EssayResilienz - das Zauberwort für die Ökonomie der Zukunft

Thomas Straubhaar
Thomas Straubhaar ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Hamburg Claudia Höhne

Disruption: Kein anderer Begriff vermag kompakter und besser zusammenzufassen, was die Zukunft an Herausforderungen mit sich bringen wird. Das Schlagwort soll wiedergeben, dass radikale und abrupte Veränderungen das kommende Zeitalter von Digitalisierung und Datenökonomie prägen werden. Kaum vorhersehbare und plötzlich eintretende Brüche werden Linearität und Kontinuität ablösen, die in der Vergangenheit die Regel waren. Die Folgen werden nicht graduell oder marginal (also bescheiden und begrenzt) sein, sondern fundamental und umfassend ausfallen. Alte Maßstäbe, bisherige Orientierungshilfen, Bekanntes und Gewohntes verlieren an Aussagekraft und Erkenntnisgewinn. Eine Fortschreibung des Bisherigen wird vielfach genauso wenig weiterhelfen, wie ein „Weiter wie bisher“ kaum das klügste Entscheidungsverfahren sein dürfte. Eine neue Ökonomie bedarf eines besseren Verständnisses disruptiver Entwicklungen.

Disruption zerstört die Illusion, dass es einen Normalfall gibt, der typisch für alles und alle anderen dasteht. Sie macht den Normalfall zur Ausnahme. „Wo nichts von selbst verständlich ist, endet Selbstverständlichkeit. Wenn nur noch darauf Verlass ist, dass auf nichts Verlass ist, hat auch dieses Wort seinen angestammten Sinn verloren. Kaum hat man alle Antworten gelernt, wechseln die Fragen. Nur wer dem Begriff Normalität Gewalt antut, kann ihn weiterverwenden“, schreibt Gabor Steingart in seinem Buch „Das Ende der Normalität“. Wo keine Norm existiert, da gibt es keinen Durchschnitt, der einigermaßen wiedergibt, was für die Masse der Menschen relevante und zutreffende Alltagserfahrung darstellt.

"Die Stunde der Optimisten" ist bei Edition Körber erschienen
„Die Stunde der Optimisten“ ist bei Edition Körber erschienen

Wenn Einzelfälle immer weiter voneinander abweichen, Divergenz an die Stelle von Konvergenz tritt und Polarisierung Gesellschaften prägt, werden gesamtwirtschaftliche Durchschnitte zu statistischen Kunstgebilden. Der Mittelwert ist dann lediglich noch ein Zufallstreffer mit wenig oder gar keiner Relevanz für den Einzelfall. Die Lebenswirklichkeit weicht für die meisten Personen eher mehr als weniger davon ab. Bei ausgeprägter Varianz (also Abweichung einzelner Beobachtungen vom Durchschnitt) kann makroökonomische Analyse bestenfalls noch anekdotische Einzelfallerkenntnis ohne tragende Kraft zur Verallgemeinerung für das große Ganze ermöglichen. Das aber liefert kein tragfähiges Fundament für eine zielführende Wirtschaftspolitik.

Verlust von Gemeinsamkeit und Gemeinsinn

Individualisierung und Polarisierung der Gesellschaft tun ein Übriges dafür, dass der Durchschnittsdeutsche zur Ausnahme wird. Der Normalfall steht nicht mehr als gängiger Prototyp dafür, was in einer Gesellschaft als gemeinsamer Standard akzeptiert wird und was außergewöhnlich, anders und unüblich ist. Damit aber verlieren gesamtwirtschaftliche Aggregate (also aus Einzeldaten hochgerechnete volkswirtschaftliche Größen und Indikatoren), wie sie für makroökonomische Analysen unverzichtbar und für erfolgreiche Wirtschaftspolitik notwendige Voraussetzung sind, ihre verbindende Grundlage. Es gibt dann kein Wir und / oder die anderen und kein Deutschland als homogenes Gebilde, mit gleichlaufenden Interessen aller, mehr. Der gemeinsame Nenner wird gering(er). Einzelfälle und Gruppierungen mit ganz speziellen Anliegen und Zielen erwarten dann alle von der großen Politik etwas ganz anderes.

Der oder das Deutsche des Industriezeitalters wird immer weniger ein zutreffender Maßstab oder gesellschaftliche Orientierung für die Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert darstellen. Wie sehr darunter gerade auch die großen Volksparteien leiden, lässt sich exemplarisch am Beispiel der Sozialdemokratie veranschaulichen. „Warum wählt, in einem einst linken Land, kaum jemand mehr linke Parteien?“, fragt Yannick Haan, Mitglied des SPD-Parteivorstands. Seine Antwort: „Die linken Parteien versuchen eine Politik zu betreiben, für die es keine Wähler mehr gibt. Das heutige Proletariat fährt nicht mehr ins Bergwerk hinunter, sondern fährt per App gesteuert mit unserem Essen auf Fahrrädern durch die Städte. … Wir müssen uns endlich vom Arbeiterbild der Vergangenheit lösen – schnell und radikal. Die Menschen, die wir in den 70er-Jahren vertreten haben, gibt es nicht mehr.“

Vom Verlust von Gemeinsamkeit und Gemeinsinn ist gerade auch die Demokratie als politische Gesellschaftsordnung fundamental betroffen. „Welche res publica, welcher common ground verbindet uns heute noch, was ist die gemeinsame Grundlage, das öffentliche Interesse, über das wir demokratisch befinden sollen?“, fragt zu Recht der Hamburger Ökonom Henning Vöpel. Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Xavier Sala-i-Martín, Professor der New Yorker Columbia University, sieht durch den technischen Fortschritt gar die Grundlagen der westlichen Werteordnung bedroht: „Es ist sehr gut möglich, dass der Sieg von Demokratie und Märkten im 20. Jahrhundert eine Ausnahme bleiben wird. … Märkte und auch die Demokratie haben sich nicht durchgesetzt, weil sie moralisch überlegen wären, sondern weil sie effizienter waren.“ Folgerichtig müssen sich liberale Demokratie und soziale Marktwirtschaft im Zeitalter der Disruption daran messen lassen, ob und wie weit sie es besser als private Monopole global agierender Datenkonzerne, zentralwirtschaftliche Planer und eines Tages möglicherweise neu entstehende digitale Staaten schaffen, Wohlstand für alle zu erzeugen und ihn für die Kindeskinder zu sichern.