AnalyseMoment der Wahrheit für Elon Musk

Dom Larose wollte seinen CO2-Fußabdruck weiter verkleinern – und es gab für ihn einen naheliegenden nächsten Schritt. Bei der Stromversorgung seiner Wohnung in Großbritannien war er bereits auf erneuerbare Energien umgestiegen. Jetzt wollte er sich ein Elektroauto kaufen. Als der Vodafone-Vertriebsleiter vor vier Jahren den Umstieg wagte, war das nicht billig. Die Preise für das Tesla Model S, das er sich gekauft hat, beginnen bei 62.000 Pfund.

„Sie fahren auf den Parkplatz bei der Arbeit – nur Audis und BMWs – es ist einfach etwas anderes“, sagt er. Und wie viele Tesla-Fans gibt er zu, dass der unbändige Chef des kalifornischen Automobilherstellers ihn inspiriert hat: Elon Musk „geht Risiken ein und lässt seinen Worten Taten folgen“.

Musks Fan-Armee marschiert wieder. Larose war einer von Tausenden, die sich im vergangenen Jahr als Interessenten für den Kauf des Model 3 registrieren ließen. Ein paar Autos werden bald über die Straßen rollen. Ende dieser Woche sollen die ersten Fahrzeuge ausgeliefert werden, wobei die Kunden alle Tesla-Mitarbeiter sind. Das Unternehmen will die ersten Autos in seiner Nähe haben, um eventuelle Qualitätsprobleme identifizieren zu können.

Es wird mehr sein als nur ein Auto. Wenn Musk Recht behält, wird das Model 3 zum weltweit ersten Massenmarkt-E-Auto, das die Automobilindustrie für immer verändern wird. Und wenn die Verkaufszahlen die Hoffnungen des Unternehmens erfüllen, wird es die chronisch verlustträchtige Firma endlich auf den Pfad zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell setzen, das zumindest teilweise seine berauschende Börsenbewertung rechtfertigt.

Elon Musk – Showman der Autoindustrie

Man kann es als Zeichen für Musks Gespür sehen, dass die Möchtegern-Kunden Anzahlungen für mehr als 400.000 Model 3-Autos geleistet haben. Es stimmt natürlich, der Kauf einer Option auf das Fahrzeug, das 35.000 Dollar kosten wird, stellt kein großes Risiko dar: die Anzahlung beträgt nur 1000 Dollar und wird vollständig zurückerstattet. Viele der Reservierungen werden womöglich nicht zu einer Bestellung führen. Aber die Schlangen der Kunden vor den Tesla-Showrooms im vergangenen Jahr, die sich als Interessenten registrieren ließen, weckten Erinnerungen an den Verkaufshype um das iPhone und verstärkte Musks Ruf als bester Showman der Autoindustrie.

Angetrieben von seinem neuen preisgünstigeren Modell will Tesla im kommenden Jahr 500.000 Fahrzeuge produzieren, und bis 2020 das Ziel von einer Million erreichen – das wären fast so viele wie die Gesamtzahl der E-Autos, die bis 2015 weltweit verkauft wurden.

Musk ist schon viel weiter gekommen, als die vielen Zweifler in der Automobilindustrie vorhergesagt haben. Der Verkaufsstart des Model S vor sechs Jahren hat die Welt der Luxusautos auf den Kopf gestellt.

Infografik: Ist Tesla bereit für den Massenmarkt? | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

„Es ist wunderschön designed. Ich denke, es ist eine der besten Limousinen der Welt“, sagt Bob Lutz, der als Top-Manager bei allen großen drei US-Automobilherstellern arbeitete. Er würdigt Musk als „brillanten Verkäufer“, der die raffinierte Entscheidung getroffen habe, im Luxussegment des Automobilmarktes zu beginnen und sich dann erst dem Massenmarkt zuzuwenden – mit einer High-End-Marke. Der Erfolg des Model S habe andere Luxus-Autobauer aufgeschreckt und zu einer Flut von Elektroautos anderer Unternehmen geführt, sagt er. Lutz zählt sich trotzdem zu den größten Tesla-Skeptikern. Mit dem Versuch, ein Unternehmen nur mit Elektroautos aufzubauen, gehe Musk extreme Markt- und Geschäftsrisiken ein, sagt der Branchenveteran.

Teslas bescheidene geschäftliche Entwicklung liefert den Skeptikern ihre Munition. Die Berichte über die verpassten Auslieferungsziele für die beiden existierenden Modelle S und X in diesem Monat nahmen einigen Glanz von der Aktie, die 16 Prozent unter ihrem Juni-Rekord notiert. Solche immer wieder auftretenden Ausrutscher bringen die Wall Street über Teslas Defizite oder die überschaubare Nachfrage nach E-Autos.

Mit dem Model 3 ziele Musk auf eine „ganz andere Bevölkerungsgruppe“, die bisher kein Interesse an Elektroautos zeigt, sagt Autotrader-Analystin Michelle Krebs. Anders als viele der jetzigen Kunden des Unternehmens, seien das nicht Leute, die sich mehrere Fahrzeuge leisten könnten oder die ihr Öko-Gewissen auf dem Ärmel tragen wollten. Diese potenziellen Kunden „sind von Elektroautos fasziniert, aber sie kaufen Sportwagen“, sagt Krebs. „Die Benzinpreise sind sehr billig, und der Kraftstoffverbrauch der Motoren ist viel niedriger als früher.“