KolumneWabi-Sabi - Vom Fluch der Perfektion

Anja Förster
Anja Förster

Anja Förster ist Unternehmerin, Vortragsrednerin und Autorin. Zuletzt ist von ihr der Spiegel-Bestseller „Hör auf zu arbeiten“ erschienen. Hier können Sie ihr auf Twitter folgen.


Als ich kürzlich in Konstanz war, stand vor meinem Hotel ein 911er Porsche aus den frühen 70er Jahren. Direkt daneben ein nagelneuer Skoda Octavia. Preisfrage: Vor welchem der beiden Autos blieben Menschen stehen?

Na, klar: vor dem alten Porsche natürlich. Und das obwohl der Skoda das bessere, modernere, sicherere, preiswertere, sparsamere, ja, nahezu perfekte Auto mit zeitgemäßer Ausstattung war.

Gut, Sie könnten sagen, dass man so einen Vintage-Porsche eben auch seltener zu sehen bekommt, während uns so ein Skoda täglich unter die Augen fährt. Aber das ist nicht der Punkt. Die Wahrheit ist: Der Porsche ist so interessant, weil er Charakter hat. Patina. Geschichte. Weil er im Gegensatz zum Skoda eben nicht perfekt ist. Perfektion ist zum Gähnen langweilig.

Und das gilt auch für Menschen.

Gerade das Geschäftsleben ist kurioserweise voller Skodas: Höfliche Menschen in perfekt sitzenden Anzügen, mit perfektem Lebenslauf und perfekter Frisur, deren Ecken und Kanten maximal abgeschliffen sind.

Aalglatte Wesen, die konsequent auf Nummer sicher gehen und ebensolche Produkte, Kampagnen und Strategien entwickeln. Man will nichts anstoßen, schon gar nicht anstößig sein. Die Folge: Austauschbarkeit so weit das Auge reicht.

Stolz sein auf die Einzigartigkeit

Menschen lieben das Authentische, das Nicht-Perfekte. Das macht auch den besonderen Reiz von Live-Veranstaltungen aus: Jede DVD ist allemal perfekter. Das macht den Reiz einer Übernachtung bei Airbnb aus: Jedes 5-Sterne-Hotel ist allemal perfekter. Das macht den Reiz eines Altbaus aus: Jeder Neubau ist allemal perfekter. Das macht den Reiz des Reisens aus: Jeder Reisefilm ist allemal perfekter.

Im Japanischen nennt man das Wabi-Sabi: Ein ästhetisches Konzept, das den Charakter von Dingen mehr schätzt als deren glänzende Fassade. Leonard Koren, der zahlreiche Bücher über die Idee des Wabi-Sabi verfasst hat, beschreibt es so: „Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie. Halte die Dinge sauber und unbelastet, aber lasse sie nicht steril werden.“

Besser kann man es nicht ausdrücken. Lassen Sie den Dingen ihre Poesie! Alles, was wir auf Hochglanz polieren, bis das Originelle verschwunden ist, alles, was perfekt ist, verliert seine Poesie und wird glatt wie Teflon und seelenlos wie ein Roboter.

Ob Produkt, Dienstleistung oder Mensch: Natürlich kann man kurzfristig die Verkaufzahlen und den Marktwert erhöhen, indem man an der Perfektion arbeitet. Langfristig aber wird das Interesse des Marktes, des Publikums, der Menschen immer weiter abkühlen. Perfektion weckt keine Sehnsucht. Menschen aber haben Sehnsucht. Nach Poesie, nach Charakter, nach Ecken und Kanten, nach kleinen Kratzern und der ganz eigenen Geschichte.

Wabi-Sabi – kann es einen schöneren Appell geben? Darum: Akzeptieren Sie Eigenarten, Fehler und Macken – bei Ihnen selbst und bei anderen! Natürlich ist das kein Freifahrtschein, sich nicht weiterzuentwickeln. Aber eben nicht auf Kosten Ihrer Originalität!

Also: Wo ist Ihr Wabi-Sabi? Seien Sie stolz auf das, was Sie einzigartig macht!