KommentarBraucht der Fortschritt Arschlöcher?

Travis Kalanick
Ex-Uber-Chef Travis Kalanick wurden rüde Führungsmethoden zum Verhängnis
© Getty Images

Muss man heute ein Arschloch sein, um im Eiltempo einen Weltkonzern aufzubauen? Diese Frage stellt sich in der wohl spektakulärsten Entlassung in dieser Woche: Travis Kalanick ist nicht mehr Chef von Uber; der Mann, der den Fahrdienst atemlos und brutal um den Erdball gespannt hat. Die Antwort lautet: jein.

Die Gründer von Airbnb etwa breiten ihr Unternehmen ganz ohne öffentliche Eskapaden aus. Jack Ma, der in Asien Alibaba riesengroß machte, gilt als charismatisch – und vor allem witzig. Aber die meisten Gründer, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Weltreiche geschaffen haben, weisen ähnliche Züge wie Kalanick auf.

Im Film „The Social Network“ über den Aufstieg von Facebook und Mark Zuckerberg (der heute ganz die Rolle des warmherzigen Ich-will-die-Welt-verbessern-Philanthropen spielt) gibt es am Anfang die berühmte Szene, in der Marcs Freundin zu ihm sagt: „Du wirst erfolgreich und reich werden. Und du wirst immer denken, dass Mädchen dich nicht leiden können, weil du ein Nerd bist. Aber das ist nicht wahr: Sie können dich nicht leiden, weil du ein Arschloch bist.“

Ungeduld schlägt in Härte und Ausbrüche um

Genie oder Arschloch? Vermutlich liegt beides oft nah beieinander. Auch Steve Jobs galt als hart und unerbittlich, ebenso Tesla-Chef Elon Musk. Apples Finanzvorstand Fred Anderson soll im Nebenjob „Kontrolleur von Tobsuchtsanfällen“, die Jobs regelmäßig hatte, gewesen sein. Der Jobs-Biograf Alan Deutschman schrieb: „Wenn er ,Bad Steve’ war, schienen ihm die furchtbaren Schäden, die er bei Egos und Emotionen anrichtete, völlig gleichgültig zu sein.“ Und Amazon-Chef Jeff Bezos sagte zu Mitarbeitern gern Sätze wie „Sind Sie faul oder nur imkompetent?“ Er soll Untergebene allein durch sein Lachen demütigen, das der Autor Brad Stone als „eine Kreuzung aus dem Paarungsschrei eines See-Elefanten und einem Elektrobohrer“ beschreibt.

Wobei das Arschlochsein wohl eher aus dem unheimlichen Energiefeld rührt, das diese Menschen erzeugen, und weniger aus Niedertracht, Bosheit oder Intrigantentum. Diese Gründer verfolgen ihre Vision mit einer Konsequenz und Kühnheit, die wir bewundern, die das Umfeld, die Mitarbeiter, aber auch Investoren und Weggefährten oft überfordern und beängstigen. Das Tempo ist verdammt hoch, diese Visionäre sind zu intensiv und ihre Ungeduld schlägt in Härte und Ausbrüche um. „Er tut, was er will, und dabei ist er gnadenlos“, hat Musks Ex-Frau Justine dem Autor und Musk-Biografen Ashlee Vance einmal gesagt. Diese Gründer sind oft sehr jung, sie sind Diven, sie sind besessen und vielleicht überfordern sie sogar manchmal sich selbst.

In der Unerbittlichkeit liegt das Geheimnis für den Aufstieg zur Weltgröße, für den Erfolg, ja für unseren Fortschritt, und gleichzeitig der Keim für das Scheitern. Der Stanford-Professor Robert I. Sutton kam in einer Studie für den „Harvard Business Review“ zu dem Schluss, dass am Ende „diese destruktiven Charaktere ihren Mitmenschen schaden“ und „die Leistungsfähigkeit von Organisationen untergraben“. Er stellte später in einem Buch eine „No Asshole Rule“ auf, in dem er Steve Jobs ein ganzes Kapitel widmete. Aber wäre das iPhone auch ohne diese Besessenheit möglich gewesen?

Uber – Symbol für Bewertungswahnsinn

Genau diese Frage stellt sich nun auch bei Uber und dem plötzlichen Vakuum, ob der Fahrdienst sein Aufstiegstempo halten kann – oder implodiert. Denn mit Kalanick sind auch andere Top-Manager gegangen, und das Energiefeld fehlt nun. Uber ist unter den Welteroberern und „Decacorns“ (Start-ups mit über 10 Mrd. Dollar Bewertung) das wertvollste: auf atemberaubende 68 Mrd. Dollar wird es taxiert, das ist mehr als der Autogigant General Motors.

Uber ist eben nicht nur der Wahnsinn von Kalanick, sondern auch Symbol für den Bewertungswahnsinn – die einen sehen in dem Fahrvermittler eine Plattform vergleichbar mit Amazon, die in zehn Jahren die menschliche Mobilität definieren und beherrschen wird. Die andere sehen Uber als Symptom für eine gigantische Blase. Als ein ungestümes und überschätztes Start-up, das zwar rasant wächst, aber Geld verbrennt – und seinen Zenit überschritten hat, weil es sich etwa in China zurückziehen musste, in vielen Ländern verboten ist und längst Marktanteile gegen Konkurrenten wie Lyft verliert.

Es gibt keine Regel, was mit Visionen ohne ihre Visionäre, und mit Unternehmen ohne ihre Gründer passiert. Auch Steve Jobs wurde 1985 herausgedrängt, was im Rückblick für ihn und seine Kreativität genau richtig war. Ende der 90er kehrte er zu Apple zurück, das in einer tiefen Krise war und formte es zu dem Weltkonzern, den viele heute bewundern. Auch bei Google gab es den Zeitpunkt, in dem der Sturm und Drang von Larry Page und Sergey Brin Reife und Strukturen brauchte; sie gaben 2001 die Führung an Eric Schmidt ab, um zehn Jahre später wieder an die Spitze zurückzukehren.

Unterm Strich bleibt wohl die Erkenntnis, dass wir trotz aller Härte und Eskapaden diese Genies mehr brauchen als Harmonie in der Teeküche. Niemand zwingt einen ja, sich diesen Menschen anzuschließen und die Karriere für sie zu opfern. Das Geheimnis, wie diese Visionäre ticken, wird für uns ohnehin unergründlich bleiben. Alexander Puschkin, der große russische Dichter, hat in dem Drama „Mozart und Salieri“ den feinen Unterschied zwischen Genie und Talent beleuchtet: Ein Genie schafft nach Regeln, die es selbst nicht kennt.

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