GastkommentarDie Mobilität steht vor dem Wandel

Die politische Theorie des historischen Institutionalismus besagt, dass gesellschaftlicher Wandel nur nach großen Krisen eintritt. Mit Blick auf Deutschlands eher überschaubare Errungenschaften bei der E-Mobilität in den vergangenen Jahren, mag man diese Annahme auch im Mobilitätssektor teilen. Erst im Mai ist Angela Merkel zurückgerudert: Eine Millionen Elektroautos werden in drei Jahren wohl nicht auf deutschen Straßen unterwegs sein, trotz einer Kaufprämie von bis zu 4000 Euro.

Also doch alles Quatsch mit dem Wandel? Privat-Pkw mit Verbrennungsmotor und gut ist? Nein. Zwei große globale Trends und drei technologische Entwicklungen sprechen dafür, dass sich unsere Mobilität rasant ändert.

Klimawandel

Lassen wir einzelne Politiker in überraschend ranghohen Positionen mal außen vor. Politischer und gesellschaftlicher Konsens ist: Der Klimawandel verändert die Welt. Wir alle müssen gegensteuern. Knapp ein Viertel der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen verursacht der Verkehr. Norwegen möchte ab 2025 keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zulassen, Großbritannien und Frankreich ab 2040. China greift zu noch ganz anderen Methoden wie strikten Produktionsquoten für Elektroautos. Was auch immer man von so rigorosen Maßnahmen in liberalen und weniger liberalen Gesellschaften halten mag – Europa muss aufpassen, in Zukunftsmärkten der Elektromobilität nicht den Anschluss zu verlieren.

Metropolen

41 Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern soll es nach Prognosen der Vereinten Nationen 2030 weltweit geben. 2050 leben zwei von drei Menschen in städtischen Gebieten – insgesamt 6,4 Milliarden. In Deutschland wohnen bereits heutzutage drei von vier Menschen in Städten. Aber in München, Hamburg und Stuttgart stehen Autofahrer einer Studie des Verkehrsdienstleisters Inrix zufolge jedes Jahr durchschnittlich zwischen 40 und 50 Stunden im Stau. In Metropolen wie Tokio, Chengdu, Mexiko City und vielen anderen ist die Verkehrslage noch viel drastischer.

Nicht nur Stau, auch Lärm und Smog beeinträchtigen den urbanen Lebensalltag. Alleine als Fahrerin oder Fahrer im Auto mit Verbrennungsmotor durch die Stadt – dieses Modell funktioniert angesichts der großen Menschenmasse auf wenig Fläche schlichtweg nicht mehr. Damit einher geht auch eine gänzlich neue Rolle städtischer Gestaltungsmacht. Intelligente datenbasierte und elektrische Mobilitätslösungen sind im urbanen Raum auf dem Vormarsch. Durch die Gestaltung ihrer Infrastruktur und der Regulierung des Verkehrs und auch der Mobilitätsdaten beeinflussen Städte und Metropolen direkt Angebot und Nachfrage.

Drei große Technologie-Trends

Durch Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung mischen völlig neue Player – insbesondere Digitalunternehmen – die Mobilitätswelt auf. In Sachen Elektrifizierung sehen wir mittlerweile konkurrenzfähige Reichweiten und bei der Digitalisierung verläuft die Entwicklung exponentiell, Innovationszyklen sind inzwischen viel kürzer als noch vor wenigen Jahren. Auf der New Mobility World vom 14. bis 17. September in Frankfurt präsentiert sich unter anderem auch Facebook – und zwar in erster Linie als Technologie-Anbieter, nicht als soziales Netzwerk. Die Stichworte lauten hier intelligente Bilderkennung oder Artificial Intelligence, beides Voraussetzung für autonome Fahrzeuge, ebenso wie der Zugang zu Mobilitätsdaten.

Nun wird automatisiertes Fahren unter ethischen Gesichtspunkten zwar heiß diskutiert, tatsächlich unterstützen automatische Systeme uns aber schon heute im Verkehr, etwa beim Bremsen oder Parken. Die ersten autonomen Sammel-Taxen stehen in den Startlöchern. Eine Flotte fahrerloser Sammel-Taxen für Menschen mit ähnlichen Wegen, vernetzt und im Verbund mit anderen Verkehrsmitteln, ist der nächste logische Schritt.

Auf der Schnellstraße gen Zukunft

Erfolgreiche Unternehmen ruhen sich nicht auf ihren Lorbeeren aus. In anderen Branchen hat die Digitalisierung gezeigt, wie sehr sie unseren Alltag erleichtern kann, aber auch, wie extrem sie Zuspätkommer bestraft. Nokia und Kodak haben leidvoll die Kehrseite der “Disruption” kennengelernt: „Too Big to Fail“ galt für Nokia nicht und gilt auch in der Automobilwelt nicht. Kodak zeigt: Starke Marken schützen nicht, wenn das Produkt an Relevanz verliert.

Klimawandel und Urbanisierung erzeugen Handlungsdruck. Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung: Diese Treiber krempeln den Mobilitätsmarkt auf, und zwar global. Es wäre abwegig davon auszugehen, dass wir uns auch in den nächsten Jahrzehnten in immer dichter besiedelten Gebieten vornehmlich mit Verbrennungsmotoren fortbewegen, eingebaut in Autos, die 23 Stunden am Tag herumstehen und welche unvernetzt mit anderen Verkehrsmitteln eine überlastete Infrastruktur verstopfen und durch unachtsame Fahrerinnen oder Fahrer andere gefährden. Wir können es mittlerweile anders.

Unternehmen müssen daher neue Eigenschaften priorisieren: Experimentierfreude im Lab, Neugier auf all das, was möglich ist, und vor allem Mut und Vertrauen in neue Partner – seien es Digitalunternehmen, Start-ups, Städte, Mobilitätsanbieter oder andere Innovatoren. Es gilt, die neuen technologischen Entwicklungen so zu vereinen, dass wir gerade im urbanen Raum bequem, sicher und effizient von einem Ort zum nächsten gelangen. Dafür müssen alle Stakeholder aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammenarbeiten.


Dirk Evenson ist Direktor der New Mobility World der Internationalen Automobilausstellung IAA in Frankfurt. Er führte zuvor die Kommunikationsabteilung des deutschen Automobilverbandes VDADirk Evenson ist Direktor der New Mobility World der Internationalen Automobilausstellung IAA in Frankfurt. Zuvor war er Leiter der Kommunikationsabteilung des deutschen Automobilverbandes VDA (Foto: Marcus Höhn)


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