ExklusivWas einen Deutsche-Bank-Aufsichtsrat mit Markus Braun verbindet

Der österreichische Investor Alexander Schütz sitzt seit 2017 im Kontrollgremium der Deutschen Bank IMAGO / Sven Simon

Die beiden herrschaftlichen Häuser im feinen Wiener Bezirk Hietzing, gleich um die Ecke des Schlosses Schönbrunn, liegen nicht weit voneinander entfernt, nur gut 200 Meter Luftlinie. Die eine Villa gehört einer Firma des österreichischen Investors und Deutsche-Bank -Aufsichtsrats Alexander Schütz. Vermietet ist sie seit einiger Zeit an den ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch, auf dessen Auslieferung die US-Justiz seit mehreren Jahren dringt – und der 2019 zu einem Großkunden der Wirecard Bank wurde. In der anderen Villa einige Hausnummern weiter wohnte Marcus Braun, der langjährige Chef des Zahlungsabwicklers – bevor er nach dem Crash des Konzerns aus Aschheim und dem Bekanntwerden eines gigantischen Bilanzskandals im vergangenen Sommer in die Justizvollzugsanstalt Gablingen bei Augsburg umziehen musste.

Vor zwei Wochen hatte eine Korrespondenz unangenehme Schlagzeilen gemacht, die die beiden Nachbarn Schütz und Braun Anfang 2019 austauschten. Darin ging es eigentlich um einen geplanten Jachturlaub in Südfrankreich. Im weiteren Verlauf des Mailwechsels schickte der Investor aufmunternde Worte an Braun, der sich damals gegen Betrugsvorwürfe der „Financial Times“ gegen Wirecard verteidigen musste: „Habe übrigens 3x Wirecard-Aktien gekauft letzte Woche“, schrieb Schütz an Braun. Und dann: „Macht dies Zeitung fertig!!“ Gefolgt von einem Zwinkersmiley und dem Gruß „lg a“. Seitdem diese Mail Mitte Januar im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags öffentlich wurde, steht Deutsche-Bank-Aufsichtsrat Schütz schwer in der Kritik – auch innerhalb von Deutschlands größtem Kreditinstitut.

Doch trotz des bekannt gewordenen Mailwechsels in vertrautem Ton und gemeinsamer Urlaubspläne spielte Schütz sein Verhältnis zu Braun bis zuletzt herunter. Am Dienstag teilte ein Sprecher des Investors auf Fragen von Capital und „Stern“ zu den Immobilien in unmittelbarer Nachbarschaft mit: „Herr Schütz pflegte zu Herrn Braun ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis – wie zu anderen Nachbarn auch.“ Die Botschaft: Der unter Betrugsverdacht stehende Ex-Wirecard-Chef – der alle Anschuldigungen allerdings zurückweist – war für Schütz eine Kontaktperson wie viele andere.

Geburtstagsfeier „in alter Tradition“

Schütz ist Gründer der Wiener Investmentfirma C-Quadrat. Für den früheren Deutsche-Bank-Großaktionärs HNA aus China verwaltete er zeitweise dessen Aktienpaket an der Bank – und zog 2017 auch auf dem Ticket von HNA in den Aufsichtsrat ein. Zudem war Schütz bis vor einigen Jahren an der Sicherheitsfirma Aventus beteiligt, die in eine Spionageaffäre um eine frühere Stasi-Agentin verwickelt war. In Österreich gilt er tatsächlich als bestens vernetzt – mit guten Drähten auch in hohe politische Kreise.

Doch neue Unterlagen, die Capital und „Stern“ auswerten konnten, legen nahe, dass Braun nicht nur Nachbar und irgendeiner von Schütz‘ zahlreichen Kontakten war, sondern zu seinem engsten Freundeskreis gehörte. So lud „Alex“, wie Schütz sich im persönlichen Austausch mit Braun nannte, den damaligen Wirecard-Chef im März 2020 nicht nur zu seiner Geburtstagsfeier ein („in alter Tradition bitte ohne Frauen, Freundinnen oder Handys, damit kein Stress aufkommt“). In den vergangenen Jahren bat er Braun auch zu Barbecues und Weinproben in erlauchten Zirkeln. Auch zwischen den Familien von Schütz und Braun gab es demnach sehr intensive persönliche Kontakte.

So schrieb der C-Quadrat-Gründer etwa am 22. April 2020 an die Ehefrau des Wirecard-Chefs eine Mail, in der er ihr den Kauf einer Immobilie anbot – nicht die in unmittelbarer Nachbarschaft, aber nur wenige Gehminuten entfernt im gleichen Bezirk. Das Palais hatte Schütz etwa drei Jahre zuvor gekauft. Nun wollte er es den Brauns für einen hohen einstelligen Millionenbetrag überlassen – obwohl ein anderer Kaufinteressent Gewehr bei Fuß stand. Die Mail schloss Schütz mit einem jovialen „Bussi“.

Brauns Frau leitete das Angebot auch an ihren Mann weiter, mit dem Zusatz „Wohl eher nicht, oder?“ Offenbar eine richtige Vermutung, denn tatsächlich hatte der Wirecard-Chef an jenem Tag wohl andere Sorgen, als sich um ein neues Domizil zu kümmern. Die Prüffirma KPMG steckte damals in der Schlussphase ihrer Sonderuntersuchung – eine Woche später erschien ihr Bericht über fehlende Belege für Milliardenbeträge auf Treuhandkonten, der letztlich zum Knall bei Wirecard im Juni führte.

Auf Anfrage wollte sich Alexander Schütz nicht zu seinem Angebot und weiteren Fragen äußern, sondern schaltete einen Medienanwalt ein. Der bemängelte, dass in den „Fragen auch falsche Unterstellungen“ enthalten seien, benannte diese aber nicht. Eine Anwältin von Braun äußerte sich nicht zu Fragen.

Auch bei einem anderen Immobilienthema gab es enge Kontakte zwischen den Familien Schütz und Braun – in diesem Fall im österreichischen Nobelort Kitzbühel. Dort besitzt Braun seit einigen Jahren ein Chalet hoch über dem Ort. Zwei Häuser weiter wiederum gehört der Familie Schütz ein Grundstück, auf dem diese im vergangenen Jahr ein Carport und einen Pool bauen lassen wollte. Gegenüber der zuständigen Gemeinde sollte Braun im vergangenen Frühjahr erklären, er erhebe „als Nachbar“ keine Einwände gegen das unter anderem von Schütz‘ Ehefrau angemeldete Bauvorhaben – so stand es jedenfalls in einem Vordruck, den ihm Alexander Schütz geschickt hatte.

Schütz‘ Ehefrau, die Anwältin Eva Hieblinger-Schütz, war zeitweise Vizekabinettschefin von Österreichs Finanzminister Hartwig Löger von der ÖVP. Auch sie steht nach eigenen Angaben in enger Verbindung mit dem früheren Wirecard-Chef. Im vergangenen Jahr gab sie laut österreichischen Medien bei ihrer Befragung im Untersuchungsausschuss zur Ibiza-Affäre an, sie kenne Braun „seit er 17 ist“.

Weinrunde mit Ex-Kanzler

Auch jenseits von Immobilienfragen unterhielten die Nachbarn vielfältige private Kontakte, teilweise auch im Rahmen von gemeinsamen Treffen in der Wiener Upper Class. Wie aus den Unterlagen hervor geht, lud Schütz, der häufiger exklusive Society-Events für die Spitzen von Wirtschaft und Politik veranstaltete, gemeinsam mit dem Chef des österreichischen Glücksspielkonzerns Novomatic im Dezember 2019 auch Braun zu einem „Dinner in kleinem Kreise (max. 30 Personen)“ in einen Wiener Club. Bereits wenige Wochen zuvor wollte sich der Wirecard-Chef ausweislich der Buchung bei einem Limousinenservice per S-Klasse zu einem Schloss am Stadtrand von Wien chauffieren lassen, das Schütz offenbar als Wohnsitz dient.

Im Dezember 2018 standen Alexander Schütz und Markus Braun auch auf der Einladungsliste eines für seine hohen Honorarnoten bekannten altgedienten Wiener Lobbyisten, der eine hochkarätige Männerrunde zu einer „Weihnachtsdegustation“ von edlem Wein versammelte. Auf dem Menü: „Bordeaux-Granaten“ wie ein Château Margaux 1900 mit der Höchstnote 100 auf der Skala des Weinexperten Robert Parker. Geladen neben Schütz und Braun: der österreichische Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer von der SPÖ, der damalige Finanzminister Löger und US-Botschafter Trevor Traina, dessen Residenz in der Gegend liegt, in der Braun und Schütz‘ Mieter Firtasch wohnen.

All das ist nicht anrüchig und keine Seltenheit in der Wiener Gesellschaft – aber auch weit mehr als ein normales Verhältnis unter Nachbarn. Dazu passt, dass Schütz und Braun, die 2017 beide fünfstellige Beträge an die Kanzlerpartei ÖVP spendeten, auch gemeinsame Urlaube planten. In dem Mailwechsel, in dessen Verlauf Schütz seinen Freund launig dazu aufforderte, die „FT“ „fertig“ zu machen, lud der Investor Braun auch auf seine Jacht sowie zu einer Weinverkostung nach Bordeaux ein – wobei der Wirecard-Chef die Einladung auf die Jacht absagte: Er und seine Frau seien mit einer „ganzen Entourage aus Kind, Kindermädchen, Sicherheit“ unterwegs und wollten Schütz „nicht zur Last fallen“.

Genau diese Korrespondenz könnte für Schütz nun noch Probleme bereiten. In der Deutschen Bank herrscht massiver Unmut darüber, dass die Mail an Braun, die im Bundestag publik wurde, der Bank wieder einmal negative Schlagzeilen brachte. Im Fall Wirecard hatte die Deutsche Bank – sonst gerne mit dabei, wenn es um Finanzaffären geht – bislang keine Rolle gespielt. Stattdessen blieb nach der Zeugenaussage von Bankchef Christian Sewing im Untersuchungsausschuss des Bundestags vor allem die Formulierung ihres Aufsichtsrats Schütz hängen – eine Aussage, die die Bank später öffentlich als „inakzeptabel“ rügte. Das Mandat von Schütz als Aufsichtsrat läuft noch bis 2023. Nach Informationen von Capital und „Stern“ hoffen hochrangige Kreise in der Bank allerdings, dass Schütz Konsequenzen zieht und von sich aus zurücktritt. Auf Anfrage wollte sich das Frankfurter Geldinstitut zu der Personalie nicht äußern.

 


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