Interview Thomas Straubhaar: Die Zeit der großen Masterpläne ist vorbei

Thomas Straubhaar
Thomas Straubhaar
© Claudia Höhne
Die Zukunft wird komplexer und ist kaum noch vorhersehbar. Der Ökonom Thomas Straubhaar wirbt für ein Umdenken in Politik und Wirtschaft: Es sollen nur noch Ziele vorgegeben werden – den Weg dorthin überlässt man der Innovationskraft der Menschen

Thomas Straubhaar, Ökonom und Migrationsforscher mit Schweizer Wurzeln, ist Professor an der Universität Hamburg. Er hat mehrere Bücher verfasst, zuletzt erschien im April 2019 in der edition Körber „Die Stunde der Optimisten – So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft“.

CAPITAL: Herr Straubhaar, in Ihrem neuesten Buch fordern Sie ein radikales Umdenken unserer Ökonomie. Warum?

THOMAS STRAUBHAAR: Viele Gesetzmäßigkeiten, die die Ökonomie geprägt haben und die in der Vergangenheit Gültigkeit hatten, sind heute nicht mehr gültig. Das betrifft erstens die Entnationalisierung der Wertschöpfung, denn Volkswirtschaften stellen heute nicht mehr so räumlich abgrenzbare Gebilde dar wie früher. Zweitens lässt sich beobachten, dass das Volk früher durch bestimmte Prototypen darstellbar war. Das ist heute nicht mehr so, es gibt nicht mehr das eine homogene Volk. Der dritte Punkt, der wichtig ist: Früher konnte man aus der Vergangenheit kluge Rückschlüsse für die Zukunft ziehen. Wenn Sie mit einem Geschäftsmodell in der Vergangenheit Erfolg hatten, konnten Sie davon ausgehen, dass das auch in der Zukunft erfolgsversprechend war. Das ist heute nur noch begrenzt der Fall.

Wie wird die Zukunft Ihrer Meinung nach aussehen?

Die Zukunft wird anders sein, viel komplexer. Viele Prozesse werden viel schneller ablaufen. Das heißt, niemand weiß, wie die Welt in zehn oder 20 Jahren wirklich aussehen wird. Deshalb sollten wir bei den Fragen, die wir stellen, nicht mit präzisen Antworten rechnen. Und genau aus dem Grund müsste Politik in Zukunft viel weniger handlungsorientiert sein, und weniger sagen, was sein wird und was zu tun ist. Stattdessen sollte sie mehr verhaltensorientiert sein, indem Regeln gesetzt werden, die dann einzelnen Menschen die Freiheit lassen, sich einem wandelnden Umfeld besser und stetiger anpassen zu können. Das erfordert nicht mehr große Masterpläne, sondern eine Politik, die die großen Ziele vorgibt, aber nicht mehr sagt, wie diese Ziele erreicht werden sollen.

Der Staat soll also Verantwortung abgeben?

Im Gegenteil. Der Staat soll sich nicht aus der Verantwortung ziehen, sondern wird stärker und anders als heute sozialpolitisch gefordert sein. Das betrifft vor allem Gerechtigkeitsfragen. Eine Sozialpolitik der Zukunft sollte nicht erst dann greifen, wenn Probleme entstanden sind, sondern sollte Probleme gar nicht erst entstehen lassen – aus der Erkenntnis heraus, dass Prävention immer billiger ist als Reparatur.

Die Politik sollte nur noch Ziele vorgeben, nicht aber den Weg

Sie bezeichnen Resilienz als „Zauberwort“ der Ökonomie. Was bedeutet das?

Resilienz meint zum einen die Anpassungsfähigkeit eines Systems an neue Herausforderungen. Dass also nicht im Vordergrund steht, das Bestehende zu bewahren und die neue Welt einem alten System anzupassen, sondern das man die künftigen Systeme so anpasst, dass sie für die neue Welt passen. Die zweite Annahme, die mit Resilienz einhergeht, ist, dass es um Anpassung durch Entdeckung geht. Das man also bei der Resilienz nicht sagt, was werden muss, sondern nur die Regeln und die Grundzüge vorgibt.

Wie sieht eine solche Politik ganz praktisch aus?

Wenn es um die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie geht, gibt die Politik beispielsweise ökologische Ziele vor. Den Weg dahin lässt man aber offen und sagt zum Beispiel nicht ‚Wir subventionieren jetzt Windenergie‘, sondern nur, dass das Ziel ist, ressourcenschonend zu wirtschaften. Man formuliert also das Ziel und den Weg zum Ziel überlässt man der Innovationskraft von Menschen, die dann durch diese Zielsetzungen dazu bewogen werden, diese Ziele mit ökologisch smarten Ideen zu erreichen.

Apropos grünes Wirtschaften: Die Europawahl hat gezeigt, dass Klimaschutz den Menschen immer wichtiger wird. Wie ordnen Sie das ein?

In Zukunft wird sich Politik nicht mehr in klassischer Volksparteienarbeit betreiben lassen. Das Volk versteht sich nicht mehr als Bevölkerung mit einigermaßen gleichartigen Erwartungen wie das historisch der Fall gewesen ist. In Zukunft werden Themen vielmehr in Form von Bewegungen organisiert. Bewegungen die durchaus grenzüberschreitend, generationenübergreifend und schichtenübergreifend operieren. Klimapolitik ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich ein Thema jenseits klassischer Parteien in den Vordergrund schiebt und ganz neue Schnittmengen in der Bevölkerung aktiviert. Klima und Umwelt werden sicher für die nächsten zehn, 20 Jahre absolut dominante Themen sein. Nun muss es gelingen, durch entsprechende wirtschaftspolitische Rahmenstellungen dafür zu sorgen, dass Ökonomie und Ökologie parallel Hand in Hand laufen.

Sie sprechen sich für das bedingungslose Grundeinkommen aus. Warum?

Das bedingungslose Grundeinkommen ist erstens offen für das Verhalten von Menschen. Es sagt uns nicht, was wir tun müssen, um sozialpolitisch unterstützt zu werden. Jede heute gesetzte Bedingung ist eine Einschränkung für die Handlungsfähigkeit künftiger Generationen. Niemand weiß, was die richtigen Bedingungen für Morgen wären. Der zweite Punkt ist, dass das bedingungslose Grundeinkommen im Prinzip nichts anderes ist, als das heutige Kindergeld, jedoch lebenslang ausbezahlt – die Gesellschaft geht in Vorleistung bei Menschen aber nicht nur bis 25 Jahre. Wir sollten ein Leben lang Menschen immer wieder in die Lage versetzen, dieses Vorschussvertrauen zu nutzen, etwas Neues zu leisten, damit das Vertrauen zu rechtfertigen und diesen Vorschuss zu refinanzieren. Und der letzte Punkt ist: Ich denke, wir benötigen in Zukunft ein System, das komplett losgelöst ist vom klassischen Modell der Lebensführung.

Was entgegnen Sie der Kritik das bedingungslose Grundeinkommen ließe sich kaum finanzieren?

Das ist eine völlig falsche Herangehensweise. Wenn man so argumentiert, wäre die deutsche Einheit nie zustande gekommen, dann wären die Menschen nie zum Mond geflogen, dann hätte Columbus niemals Amerika entdeckt. Viele Dinge scheinen auf den ersten Blick nicht finanzierbar. Das zeigt aber eigentlich lediglich eine gewisse Risikoscheu, eine Rückwärtsorientierung. Es ist das Wesen von unternehmerischem Mut, dass man bereit ist nach vorne zu gucken und in eine Richtung zu gehen, die sich nicht am ersten Tag scheinbar finanzieren lässt. Und scheinbar meine ich deswegen, weil wenn es tatsächlich der politische Wille ist, die Dinge zu ändern und zu modernisieren, dann können wir diesen politischen Willen auch finanzieren. Die Mittel in Deutschland sind vorhanden . Das wird natürlich kein paradiesisch hohes Grundeinkommen sein, bei dem alle Menschen aufhören können zu arbeiten. Das wird in etwa dem entsprechen, was heute als Grundsicherung ausgezahlt wird.

Die Globalisierung hat zu Wohlstand verholfen

Sie sagen, dass Wohlstand für alle immer noch möglich ist. Für wen gilt das? Für Deutschland und Europa oder auch für den Rest der Welt?

Als heute lebende Generation ist es unsere oberste Pflicht, dass wir für unsere Kindeskinder sicherstellen, dass auch sie ein glückliches Leben führen können. Gleichzeitig haben wir auch die Pflicht, dass es weltweit in die Richtung geht, dass mehr Menschen mehr Wohlstand haben. Die gute Nachricht ist, dass das in den letzten 50 Jahren schon sehr erfolgreich realisiert werden konnte. Durch die Globalisierung ist es durchaus gelungen dieser Forderung weltweit gerecht zu werden und mehr Menschen zu mehr Wohlstand zu verhelfen. Es leben heute mehr Menschen auf der Welt länger und gesünder als jede Generation zuvor.

Zur Globalisierung gehört auch die Migration. Kann Zuwanderung nach Deutschland die deutsche Wirtschaft ankurbeln?

Das ist ein Thema, bei dem sowohl die Befürworter wie auch die Kritiker weit über das Ziel hinausschießen und Zuwanderung so instrumentalisieren, wie es den tatsächlichen Auswirkungen von Zuwanderung bei weitem nicht entspricht. Die einen sehen in der Zuwanderung sozusagen eine eierlegende Wollmilchsau, die Sozialbeiträge bringt und das Fachkräfteproblem löst. Sie wollen über Einwanderung die Zukunft Deutschlands absichern. Und dann gibt es jene, die alle Probleme Deutschlands der Zuwanderung in die Schuhe schieben wollen, wie beispielsweise, dass das Gesundheitswesen nicht mehr finanzierbar ist. Beide Sichtweisen sind maßlose Überhöhungen dessen, was Zuwanderung wirklich bewirkt. Der Zuwanderungseffekt ist sowohl im Positiven wie im Negativen bescheiden.

Mehr zum Thema

Neueste Artikel