KolumneWie schlimm steht es um die deutsche Industrie?

Vermessung einer Wasserkraftturbine bei Voith
Vermessung einer Wasserkraftturbine bei Voithdpa

Die negativen Nachrichten aus der deutschen Industrie reißen nicht ab. Seit etwa Mitte des vergangenen Jahres befinden sich Auftragseingang und Produktion im Sinkflug. Und einzelne konjunkturelle Stimmungsbarometer wie etwa der Markit-Einkaufsmanagerindex bewegen sich inzwischen auf Niveaus, die zuletzt in den dunkelsten Tagen der Euro-Krise zu verzeichnet wurden. Inzwischen mehren sich auch Nachrichten von Stellenabbau etwa in der Autoindustrie oder bei einem großen Chemieunternehmen aus dem Rheinland.

Tatsächlich scheinen aktuell mehrere Faktoren zusammenzukommen, die alle negativ wirken. Deutschland war, ist und bleibt voraussichtlich auch in Zukunft eine hochgradig vom Welthandel abhängige Volkswirtschaft. Ähnlich wie Südkorea oder Japan. Damit reagiert sie deutlich sensibler auf das weltwirtschaftliche Umfeld als andere europäische Länder wie etwa Frankreich oder Spanien. Es ist von daher wenig überraschend, dass in einer Flaute des Welthandels wie wir sie im vergangenen Jahr erlebt haben, die Dynamik in der deutschen Industrie deutlich nachlässt. Das gilt umso mehr, als sich auch die weltweite Investitionsdynamik deutlich abgekühlt hat.

Die Kostenvorteile der Industrie verschwinden

Hinzu kommen natürlich auch die spezifischen Herausforderungen in der deutschen Schlüsselbranche, der Automobilindustrie. Sie leidet unter den Nachwirkungen des Dieselskandals mit deutlich verschärften Test- und Emissionsstandards. Zudem besteht die Herausforderung, dass Gewinnmargen im Zuge einer stärkeren Vernetzung nicht notwendigerweise bei den Plattformherstellern, sondern bei den Firmen anfallen, die die Software liefern.

Auftragseingänge in der Industrie


source: tradingeconomics.com

Und eines darf auch nicht vergessen werden: Die Kostenvorteile, die sich Deutschland durch kräftige Lohnzurückhaltung zwischen 1995 bis 2012 gegenüber den anderen Mitgliedsstaaten in der Währungsunion abgerungen hatte, sind seither kräftig erodiert. Es war natürlich immer schon eine Illusion, dass die deutschen Exporterfolge vor der Euro-Krise ausschließlich auf Qualität und nicht auch zu einem beträchtlichen Teil auf dem günstigen Preis basierten.

Kein Grund Trübsal zu blasen

Es ist ziemlich typisch, dass strukturelle Probleme genau dann offengelegt werden, wenn die Zyklik ohnehin abwärts gerichtet ist. Oder um es mit Börsenlegende Warren Buffett auszudrücken: Wenn die Ebbe kommt, zeigt sich, wer keine Badehose anhat.

Das ist nicht unbedingt ein Grund, vergangenen Zeiten nachzutrauern oder für die gesamte deutsche Wirtschaft Trübsal zu blasen. Es ist durchaus von Vorteil, dass nun über den privaten Verbrauch oder die Bauwirtschaft ein besseres binnenwirtschaftliches Standbein existiert, dass eine schwache Industrie zumindest teilweise abfedert.

Allerdings ist die Perspektive ziemlich klar: Die Zeit der deutschen Outperformance in Europa ist wohl für die nächste Zeit vorbei.