UnternehmenWie Sioux den Grashopper wiederbelebt

Sioux-Chef Lewin Berner
Lewin Berner, Chef des Walheimer Schuhherstellers Sioux
© Evelyn Dagan

Da war dieser Tag im Mai, an dem Lewin Berner unter den Tisch griff und seinem italienischen Designer die Schuhe auszog. Die Runde saß 2015 wie jedes Jahr zusammen und sprach über neue Kollektionen, und wie so oft war alles etwas zu routiniert und zaghaft. Ein neues Blau vielleicht, dunkler oder heller, eine Handvoll Entwürfe. Aber bloß keine Experimente! Und da reichte es Berner irgendwann, er bückte sich, schnürte dem Designer die Sneaker auf, warf sie auf den Tisch und fragte: „Was trägt unser Designer heute?“ Gemurmel: keinen Grashopper.

„Warum nicht?“ Lewin Berner stellte ein Paar Grashopper daneben.

Müdes Lächeln in der Runde. „Das eine ist ein Sneaker, das andere ist ein Mokassin.“

„Die Sneakerwelle haben wir verschlafen“, sagte Berner, „Dennoch hätte ich gerne einen Hybrid: oben Mokassin, unten Sneaker.“ „Der Hopper mit der anderen Sohle. Haben wir schon mal gehabt. Das hat noch nie funktioniert.“

„Wann?“

Ah, zehn Jahre her. „Dann probieren wir das jetzt noch mal.“

Jeder sollte Vorschläge machen. Und in zwei Wochen wollte Berner die Prototypen sehen. „Und in sechs Wochen gehen wir damit auf die Fashion Week nach Berlin.“

Große Augen. Auf der Fashion Week, dem Treffen der hippen und noblen Modelabels in der Hauptstadt, war Sioux noch nie gewesen.

Berner fordert bei Sioux neues Denken ein

Wo genau Sioux über die Jahre gewesen ist, wissen auch viele nicht mehr. Der Schuhhersteller aus Walheim war immer da, aber aus vielen Köpfen verschwunden. Ist das nicht diese Marke für ältere Herren? Die diese Gesundheitsschuhe macht?

Lewin Berner rollt mit seinen braunen Augen, wenn er das hört. Genau das will er ja seit fünf Jahren ändern. Und das ist mühsam, deshalb erzählt er Anekdoten wie die mit dem Grashopper-Meeting. Er will neues Denken, Wagnisse.

Wer Berner in der Sioux-Zentrale besucht, die sich zweistöckig in Walheim zwischen Wohnhäusern fast versteckt, trifft auf einen jungen Mann, der vor allem eines ist: wild entschlossen. Er will Sioux wieder groß machen. Cool machen. Die Marke, die 1964 das Kultmodell Grashopper auf den Markt brachte und weltweit über 17 Millionen Mal verkaufte – sie soll wieder strahlen.

Keine leichte Aufgabe. Der deutsche Schuhmarkt ist heiß umkämpft – er ist stabil, aber wächst seit zehn Jahren im Wert und Volumen nicht mehr. Seit 2005 sind von 57 Herstellern mit mehr als 49 Mitarbeitern 19 verschwunden. Die meisten Wettbewerber sind viel größer als Sioux.

Grafik Umsätze der deutschen Schuhindustrie

Der Handel: wie in der Mode unter Dauerfeuer. Einige große Ketten wie Görtz, Reno und Leiser, die auch kämpfen oder bereits restrukturiert wurden; dazu einige Tausend kleine Händler, von denen jedes Jahr zwei bis drei Prozent dichtmachen.

Online wächst, boomt, mit Zalando, Otto und Amazon, doch der Kampf um Marktanteile ist verlustreich. Dann sind da noch die Modeketten wie H&M und Zara, die inzwischen eigene Kollektionen verkaufen, und große Hersteller wie Clarks und Ecco, die immer mehr eigene Läden betreiben. Es ist ein Markt mit düsteren Schlagworten wie Strukturwandel, Konsolidierung und Konzentration und solchen, die nach Zukunft klingen sollen: Omni-Channel, Monolabel-Stores, Handel 4.0.

Zahl deutscher Schuhproduzenten

Lewin Berner kennt die Zahlen. „Uns wird kein Wachstum geschenkt, alles ist Verdrängung“, sagt er. In seinem Büro hängt eine Wand voller Charts und Grafiken, Abverkaufsquoten, KPIs, Wachstumsraten, Google Analytics. Er gräbt sich überall rein. Das Frühjahr war wetterbedingt schwierig, das zweite Quartal lief passabel, das dritte wieder mau. 2016 wird ein schwieriges Jahr. „Aber unsere Onlineanfragen haben wir fast verdoppelt“, sagt er und tippt auf einen Chart. „Wir spüren, dass sich was mit der Marke getan hat.“

Er hat treue Kunden, 45 Prozent Herren, 55 Prozent Frauen. Er braucht noch mehr Frauen, denn die experimentieren mehr. Und kaufen mehr, zwei Drittel des Marktes sind Damenschuhe. Und er möchte junge Kunden, ohne die alten zu verlieren. Der übliche Traditionsmarkenspagat. Warum tut er sich das an?