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Katalysatoren-Diebstähle Die Kat-Mafia nimmt sich Deutschland vor

Katalysator am Unterboden eines Autos in den USA
Katalysator am Unterboden eines Autos in den USA
© picture alliance / ZUMAPRESS.com | Jill Connelly
Weil in Katalysatoren wertvolle Edelmetalle verbaut werden, sind sie ein beliebtes Diebesgut. Die Raubzüge sind bandenmäßig organisiert – doch in Deutschland gibt es bislang kaum Gegenmaßnahmen

Die Profis brauchen für den Diebstahl nur wenige Sekunden. Sie nutzen einen kleinen Wagenheber, um an das Zielfahrzeug zu rangieren und es hochzustemmen, dazu einen Kettenrohrschneider, mit dem sie den Katalysator aus dem Unterboden des Autos sägen. Die kleine und vergleichsweise simple Operation ist ein enorm lukratives kriminelles Geschäft, das sich langsam auch in Deutschland verbreitet. Hinter dem Diebstahl von Katalysatoren stecken in der Regel international organisierte Banden.

Allein die Straßenwacht des ADAC wurde im vergangenen Jahr mehr als 1000-mal wegen geklauter Katalysatoren gerufen, der Verband geht aber von einer wesentlichen höheren Dunkelziffer an Fällen aus. Allein in Nordrhein-Westfalen gab es laut dem dortigen Landeskriminalamt im Jahr 2022 Diebstähle im mittleren vierstelligen Bereich. Und die Zahlen steigen: Die Einsätze des ADAC haben sich innerhalb der vergangenen beiden Jahre mehr als verdoppelt.

Hohe Rohstoffpreise motivieren Diebe

Die Diebe wollen an die seltenen Edelmetalle in den Katalysatoren, für die sich selbst bei kleinen Mengen hohe Preise erzielen lassen. Mehrere hundert Euro für einen Katalysator sind auf dem europäischen Schwarzmarkt durchaus realistisch, in den USA sogar über 1000 Dollar.

Katalysatoren sind Abgasreiniger, die sich zwischen Motor und Auspuff befinden. Sie wandeln das für Mensch und Umwelt giftige Kohlenmonoxid in weniger gefährliches Kohlendioxid um. Im Partikelfilter des Katalysators, einem wabenförmigen Keramikteil, verbergen sich wertvolle Rohstoffe wie Rhodium, Platin und Palladium.

Den Höchststand erreichten die Preise für diese sogenannten PGM-Metalle (Platin Group Metals) vor etwa zwei Jahren. Seitdem ist die Kurve abgeflacht, liegt aber immer noch bei um die 1000 Dollar je Unze. „Eine Parallele der Diebstähle zur Preisentwicklung kann man nicht ziehen“, schränkt Julian Köhle vom Verband International Platinum Group Metals (IPA) ein. „Aber die Preise von PGMs sind weiterhin hoch genug, um Diebe zu motivieren.“

Für den Anstieg der Fallzahlen macht Köhle eine Professionalisierung in der Szene verantwortlich: „Über die letzten Jahre hat sich eine Art Systematik entwickelt, die vorher nicht da war.“ Das bedeute, „dass zum Beispiel mehr Leute wissen, dass ein Katalysator wertvoll sein kann und wo ein Abnehmer zu finden ist“.

Aufstieg der Kat-Mafia

Hinter den Abnehmern des Diebesguts werden vor allem kleinere Schrotthändler und Verwerter vermutet, aber auch spezialisierte Käufer im Internet. Von dort aus kann das Diebesgut dann über Recycling-Unternehmen seinen Weg in den legalen Kreislauf finden. Wenn die Katalysatoren erstmal auseinandergebaut und die Rohstoffe eingeschmolzen sind, lässt sich ihre Herkunft ohnehin kaum noch nachvollziehen. Das wiederum stellt Industrieunternehmen vor Probleme: Wer die betroffenen Rohstoffe verarbeitet, kann sich nicht unbedingt sicher sein, ob am Anfang der Lieferkette möglicherweise illegale Deals standen.

Nicht nur Privatpersonen, auch Autohändler beklagen Schäden in Millionenhöhe. In anderen Ländern haben die Diebstähle bereits enorme Dimensionen angenommen: In England und Wales wurden zwischen 2017 und 2021 über 50.000 Autokatalysatoren gestohlen, teilweise war fast jeder dritte Schadensfall an Kraftfahrzeugen ein Kat-Diebstahl. Hybrid-Modelle sind bei den Dieben besonders beliebt, da die dort verbauten Metalle noch wertvoller sind.

In Südafrika wurden vergangenes Jahr mehrmals ganze Lkw mit Ladungen im Wert von über 4 Mio. Euro entführt. Auch Mitgliedsunternehmen der IPA haben auf diese Weise Schäden in Millionenhöhe erlitten, berichtet Köhle.

In den USA deckten Behörden einen Verbrecherring auf, der sogar hunderte Millionen verdient hat. Über ein Mittlerunternehmen verkaufte der Ring tausende aus Autos und Lastwagen gestohlene Katalysatoren an eine Metallraffinerie weiter – für 545 Mio. US-Dollar. „Kat-Mafia“ gilt für diese Gruppen bereits als etablierte Bezeichnung.

Keine offizielle Statistik für Deutschland

Anders als in Deutschland sind die Ermittler in diesen Ländern aber auch stärker für das Problem sensibilisiert. In England werden Schrottplätze streng kontrolliert, den Händlern wird es schwer gemacht, Diebesgut anzukaufen. Die US-Strafverfolgungsbehörden operieren nach einem einheitlichen Ansatz und tauschen sich über mehrere Bundesstaaten hinweg täglich aus.

Davon kann in Deutschland keine Rede sein – hier fehlen sogar ganz grundlegende Informationen: Der Diebstahl von Autokatalysatoren wird nicht einmal gesondert erfasst, sondern fällt für Ermittler und Versicherer unter „Teile-Diebstahl“.„Das Thema steht nicht weit oben auf der Agenda“, kritisiert Köhle. „Behörden und Versicherungen sollten gemeinsam an einem Strang ziehen.“

Bisher gibt die Polizei in Deutschland vor allem Rat zur Prävention – so solle das Auto besser in der Garage als in abgelegenen Straßen geparkt werden, dazu wird der Einbau von Alarmsystemen mit Sensoren empfohlen. Übrigens: Dass der Katalysator aus dem eigenen Auto entwendet wurde, lässt sich am deutlich lauteren Motorgeräusch feststellen. Am öffentlichen Straßenverkehr darf man dann nicht mehr teilnehmen.

Eine gute Nachricht gibt es: Neuwagenbesitzer müssen sich weniger fürchten. Weil sie leichter zugänglich sind, suchen sich die Diebe vor allem ältere Fahrzeuge mit Benzinmotor aus. Bei neueren Modellen ist der Katalysator enger am Motor verbaut, weshalb der Ausbau länger dauert und das Entdeckungsrisiko größer wäre.

Die Rohstoffe gar aus einer E-Auto-Batterie zu entfernen, dürfte noch deutlich aufwendiger sein. Beim ADAC glaubt man auch deshalb, das Phänomen sei eine „momentane Erscheinung“. Der IPA-Verband hingegen hält ein wachsendes Ausmaß für möglich – „wenn man dem keinen Riegel vorschiebt“. 

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