Capital erklärtWarum El Salvador Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel einführen will

In der kommenden Woche will El Salvadors Präsident Nayib Bukele einen Gesetzesentwurf ins Parlament einbringen, der die Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel anerkennt
In der kommenden Woche will El Salvadors Präsident Nayib Bukele einen Gesetzesentwurf ins Parlament einbringen, der die Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel anerkenntIMAGO / ZUMA Wire


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: „El Salvador und die Bitcoin“ mit Capital-und Finance-Forward-Redakteur John Stanley Hunter, der über Fintechs und Kryptowährungen schreibt.


El Salvador wäre das erste Land, weltweit, das Bitcoin als Währung nutzt. Was verspricht es sich davon?

Zunächst hat Staatschef Nayib Bukele lediglich angekündigt, einen entsprechenden Gesetzesentwurf dem Kongress vorzulegen, endgültig beschlossen ist das Thema also noch nicht. In einem kurzen Video sprach er davon, dass der Schritt Arbeitsplätze schaffen würde. Zudem hätten 70 Prozent der Bevölkerung kein Bankkonto. Die Einführung der Bitcoin würde sie also in den Wirtschaftskreislauf integrieren. In erster Linie sieht Bukele sein Land allerdings von Zentralbanken unfair behandelt, weshalb er auf Bitcoin setzen wolle. Sie wird nicht von einer Zentralbank kontrolliert, sondern durch ein dezentrales und energieintensives Computerverfahren – das sogenannte Mining oder Schürfen – geschaffen.

Was würde die Einführung der Bitcoin denn daran ändern?

Das Land kann mit dem Schritt zur Bitcoin die eigene Zentralbank nicht wirklich entmachten. Denn El Salvador nutzt aktuell den US-Dollar als Währung. Bukele hofft bei der Einführung aber noch auf einen zweiten Effekt: Rund ein Viertel der Wirtschaftsleistung fließt in Form von Überweisungen in das Land. Bislang gehe dabei ein großer Teil dieser 6 Mrd. Dollar an Vermittler verloren, argumentiert der Präsident. Das werde bei Bitcoin nicht passieren, so die Hoffnung.

Bukele zufolge würde El Salvadors BIP um 25 Prozent steigen, wenn ein Prozent der Marktkapitalisierung der Bitcoin in das Land fließt. Kann diese Rechnung aufgehen?

Das Bruttoinlandsprodukt von El Salvador betrug zuletzt offiziell rund 25 Mrd. Dollar. Tatsächlich dürfte es deutlich mehr sein, weil das Land wie nahezu alle mittelamerikanischen Staaten eine starke Schattenwirtschaft hat. Dass die Wirtschaft automatisch um 25 Prozent wächst, klingt schlicht nach Populismus. Dazu müssten Bitcoin-Eigentümer ihre Coins verkaufen und in El Salvador investieren. Wenn aber Aktivitäten aus der Schattenwirtschaft einschließlich Drogenhandel in der offiziellen Statistik auftauchen, dann ist auch die offizielle Wirtschaft größer.

 Ist für das Bitcoin-Vorhaben überhaupt die nötige Infrastruktur da?

Die Infrastruktur will Jack Mallers bereitstellen, ein Unternehmer, der in El Salvador den Krypto-Zahlungsdienstleister Strike aufgebaut hat, eine Art Paypal für Bitcoin. Nach eigener Aussage hat er Bukele erst auf die Idee gebracht. Man könnte das Vorhaben also auch als PR-Aktion für seine App sehen. Ob und vor allem wie das funktionieren soll, dazu hat Mallers noch keine Details bekannt gegeben. Denkbar ist also, dass die Infrastruktur funktioniert, allerdings auch unter Berücksichtigung der immensen Stromkosten, die für Bitcoin anfallen.

Was macht Bitcoin für dieses Vorhaben denn so attraktiv?

Die Alternative wäre ja, (wieder) eine komplett eigene Währung einzuführen, was mit größerem Aufwand verbunden ist. Mit Bitcoin lässt sich Geld sekundenschnell um die Welt transferieren, es löst in der Theorie also schon eines der Hauptprobleme für das Land. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein bisschen absurd, ein derart volatiles Asset wie Bitcoin zum offiziellen Zahlungsmittel zu bestimmen.

Macht sich El Salvador damit wirklich unabhängig, wie Bukele es behauptet?

Von anderen Zentralbanken vielleicht, trotzdem bleibt das Land angreifbar. Man stelle sich nur die Schlagzeile vor: ‚El Salvador ist bankrott, weil der Bitcoin um 30 Prozent eingebrochen ist‘. Bedenkt man außerdem, dass Kryptowährungen auch zum Transfer von Drogengeldern in großem Stil dienen können, werden die US-Behörden dem nicht lange zuschauen. Und letztlich müssen die Bitcoins irgendwann in Dollar oder Euro getauscht werden, wenn man damit in den USA oder Europa etwas kaufen möchte.

Was spricht gegen den Einsatz der Bitcoin als Währung?

Es ist beispielsweise gar nicht klar, wer große Teile an Bitcoin hält. Und diese einzelnen, unbekannten Entitäten können den Kurs maßgeblich bestimmen, wenn sie verkaufen. Genauso wie Personen, die einfach viele Twitter-Follower haben, wie Tesla-Chef Elon Musk. Die Umsetzung ist auch schwer vorstellbar. Will Bukele zum Beispiel die Ausgabe der Währung an seine Bürger kontrollieren? Dann würde aus der Bitcoin das werden, was die Befürworter der Kryptowährung ja am meisten hassen: eine Art Fiatgeld. Die Antworten bleibt er bislang schuldig.

Bitcoin sollte ursprünglich ein digitales Zahlungsmittel werden. Warum spekulieren jetzt so viele Anleger mit ihr?

Es gibt viele, die weiterhin daran glauben, dass Bitcoin zu einem Zahlungsmittel wird. Was zur Massenadaption noch fehlt, sind zum einen regulatorische Voraussetzungen und Unternehmen, die Bitcoin akzeptieren. Deshalb ist der Kurs gestiegen, als Tesla die Bezahlung mit Bitcoin angekündigt hat – und eingebrochen, als das Vorhaben kurze Zeit später wieder zurückgenommen wurde. Es hat sich auch gezeigt, dass Bitcoin erstens volatil ist und zweitens über die Zeit massiv an Wert gewonnen hatte. Vielleicht wollen viele deshalb keine Bitcoins ausgeben, aus Angst, ihr Wert vervielfacht sich weiterhin.

 


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