AutoindustrieVolkswagen: And the Winner is….?

Display eines ID.4: Volkswagen setzt voll auf ElektromobilitätIMAGO / TT

An zwei nüchternen Nachrichten kann man erkennen, wie unglaublich schnell sich in dieser Pandemie die Geschichten ändern – und auch die damit verbundene Stimmung im Land. Die erste Meldung besagt, dass der Volkswagen-Konzern in der dritten Maiwoche damit beginnen kann, seine Mitarbeiter gegen Covid-19 zu impfen. Die zweite Nachricht bezieht sich ebenfalls auf Volkswagen, und sie sie fällt noch etwas gewichtiger aus: Der Wolfsburger Konzern fuhr im ersten Quartal dieses Jahres einen Gewinn nach Steuern von 3,4 Mrd. Euro ein. Es ist eine der besten Jahreseröffnungen in der Geschichte des Unternehmens. In diesem Zeitraum wurden fast 20 Prozent mehr Fahrzeuge als in den ersten drei Monaten 2020 verkauft – also im Vergleich zu einem Quartal, das nur zum Teil schon unter den düsteren Zeichen der Pandemie gestanden hatte.

Wer im Mai vor einem Jahr diese beiden Ereignisse öffentlich vorhergesagt hätte, wäre zum Phantasten erklärt worden. Zu erdrückend schien die Pandemie, zu langsam die Entwicklung von Impfstoffen einerseits. Und zu klar schien andererseits, dass die deutsche Autoindustrie ihre besten Tage hinter sich hatte: Brach nicht die Zeit von Tesla an, war nicht das Schicksal der lahmen und unbeweglichen Autobauer in Wolfsburg, Stuttgart und München besiegelt?

Und doch hätte der aufmerksame Beobachter im Mai 2020 eine Ahnung haben können, was da kommt. Was den Impfstoff angeht – weil es Experten gab, die durchaus davon ausgingen, dass spätestens Anfang 2021 ein Mittel zur Verfügung stehen würde.

Vor allem aber zeichnete sich selbst im tiefsten Loch der Automobilindustrie im Frühling des vergangenen Jahres bereits ein Umbruch ab. Volkswagen hatte konsequenter als andere etablierte Hersteller auf einen radikalen Schwenk hin zum Elektroauto gesetzt. Zunächst mit dem ID.3, also einem Wagen, von dem man sich im Konzern erhofft, dass er die Nachfolge von Käfer und Golf als Massenprodukt antreten kann. Und in einem zweiten Schritt mit dem ID.4, einem kompakten Elektro-SUV, der gerade erst von einer internationalen Jury zum „Weltauto des Jahres 2021“ gewählt wurde. Das Unternehmen investierte also in einen Markt, der nun auch in Europa tatsächlich zu wachsen beginnt – mit großzügiger Unterstützung durch den Staat.

Nicht mal der Chipmangel kann Volkswagen stoppen

Zugleich hat Volkswagen angekündigt, mit voller Wucht in die Batteriefertigung einzusteigen und sich damit auch die Kontrolle über das teuerste einzelne Bauteil des Elektroautos zu sichern. Die Idee dahinter ist mittlerweile klar erkennbar: Wenn Tesla das Apple der Autoindustrie wird (was für sich genommen immer noch fraglich ist), dann übernimmt VW die Rolle von Samsung. Also des Massenherstellers, der allein aufgrund seiner Größe die Welt von hinten aufrollen kann. Das war immer eine Wette, und die ist es nach wie vor. Aber es ist eine Wette, die mehr und mehr aufzugehen scheint. Die Märkte jedenfalls wirken überzeugt: Die Volkswagen-Aktie hat innerhalb eines Jahres um fast 70 Prozent zugelegt.

Volkswagen Vz Aktie

Volkswagen Vz Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Nicht einmal der gravierende Mangel an Halbleitern, der nach einem Eissturm und einem Fabrikbrand in Japan Schockwellen durch die Industrie schickt, kann den Erfolg spürbar schmälern. Wahrscheinlich wären die Verkäufe sogar noch besser ausgefallen, wenn ausreichend Chips zur Verfügung gestanden hätten. Immerhin musste Volkswagen in den vergangenen Monaten mehrfach die Bänder anhalten, weil es an elektronischen Bauteilen fehlte. Und natürlich: Es gibt Anzeichen dafür, dass der Konzern künftig auch eigene Chips entwickelt.

Risikomarkt China

Was auch bereits vor einem Jahr erkennbar war: Es würde der chinesische Markt sein, der die Autobauer und auch einen großen weiteren Teil der deutschen Industrie aus dem Sumpf zieht. China, der Ursprung von Covid-19, hat die Pandemie im Grunde seit langem hinter sich gelassen. Mit einer autoritären Strategie, die in einer westlichen Demokratie nicht durchsetzbar wäre, aber das darf einem umsatzorientierten ja erst einmal egal sein. Die Fahrzeugverkäufe im Riesenreich gingen jedenfalls für Volkswagen derart in die Höhe, dass sie das Gesamtergebnis ordentlich mit nach oben zogen.

Darin aber liegt auch das große Risiko. China, ohnehin für viele deutsche Industrieunternehmen bereits der wichtigste Markt, hat in der Pandemie noch einmal an Bedeutung gewonnen. Es ist eine Verschiebung, die bleiben wird und die Volkswagen noch abhängiger von den politischen und ökonomischen Entscheidungen in Peking machen wird.

Aber das ist natürlich eine Prognose. Und mit denen sollte man vorsichtig sein.

 


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