Gastkommentar Vielfalt rechnet sich

„Diversity“ ist mehr als ein politisches Schlagwort. Für Firmen ist Vielfalt ein Gewinn - auch betriebswirtschaftlich. Von Dirk Thole
Dirk Thole ist Vorstand der BTC Business Technology Consulting AG
Dirk Thole ist Vorstand der BTC Business Technology Consulting AG

In der europäischen Gesellschaftspolitik ziehen derzeit nationalistische oder separatistische Bewegungen die Aufmerksamkeit auf sich. Davon zeugen die jüngsten Europawahlen nur zu deutlich. Diese Entwicklung steht ganz im Gegensatz zu den Initiativen in Unternehmen, die Vielfalt zu einem internen Unternehmensziel erklären. Dort werden die Unterschiede zwischen Menschen positiv gesehen, etwa in Bezug auf ihre kulturelle und ethnische Herkunft, ihre sexuelle Orientierung und Identität, ihr Alter und Geschlecht oder ihre körperlichen Fähigkeiten. Dabei geht es um Akzeptanz und Integration und nicht um Abgrenzung – weder im positiven noch im negativen Sinne.

In Deutschland sind es mehr als 1500 Firmen, die sich zu den Werten der „Charta der Vielfalt“ bekennen, einem Verein, der Anfang Juni zum zweiten Mal in Deutschland den Diversity-Tag ausrief. Das Engagement vieler Unternehmen und Institutionen kommt nicht von ungefähr – und auch nicht unbedingt aus altruistischen Beweggründen. Die Proklamation von Buntheit und gegenseitiger Achtung im Zusammenleben und -arbeiten hat auch eine betriebswirtschaftliche Komponente.

Perfektes Deutsch muss nicht sein

Der Blick auf den MINT-Frühjahrsreport des Instituts der deutschen Wirtschaft aus Köln zeigt auf eindringliche Weise, dass es keine Entwarnung beim Thema Fachkräftemangel gibt, obwohl die Initiative für die Förderung von naturwissenschaftlichen Studienfächern erste Früchte trägt. So stellt das Kölner Institut zum Beispiel fest, dass der Anteil von jungen Frauen, die Informatik oder Mathe studieren, langsam aber sicher ansteigt. Trotzdem errechnete das Institut eine MINT-Lücke von derzeit rund 117.000 Fachkräften, wobei der Bedarf an Technikern, Meistern und Facharbeitern mit 58 Prozent sogar den der Akademiker (rund 42 Prozent) überwiegt.

Hoffnung macht die Aussage des Reports, dass die Engpässe beherrschbar sind, wenn es gelingt, die Potenziale von Älteren und Zuwanderern zu aktivieren und die Erfolge bei den Studienanfängerzahlen von MINT-Fächern weiter auszubauen. Dass in Deutschland tatsächlich noch ungenutzte Erwerbsreserven schlummern, wie das Statistische Bundesamt 2013 diagnostizierte, untermauert die Richtigkeit des Unternehmensengagements in Richtung Diversity. Solche Unternehmen scheuen sich nicht, ausländische Bewerberinnen und Bewerber einzustellen, auch wenn ihre Bewerbungen nicht in perfektem Deutsch verfasst sind.

Eine Studie von Roland Berger zu „Diversity & Inclusion“ von 2012, die zu einem großen Teil deutsche Konzerne mit internationaler Geschäftsausrichtung befragte, macht deutlich, dass dort Diversitäts- und Inklusionsprogramme bereits seit einiger Zeit Einzug in die Unternehmenspolitik halten. Bestes Beispiel aus der deutschen IT-Szene: SAP aus Walldorf hat inzwischen seine Ankündigung des vergangenen Frühjahrs wahrgemacht und beschäftigt seit Januar die ersten autistisch geprägten Mitarbeiter als Software-Tester und -Programmierer in Deutschland.

Vielfalt schafft Marktzugänge

Während hier die besondere intellektuelle Fähigkeit der neuen Mitarbeiter zum Tragen kommt, ist es in anderen Fällen die Herkunft eines Mitarbeiters, die für das Unternehmen eine wichtige Rolle spielen kann. Denn kulturelle Vielfalt schafft auch neue Marktzugänge. So konnte unser Unternehmen zum Beispiel Projekte in China, Tschechien, Polen oder in der Türkei gewinnen, weil sich die länderspezifischen Beratungsteams mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus diesen Ländern zusammensetzten.

Der aufstrebende Markt in der Türkei, wo der Löwenanteil neu installierter Betriebswirtschaftssoftware auf den Softwarehersteller aus Walldorf zurückgeht und von dortigen IT-Partnern eingeführt wird, hat sogar zur Gründung einer Unternehmenstochter in Istanbul geführt. Unsere Erfahrungen dabei zeigen: Englisch reicht nicht aus, um Kunden vor Ort zu verstehen.

Vielfalt bis in die Entwicklungsteams hinein fördert auch die Innovations- und Lösungsfähigkeit eines Unternehmens. Verschiedene Sichtweisen können manchmal anstrengend sein. Sie erhöhen aber gleichzeitig die Chance, die Kreativität eines Produkts oder einer Lösung zu befruchten. Denn vielleicht achtet eine Frau im Team auf die Benutzerfreundlichkeit und ein Kollege aus einem anderen Kulturkreis hat die internationale Kompatibilität im Blick. Während der „alte Hase“ aus der Informationstechnik die Problematik ständig aktualisierter Standard-Software kennt und Update-Fähigkeit einfordert.

Diversity-Management kann Mitarbeiter binden

Wie die Roland-Berger-Studie ebenfalls herausfand, bleibt jedoch ein Haupttreiber der Diversitätsbemühungen in den Unternehmen das Ziel, sich damit als Wunscharbeitgeber zu positionieren. Der Verein „Charta der Vielfalt“ wirbt denn auch mit dem Argument, dass das Diversity-Management Beschäftigte bindet und dadurch auch bares Geld einspart.

Doch wie einfach ist es, Vielfalt herzustellen? Die Erkenntnis aus 14 Jahren interner Diversity-Politik: Vielfalt funktioniert nur, wenn sich Mitarbeiter und Teams auch auf Andersartigkeit einlassen. Die Theorie von Diversity mag im Unternehmen grundsätzlich begrüßt werden; im Arbeitsalltag kann Vielfalt auch Mühe kosten und erklärungsbedürftig sein. Sie setzt Offenheit und Veränderungswillen voraus, um alle Mitarbeiter mitzunehmen.

Zu einer Maßnahme des Diversity-Managements gehört deshalb die Sensibilisierung – zum Beispiel über „positive Irritationen“. Sie entstehen dann, wenn etwa die Einstellung einer schwangeren Bewerberin zuerst auf Unverständnis stößt, sich aber später als richtig erweist, weil sich die Mitarbeiterin nach der Elternzeit umso engagierter einbringt.

Der Gewinn von Diversity liegt demnach sowohl auf der gesellschaftlichen als auch auf der betriebswirtschaftlichen Seite. Das selbstverständliche Miteinander von Alt und Jung, „schwarz“ und „weiß“, heterogen und homogen, behindert und nicht behindert, sorgt für Toleranz und gegenseitige Wertschätzung im Alltag. Und es hilft, die wirtschaftliche Zukunft und Anpassungsfähigkeit Deutschlands in der internationalen Wirtschaft zu sichern.

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