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Warum Kanada bei der Batterieproduktion so wichtig ist für VW und Mercedes

VW-Chef Herbert Diess (vorne links) unterzeichnete am Montag eine Absichtserklärtung mit dem kanadischen Wissenschafts-Minister François-Philippe Champagne (vorne rechts). Bundeskanzler Olaf Scholz und der kanadische Premierminister Justin Trudeau begleiteten den Termin
VW-Chef Herbert Diess (vorne links) unterzeichnete am Montag eine Absichtserklärtung mit dem kanadischen Wissenschafts-Minister François-Philippe Champagne (vorne rechts). Bundeskanzler Olaf Scholz und der kanadische Premierminister Justin Trudeau begleiteten den Termin
© IMAGO/Zuma Press
Um sich wichtige Rohstoffe für die Batterieproduktion zu sichern, prüfen die beiden deutschen Autokonzerne VW und Mercedes eine enge Zusammenarbeit mit Kanada. Am Montag unterzeichneten sie in Toronto Absichtserklärungen mit der kanadischen Regierung

Dieser Artikel liegt Capital.de im Zuge einer Kooperation mit dem Europe.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Europe.Table am 24. August 2022.

Lithium, Kobalt, Nickel, Grafit: All diese Rohstoffe sind Bestandteile von Batterien für E-Fahrzeuge – und Kanada ist aus deutscher Sicht ein Paradies: „Das Land verfügt über ähnliche reiche Bodenschätze wie Russland – mit dem Unterschied, dass es eine verlässliche Demokratie ist“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz am Montag nach seiner Ankunft in Montréal.

Damit bezog er sich nicht nur auf LNG und Wasserstoff. Unter seinen Mitreisenden waren auch der scheidende Volkswagen-Chef Herbert Diess und Mercedes-Entwicklungsvorstand Markus Schäfer. Beide unterzeichneten am Montag mit der kanadischen Regierungen Grundsatzvereinbarungen: Sie wollen die E-Mobilität fördern und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der kanadischen Automobil- und Batterielieferkette prüfen.

In Anwesenheit von Kanzler Scholz und Bundeswirtschaftsminister Habeck unterschrieben Diess und Schäfer mit dem kanadischen Minister für Innovation, Wissenschaft und Industrie, François-Philippe Champagne, jeweils ein „Memorandum of Understanding“. Die Konzerne und die kanadische Regierung wollen prüfen, welchen Beitrag Kanada zu den globalen und regionalen Batterielieferketten der Autohersteller leisten kann. Dabei geht es um die gesamte Wertschöpfungskette: um die technische Entwicklung, die Rohstoffgewinnung, die Produktion, Nutzungsdauer und das Recycling.

Beide Konzerne betonen zudem, in eine saubere und klimafreundliche Wirtschaft investieren zu wollen. „Mercedes-Benz ist dabei, die Produktion von Elektrofahrzeugen drastisch zu steigern“, erklärte Markus Schäfer. „Deshalb sind wir auch dabei, uns neue Wege zu erschließen, um auf verantwortungsvolle Art an die dafür notwendigen Rohstoffe zu kommen.

Der direkte Zugang zu den Produzenten dieser Materialien ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.“ Mit Kanada habe Mercedes einen geeigneten Partner, „um eine neue Ära der nachhaltigen Transformation in der Automobilindustrie einzuleiten.“

Bedarf an Batterien steigt bis 2030 um das 15-fache

„Die Versorgung mit Batterierohstoffen und die Produktion von Vorläufer- und Kathodenmaterialien mit geringem CO2-Fußabdruck werden einen schnellen und nachhaltigen Ausbau von Batteriekapazitäten ermöglichen“, sagte VW-Chef Diess. „Ein wichtiger Hebel für unsere Wachstumsstrategie in Nordamerika.“

Mit dem Markthochlauf von E-Autos steigt der Bedarf an den Rohstoffen für Batterien. Eine Studie der Unternehmensberatung PWC zum Investitions- und Rohstoffbedarf besagt, dass die globale Nachfrage nach den wichtigsten aktiven Batterie-Materialien von 0,4 Millionen Tonnen im Jahr 2021 um das 15-fache auf 6 Millionen Tonnen im Jahr 2030 steigen wird. Dies entspricht einem jährlichen Zuwachs um 34 Prozent.

Europa sei zwar beim Bau von Zellfabriken gut aufgestellt. 2025 würden die in Europa ansässigen Zellfabriken sogar einen Überschuss produzieren, der in die USA exportiert werden könne. Und auch für das Jahr 2030 gehen die Autoren davon aus, dass Europa seinen Bedarf an Batteriezellen selbst decken kann.

Im Hinblick auf die Bestandteile der Batteriezelle ist Europa laut der PWC-Studie jedoch schlecht aufgestellt. Weniger als ein Prozent der aktiven Materialien für die E-Batterien seien 2021 in Europa produziert worden, rund ein Prozent der aktiven Materialien seien hier verarbeitet worden. Die Studie zieht das Fazit: „Der Fußabdruck Chinas in der Wertschöpfungskette für die Batterieproduktion ist stark ausgeprägt.“ China bestimme 80 Prozent davon.

Bei den fünf aktiven Materialien habe Europa bei der Verarbeitung von Lithium, Nickel und Grafit gar keinen Anteil. Bei Kobalt liege der Wert bei 18 Prozent und bei Mangan bei vier Prozent. Die Studie weist darauf hin, wie sehr die Industrie aufholen muss, um Abhängigkeiten zu reduzieren – schließlich werde Europa im Jahr 2030 etwa 30 Prozent der global produzierten E-Autos bauen.

VW und Mercedes sind in Zellproduktion eingestiegen

Die deutschen Hersteller verfolgen dazu unterschiedliche Strategien. BMW geht – wieder einmal – einen Sonderweg. Als einziger deutscher Hersteller sind die Bayern nicht über Beteiligungen in eine eigene Batteriezellproduktion eingestiegen. Vielmehr unterhält der Konzern im Münchener Stadtteil Parsdorf eine Prototyp-Fabrik. Hier verfolgen BMW-Ingenieure die neuesten Entwicklungen bei der Zellchemie mit, um technologisch auf dem aktuellen Stand zu sein.

Ziel ist, die Kompetenz zu erwerben, um sich den besten Lieferanten auszusuchen und ihm Vorgaben für die Produktion und Konfiguration zu machen. Damit spart sich das Unternehmen Milliardeninvestitionen in eigene Zellfabriken. Es hat aber auch keinen direkten Einfluss darauf, ob die Rohstoffe für die Zellproduktion abgesichert sind gegen die zahlreichen geopolitischen Risiken.

VW und Mercedes gehen einen anderen Weg. Später als Tesla, aber immerhin: Beide Konzerne sind in den letzten Jahren auch in die Produktion von Batteriezellen eingestiegen und Partnerschaften mit Pionieren und etablierten Batterieherstellern eingegangen.

VW will bis 2030 mit Partnern in Europa sechs Gigafabriken bauen, die eine jährliche Kapazität von 240 Gigawattstunden bereitstellen sollen. Mercedes beteiligt sich weltweit am Bau von acht Fabriken, die für eine Leistung von 200 Gigawattstunden stehen.

VW hat zudem das Batterieunternehmen PowerCo gegründet, das alle globalen Aktivitäten des Konzerns entlang der Batterie-Lieferkette bündeln soll. PowerCo soll nun die Zusammenarbeit mit Kanada – sowie in der gesamten Region Nordamerika – vorantreiben. VW prüft dort auch mögliche Standorte für eine eigene Gigafactory für Batteriezellen.

Konzerne wollen Rohstoffe sparen und recyceln

Um sich die benötigten Materialien zu sichern, verfolgen beide Unternehmen die Strategie der vertikalen Integration der Lieferkette. VW hat dafür etwa mit Umicore, einem Hersteller von Materialien, eine Kooperation gestartet. Das Joint Venture soll die Gigafabrik in Salzgitter mit Material versorgen. Es ziele „auf den gemeinsamen Aufbau von Produktionskapazitäten für Vorstufen- und Kathodenmaterial in Europa sowie die nachhaltige Sicherung von Rohstoffkapazitäten aus verantwortungsvollen Quellen zu wettbewerbsfähigen Preisen“.

VW hat sich zudem an dem US-Start-up 24 M beteiligt. Neue Produktionsmethoden sollen Materialien einsparen helfen. Außerdem hat VW einen Vertrag mit Vulcan Energy, einem deutschen Unternehmen im Oberrheingraben, das VW ab 2026 CO2-neutrales Lithium liefern will.

Bei Mercedes heißt es: „Wir wollen den Rohstoffbezug diversifizieren, die Widerstandsfähigkeit unserer Lieferketten stärken und Abhängigkeiten reduzieren.“ Man arbeite an ressourceneffizienten Produktionsmethoden, die den Einsatz kritischer Materialien reduzieren. „Der Kobaltanteil an den Kathoden der Batteriezellen des EQS liegt beispielsweise bei weniger als zehn Prozent und wurde im Vergleich zur vorigen Batteriegeneration deutlich verringert“, teilt der Konzern mit.

Um Rohstoffe wiederzugewinnen, baut Mercedes gerade eine CO2-neutrale Recyclingfabrik im süddeutschen Kuppenheim. Mercedes erklärt: „China verfügt über große Raffinadekapazitäten für seltene Rohstoffe.“

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Auch Mercedes beziehe Seltene Erden aus China. Mit den direkten Zulieferern habe das Unternehmen aber Vereinbarungen getroffen. Sie sehen vor, dass es für die Seltenen Erden (Neodym, Terbium, Dysprosium) jeweils zwei Lieferanten geben muss, die in verschiedenen Regionen ansässig sind.


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