KolumneUndurchsichtige Investoren aus China

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Kein Deal ist zu groß, kein Risiko ist zu hoch. Dieser Leitlinie folgte lange Zeit der chinesische Versicherungsriese Anbang. Im letzten Jahr ventilierten die Manager des Konzerns sogar eine Übernahme des deutschen Konkurrenten Allianz – und trafen dort auf ein anderes Schwergewicht aus China mit der gleichen Devise: die HNA-Holding, den größten Einzelaktionär der Deutschen Bank. Beide kapitulierten am Ende in München, verfolgten jedoch ihre globale Expansionsstrategie weiter. Mittlerweile können Anbang und HNA jedoch froh sein, wenn sie in ihrer jetzigen Gestalt überhaupt überleben. Beide Konzerne stehen in diesen Wochen in ihrer Heimat im Mittelpunkt undurchsichtiger Schattenspiele.

HNA kämpft seit längerem um den Zugang zu neuen Krediten. Einzelne Tochterfirmen konnten ihre fälligen Anleihen nicht zum vereinbarten Termin zurückzahlen. Die Schulden des Konglomerats, das eng mit der Provinzregierung der Insel Hainan verknüpft ist, summieren sich auf die gewaltige Summe von 25 Mrd. Euro. Schon werden viele andere Aktionäre der Deutschen Bank nervös und fragen sich, ob die HNA-Manager ihre deutschen Aktien bald kursschädigend auf den Markt werfen müssen. Noch dementiert der Konzern diese Absicht.

Der Versicherer Anbang sorgte letzte Woche vor Aufregung: Dort hat inzwischen der Staat die Kontrolle übernommen. Gegen den früheren Chef des Konzerns ermitteln die chinesischen Staatsanwälte. Man wolle die Kunden des Versicherers vor „rechtswidrigen Praktiken“ schützen, verkündete die staatliche Aufsicht. Für mindestens ein Jahr soll Anbang jetzt unter Kuratel bleiben.

Xi kann den Geldhahn zudrehen

Hinter den Auseinandersetzungen verbirgt sich auch ein grundlegender Streit in der chinesischen Führung. Beide Konzerne konnten sich lange Zeit auf die unbedingte Unterstützung von einflussreichen Führern der Kommunistischen Partei Chinas verlassen. Ihre Milliarden-Investitionen im Ausland galten als Ausweis für die große Wettbewerbsfähigkeit von Anbang und HNA. Der jetzige Staats-und Parteichef Xi Jinping möchte die großen Unternehmen des Landes jedoch zwingen, weiterhin vor allem in China selbst zu investieren. Anbang und HNA finden jedoch immer weniger Anlagemöglichkeiten im Land selbst, die noch die hohen Renditen versprechen wie in der Vergangenheit. Das gilt vor allem für den hochspekulativen Immobiliensektor in China, in den in der Vergangenheit Jahr für Jahr Milliarden Yuan geflossen sind. Deshalb wehren sich die Manager und versuchen, die Vorgaben aus Beijing zu umgehen. Doch dieser Kurs birgt, wie sich jetzt zeigt, hohe Risiken: Xi Jinping kann über die Staatsbanken einfach den Geldhahn zudrehen, um die aufmüpfigen Manager zur Raison zu bringen.

Diese Gemengelage ist für deutsche Aktionäre praktisch undurchschaubar. Chinesische Konzerne, die heute noch als mächtig und unangreifbar gelten, können morgen schon vor dem Aus stehen. Deshalb gilt für uns die Devise: Im Zweifel lieber die Hände weg von derartigen Investments in China.


Die wichtigsten chinesischen Übernahmen in Deutschland