Voice of AmericaPittsburgh - keine Stadt in Frankreich

Skyline von Pittsburgh
Skyline von Pittsburgh
© Getty Images

Vielleicht ist Andy Warhol schuld. Im Sommer 1949 packte der 21-Jährige seine Koffer und verließ für immer die Stadt, in der er geboren wurde: Pittsburgh, Pennsylvania. Sein Name ist seitdem untrennbar mit New York verbunden. An seiner Heimatstadt blieb dagegen das Image der verrußten Stahlstadt hängen. Kein Ziel, das man freiwillig ansteuert.

Doch wenn man wie ich von Washington aus nach Ohio muss, um dort über einen Auftritt von Donald Trump zu berichten – dann ist Pittsburgh der perfekte Zwischenstopp. Trump hat ja gerade erst beim Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen verkündet, dass er die Bürger von Pittsburgh repräsentiere und nicht die von Paris. Da muss man sich die Stadt wohl mal anschauen.

Die Überraschung: Pittsburgh ist schön. Wer abends mit der Zahnradbahn auf den Mount Washington fährt, blickt auf eine funkelnde Skyline zwischen zwei Flüssen. Pittsburgh hat 440 Brücken, Grünflächen, Fahrradstraßen, Art-déco-Architektur, vier Carnegie-Museen, den Charme revitalisierter Industrieareale und eine wachsende Start-up-Szene. Wegen des Roboter-Knowhows der Universität hat Uber dort seine selbstfahrenden Taxis getestet. Auch Google ist schon da.

75 Prozent für Hillary Clinton

Capital 09/2017
Die aktuelle Capital

Ein mutiger Autor vom „New Yorker“ hat Pittsburgh schon 1989 als eine der drei schönsten Städte der Welt bezeichnet, neben Sankt Petersburg und Paris: „Würde Pittsburgh irgendwo im Herzen Europas liegen, nähmen Touristen gerne Hunderte Meilen Anfahrt in Kauf.“ Pech für die Stadt, dass sie nicht in Frankreich liegt, sondern im Rostgürtel der USA, der traditionellen Industrieregion, wo es krachte und stank. Und noch größeres Pech, dass sie einen Präsidenten hat, der die einstige Stahlstadt wohl immer noch für die „Hölle ohne Deckel“ hält, die sie im 19. Jahrhundert einmal war.

In der Stadt der Brücken hat sich kaum einer über seinen Satz gefreut. Trump ging es alternativ zu den Fakten wohl einfach um eine hübsche Alliteration. Oder er wollte den Pittsburghern unter die Nase reiben, dass er tatsächlich ihr Präsident ist. Denn die einstige Arbeiterstadt hat nicht ihn gewählt, sondern mit 75 Prozent Hillary Clinton. So was verzeiht Trump nicht.

Anders die Pittsburgher. Warhol mag seine Heimatstadt vergessen haben, sie ihn nicht. Auf sechs Stockwerken präsentiert das Warhol Museum die größte Sammlung seiner Werke. Mit dabei: ein klobiger Commodore Amiga 1000, auf dem Warhol in den 80er-Jahren mit Computerkunst experimentierte. In einem klimatisierten Raum beeindruckt Warhols Adaption von Sandro Botticellis „Geburt der Venus“ auf dem Bildschirm des antiken Amiga.

Pittsburgh hat verstanden, wie man aus der Vergangenheit eine Zukunft macht. Und übrigens: Es gibt Direktflüge von und nach Paris.


Unsere Kollegin Ines Zöttl lebt und arbeitet seit Jahresanfang in Washington. Hier schreibt sie jeden Monat über Politik und Wirtschaft in den USA.Unsere Kollegin Ines Zöttl lebt und arbeitet seit Jahresanfang in Washington. Hier schreibt sie jeden Monat über Politik und Wirtschaft in den USA. Weitere Folgen: Trump-Verehrung jenseits des Sumpfes, Manager in der Trump-Falle und Der Staat in meinem Bett


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