KolumneWarum die Konzerne gerade die Dezentralisierung neu entdecken

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wenn man Roland Busch, den künftigen Siemens-Chef, in diesen Wochen fragt, was er denn anders machen will als sein übermächtiger Vorgänger Joe Kaeser, dann fällt mit ziemlicher Sicherheit das Stichwort „Dezentralisierung“. Man will wieder näher heran an die Märkte – und das geht nur, wenn man den operativen Einheiten des globalen Großkonzerns mehr Entscheidungsfreiheit einräumt. Weil sich Siemens künftig noch viel stärker als bisher als Digitalkonzern profilieren will, muss mehr Tempo auf allen Ebenen her. Und Busch ist davon überzeugt, dass man diesen Kulturwandel nicht allein von oben per ordre de Mufti organisieren kann.

Der neue Siemens-Chef liegt mit seiner Linie im Trend. Seit seinem Amtsantritt im Mai 2018 setzt auch BASF-Chef Martin Brudermüller auf Dezentralisierung. Fast 20.000 Mitarbeiter wanderten aus den vielen Zentralbereichen des Konzerns zurück in die operativen Einheiten. Einige der zentralen Abteilungen segneten dabei sogar ganz das Zeitliche – zum Beispiel die Weiterbildung. Überraschenderweise redet sogar ein Konzernchef seit einiger Zeit von Dezentralisierung, von dem man es am wenigsten erwartet hätte: Herbert Diess. Der Vorstandsvorsitzende des VW-Konzerns veröffentlichte am Freitag im „Handelsblatt“ ein Meinungsbeitrag über die „Transformation“ des Unternehmens. Als wichtigen Erfolg seiner Amtszeit wertet Diess dabei, dass es in Wolfsburg unter seiner Regie gelungen sei, „Hierarchien zu schleifen“ und zu „dezentralisieren“.

Der ewige Kreislauf

In der Vergangenheit gab es in der deutschen Wirtschaft immer wieder solche Schübe der Kompetenzverlagerung nach unten. Doch sie waren selten nachhaltig. Langjährige Mitarbeiter fühlten sich meist in einem ewigen Kreislauf, den ein altes chinesisches Sprichwort so beschreibt: „Zentralisierung führt zum Widerstand, der Widerstand führt zur Dezentralisierung, die Dezentralisierung führt zum Chaos, das Chaos führt zur Zentralisierung.“

Man konnte diesen Kreislauf in den letzten Jahrzehnten zum Beispiel bei der Allianz gut studieren. Bis 2003 regierte Henning Schulte-Noelle den Konzern mit eiserner Hand von oben. Sein Nachfolger Michael Diekmann ließ den operativen Einheiten bis 2015 mehr Freiheiten, so dass sich vor allem die Allianz Deutschland AG zum Staat im Staate entwickeln konnte. Was der heutige Allianz-Chef Oliver Bäte nach seinem Amtsantritt nicht mehr dulden mochte. Heute gibt die Münchner Zentrale wieder den Ton im ganzen Konzern an wie einst unter Schulte-Noelle. Man kann sich daher ausrechnen, was sein Nachfolger machen dürfte: dezentralisieren!

Eigentlich spricht vieles technologisch eher für eine Zentralisierung als für das Gegenteil. Die Digitalisierung aller Business-Modelle und Geschäftsabläufe macht vieles möglich, was vor 20 Jahren schlicht unmöglich war. Damals konnten die Konzernzentralen unmöglich den Überblick über die Geschäftseinheiten in aller Welt behalten. Man steuerte mit Monatsberichten, die oft mit erheblicher Zeitverzögerung in den Konzernzentralen eintrafen. Heute fließen die Daten aus der Cloud in Echtzeit aus aller Welt zusammen und schnelle Entscheidungen von oben sind viel leichter als früher. Und viele Geschäfte lassen sich überall auf den gleichen digitalen Plattformen abwickeln. Man denke nur an Amazon: Kaum ein Konzern arbeitet weltweit so zentralisiert und gleichzeitig doch so kundennah wie der Handelsriese.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.