mit Inhalten füllen. Skinner trägt eloquent in einem Interview mit Jim Marous vor, dass Banken heute auf einem Marktplatz mit Tausenden von Fintech-Start-ups leben, die digitale Technologie und Konsumentenwissen nutzen, um das Erlebnis zu verbessern. Dieser Marktplatz für Apps, APIs und Analytics sei das Banken-Ökosystem der Zukunft. Er hält den Wandel vom „Kontrollfreak zum Kurator“ für unvermeidlich und eine offene Struktur für die einzige richtige Option.

Skinner vergleicht dabei den Ist-Zustand der alten Finanzwelt mit seiner fiktiven Zukunft, von der niemand wissen kann, ob sie so Realität wird. Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar schreibt in seinem Buch „Ausfahrt Zukunft“ über die Irrtümer der Zukunftsexperten, Vordenker, Futurologen und Experten für das Übermorgen. Denn in ihren bunten Vorträgen spicken sie die Zukunft so mit Buzzworten, dass man das Gefühl erhält, die Zukunft zu verschlafen – wenn man nicht sofort Innovationsworkshops, Transformationsseminare oder Changekonferenzen besucht.

Versteht man Entwicklung und Innovation von Unternehmen als evolutionären Prozess, dann lässt sich die digitale Zukunft nicht an einem Reißbrett planen. Sie entwickelt sich viel mehr aus regelmäßigen Veränderungen auf Basis von Erfolgen und Irrtümern. Banken sind weltweit auf der Suche nach dem richtigen Weg durch das Gestrüpp der Optionen aus neuen Trends und Technologien. Für den Finanzsektor gibt es dafür allerdings weder eine Blaupause noch einen Regulator, der sagt, was genau zu tun ist.

Hilfreicher als Spekulationen, wie die von Marous oder Skinner, sind Analysen, die nicht das Ist mit einem Phantasie-Soll vergleichen, sondern verschiedene Ist-Zustände. So untersucht die Unternehmensberatung Deloitte den digitalen Reifegrad des Finanzsektors. Die Autoren verglichen dazu die Aktivitäten des Finanzsektors mit dem aus ihrer Sicht optimalen Benchmark anhand von 826 Funktionalitäten einer digitalen Kundenreise. Dazu gehören etwa Möglichkeiten, Konten über verschiedene Kanäle zu eröffnen und der Zugang zu verschiedenen Bankdienstleistungen und Informationen. Auf die Länder des Wirtschaftsraums Europa, Arabien und Afrika bezogen liegen deutsche Banken nach dieser Untersuchung nur in der vorletzten von vier Gruppen. An der Spitze der digitalen Vorreiter stehen Länder, die manche dort vielleicht nicht vermutet hätten: Polen, Russland, Spanien, die Schweiz und die Türkei.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen die Berater von Oliver Wyman. Auch hier schaffen es deutsche Banken im Digital Banking Index gerade einmal ins Mittelfeld. Danach zeichnen sich im Ländervergleich zwar ihr Web-Auftritt und ihre Kunden-Apps durch hohe Funktionalität aus. Sie zeigen allerdings Schwächen bei den Möglichkeiten zur direkten digitalen Interaktion mit der Bank und medienbruchfreien Abschlussmöglichkeiten für Produkte über Online- oder Mobilzugang.

Erleben Banken einen Kodak-Moment?

Solche Studien helfen Unternehmen, sich am jeweils besten Ist-Zustand zu orientieren, sie werden so allerdings niemals besser sein können als der Markt. Apple hätte nie das Smartphone entwickelt, wenn sich Steve Jobs bei seinen Planungen immer nur an der jeweils besten verfügbaren Handytechnik orientiert hätte. Banken wollen aber auch selten den Vorreiter spielen. Sie gehen zwar Risiken ein, aber nur dann, wenn sie diese für kalkulierbar halten.

Schaut man abseits von Buzzworten wie „digitale Revolution“, „Moonshots“ und „Disruption im Finanzsektor“ auf den nicht immer ganz so bunten Alltag der digitalen Transformation, dann zeigt sich, dass die von vielen Fintech-Startups ausgehende Evolution längst den klassischen Finanzsektor zur Adaption animiert hat. Eine Aufstellung im Branchen-Newsletter Finanz-Szene von Heinz-Roger Dohms dokumentiert beispielhaft getrennte und gemeinsame Aktivitäten von Fintechs und Banken für das Geschäft für kleinere und mittlere Unternehmen. Verfolgt man diesen Newsletter sowie die Beiträge in Fachblogs wie Payment and Banking oder Der Bank Blog (und vielen weiteren Veröffentlichungen, die wir im Innovationsblog der DZ BANK Gruppe unter der Rubrik „Was wir lesen“ dokumentieren) regelmäßig, dann wird deutlich, dass hier alte und neue Finanzwelt im Wettbewerb oder in Kooperation viel probieren.

Spektakuläre und vielleicht mit Revolutionen vergleichbare Entwicklungen, wie sie der Buchsektor, die Schallplatten-, Foto- oder TV-Industrie bisher durchgemacht haben, sind im Finanzsektor bisher ausgeblieben. Das muss zwar nicht so bleiben. Es gibt aber keine zwingende Logik, nach der auch Banken einen Kodak-Moment erleiden müssen und vom Markt verschwinden. Die evolutionären Biotope aus Finanzdienstleistern, Startups, Technologiekonzernen und vielen anderen Mitwirkenden verändern das Banking. Das geschieht evolutionär, also Tag für Tag ein Stückchen. Für Banken, die neue Technologien ignorieren oder bei der Adaption zu langsam sind, wird die negative Selektion wahrscheinlicher. Evolutionäre Prozesse sind in der Natur aber nicht planbar und selbst die anerkanntesten Experten können keine Revolutionen verlässlich vorhersagen. Sie können sie bestenfalls diagnostizieren, wenn sie eingetreten sind.