KommentarTrumps Zahlenrätsel

Kanzlerin Merkel und US-Präsident Trump beim G7-Gipfel in Taormina
Kanzlerin Merkel und US-Präsident Trump beim G7-Gipfel in Taormina
© dpa

Der US-Konzern Apple ist ein Gigant, nach Börsenwert wertvoller als die gesamten Volkswirtschaften mancher mittelgroßer EU-Staaten. Im vergangenen Jahr machte Apple mit seinen iPhones, Computern und den Dienstleistungen drumherum weltweit einen Umsatz von rund 215 Mrd. US-Dollar. Davon blieb ein operativer Gewinn von annähernd 60 Mrd. US-Dollar, nach Steuern immer noch mehr als 45 Mrd. US-Dollar. Was das mit Donald Trump und seinem Ärger über uns Deutsche zu tun hat? Eine ganze Menge. 

Wenn sich Trump aufregt, die Deutschen exportierten zu viel und kauften zu wenig aus den USA, dann zieht er die Handelsbilanz heran. Und die sieht für die Amerikaner zunächst wirklich nicht so doll aus: Seit vielen Jahren haben die USA im Geschäft mit dem Rest der Welt ein gewaltiges Defizit: Annähernd 800 Mrd. US-Dollar betrug es allein im vergangenen Jahr. Amerikaner kaufen und investieren mehr, als sie im Inland selbst erwirtschaften. Alles, was sie mehr verbrauchen als sie selbst herstellen, müssen sie importieren – so entsteht das Defizit in der Handelsbilanz.

Nur passt dieses Bild so gar nicht zur Dominanz von Konzernen wie Google, Facebook, Microsoft, Apple oder Coca-Cola, die die Welt mit ihren Produkten zupflastern. Unser Leben ist voll mit amerikanischen Waren – und trotzdem ist der Handel der USA so schwach. Wie kann das sein? 

In Trumps Bilanzen geht es zu wie beim Metzger

Die Antwort liegt in der Internationalisierung. All die schicken Handys und Computer von Apple werden meist in Asien produziert und gehen von dort direkt in den weltweiten Vertrieb. Von den USA sehen die meisten Apple-Geräte nie etwas, und deswegen tauchen sie auch nicht in der dortigen Handelsbilanz auf – mit Ausnahme der Geräte und Produkte, die Apple auf seinem Heimatmarkt vertreibt. Sie müssen in der Regel sogar importiert werden und vergrößern damit – absurde Folge der Globalisierung – sogar das Handelsdefizit, das Trump so aufregt. Niemand käme deshalb aber auf die Idee, Apple nicht als einen der mächtigsten US-Konzerne der Welt zu betrachten, der er nun mal ist.

Die Absurdität geht aber noch weiter. Die Gewinne, die Apple im Ausland macht, beeinflussen zwar nicht die Handelsbilanz, gehen aber in die Leistungsbilanz des Landes ein – und zwar als „Primäreinkommen“. So bezeichnen Ökonomen Erwerbs- und Vermögenseinkommen von Unternehmen und Privatpersonen aus dem Ausland, grob gesagt also die Gewinne aus dem Ausland. In der Leistungsbilanz werden Handelsbilanz, Dienstleistungsbilanz und der Saldo der Primäreinkommen miteinander verrechnet – obwohl das eine eher eine Umsatz-, das andere eher eine Gewinngröße ist. In Trumps Bilanzen geht es zu wie beim Metzger.

Man ahnt es: Dem US-Handelsdefizit steht ein gewaltiger Überschuss an Gewinnen aus dem Ausland gegenüber (allein 2016 waren dies 180 Mrd. Dollar). Da aber selbst bei Apple der Ertrag niedriger ist als der Umsatz, bleibt in der Leistungsbilanz unterm Strich ein Minus. 

Optimierung der Steuerlast

Wie sehr die Statistik die Verhältnisse verzerren kann, zeigt die deutsche Leistungsbilanz mit Irland. Seit Jahren hat Deutschland mit den Iren ein Leistungsbilanzdefizit- – und das sicher nicht, weil wir so viel Butter von der Insel beziehen würden. Es sind vor allem US-Konzerne, die in Irland oftmals ihren Vertrieb und zusätzlich auch Forschungs- und Patenteinheiten gebündelt haben: Apple-Computer und Lizenzen für das neueste Microsoft-Programm treiben das deutsche Leistungsbilanzdefizit mit Irland. Selbst die USA haben mit Irland ein Handelsbilanzdefizit, und zugleich aber einen ordentlichen Überschuss in den Primäreinkommen.

Stefan Kooths, Ökonom und Professor am Kieler Institut für Weltwirtschaft, hält bilaterale Handels- und Leistungsbilanzzahlen, für schlicht unbrauchbar – mit einer Ausnahme: Man erkenne in den Zahlen die Möglichkeiten großer Konzerne, ihre Steuerlast zu optimieren. „In unserem Leistungsbilanzdefizit sehen wir auch die vielen US-Konzerne, die wie Apple in Irland aus steuerlichen Gründen Patente und Vertrieb bündeln und dort so die Gewinne aus den einzelnen Märkten steuergünstig sammeln. Wenn wir einen Computer oder eine Software von diesen Unternehmen kaufen, läuft das meist über Irland“, sagt Kooths.

Einen vagen Einblick in die Dimensionen der Beträge, die da innerhalb von Konzernen hin- und hergeschoben werden, liefert der Steuerstreit Apples mit der EU-Kommission: Allein im Jahr 2011 habe Apple in Irland einen Gewinne aus Verkäufen und Lizenzen von 22 Mrd. Euro aus ganz Europa, dem Nahen Osten und Indien verbucht – und nicht versteuert. 

Es ist schwer zu sagen, ob Trump die Untiefen der US-Handels- und Leistungsbilanz kennt. Die Materie ist komplex und valide Zahlen sind nur schwer zu erhalten. Doch allein die wenigen verfügbaren Daten zeigen schnell, dass die US-Handelsbilanz relativ wenig über die Stellung der US-Wirtschaft in der Welt aussagt. Wahrscheinlich ist Trump das alles aber auch einfach egal.

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