ReportageTeilen und herrschen

Uber
Mit der App von Uber lässt sich der Fahrer bestellen, das sich nähernde Fahrzeug beobachten und die Fahrt bezahlen

Es ist ein kleiner Rückschlag für das Geschäftsmodell der „Sharing-Economy“: Das Landgericht Frankfurt hat  gegen den Fahrdienst Uber eine einstweilige Verfügung erlassen – und Uber damit vorläufig das Geschäft in ganz Deutschland gestoppt. Ohne eine offizielle Genehmigung nach dem Personenbeförderungsgesetz dürfe das Unternehmen keine Fahrgäste mehr über seine Apps „Uber“ und „UberPop“ befördern, ordnete das Gericht an. Bei Zuwiderhandlung droht der Firma ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro, oder den Verantwortlichen eine Ordnungshaft.

Für den selbstbewussten Uber-Chef  Travis Kalanick ist das keine Option. Er sehe sein Unternehmen in einem Kampf gegen ein „Arschloch namens Taxi“, sagte er vor kurzem. Nun ließ Uber mitteilen, das Gericht habe „die einstweilige Verfügung zu Unrecht erlassen“. Uber werde gegen den Beschluss Widerspruch einlegen, alle Rechtsmittel ausschöpfen und seine Tätigkeit in ganz Deutschland fortführen. Und noch etwas teilte das Unternehmen Uber dem Gericht und der Öffentlichkeit trotzig mit: „Die Wahlmöglichkeiten der Bevölkerung einzuschränken, war noch nie eine gute Idee“ – als bräche gleich eine kommunistische Diktatur aus, wenn ein Gericht das Unternehmen zur Einhaltung von bestehenden Gesetzen zwingt.

Das ist der Sound der Sharing-Economy, die ihre Kunden gerne zu Mitstreitern einer höheren Idee machen würde: der Ökonomie des Teilens. Das Prinzip: Die Menschen sollen weniger besitzen, dafür über das Internet mehr tauschen, leihen und – teilen. Autos, Bohrmaschinen, Bücher oder Wohnungen. Eine schöne Idee. Eine Gesellschaft, in der nicht alle alles besitzen müssen, sondern es sich bei Bedarf leihen, braucht weniger Ressourcen.

Hunderte junger Internetfirmen haben diese Idee weltweit in die Tat umgesetzt. Die Geschäftsmodelle sind simpel. Die Firmen bringen übers Internet Menschen zusammen, die etwas besitzen, und solche, die gern etwas mieten würden; für die Vermittlung nehmen sie eine Gebühr. Zum Beispiel Airbnb, die erfolgreichste Online-Plattform für private Übernachtungsmöglichkeiten. Was 2008 in San Francisco mit einer Luftmatratze (airbed) und einem selbst gemachten Frühstück (breakfast) für private Gäste begann, ist längst eine globale Marke geworden: ein mit fast 800 Mio. Dollar Wagniskapital gerüsteter Konzern, bei dem es mehr als 700 000 Unterkünfte in rund 35 000 Städten weltweit gibt.

Taxifahrerprotest gegen Uber
Im Frühsommer protestierten Taxifahrer weltweit gegen Uber – auch in Berlin
© Getty Images

Oder Uber. Das Unternehmen, ebenfalls aus San Francisco, vermittelt über seine Website und seine App Fahrgäste an private Fahrer. Der Preis wird über die App von der Kreditkarte abgebucht, Uber bekommt davon 20 Prozent. Da bei Uber viele Kosten entfallen, die Taxiunternehmen entstehen, sind die Preise oft günstiger als bei Taxifahrten. In Städten wie New York, in denen das Motzen über den furchtbaren Taxiservice zum guten Ton gehört, bieten sie außerdem ein neues Fahrerlebnis: freundliche Fahrer, die pünktlich zum vereinbarten Ort kommen – und deren Anfahrt man auf der App verfolgen kann.

Uber, Airbnb und viele andere Anbieter sind binnen weniger Jahre von kleinen Start-ups zu ernst zu nehmenden Firmen gewachsen. Sie haben enorm viel Kapital eingesammelt und aus der hehren Idee des Teilens eine zündende Marketingstory gemacht. Hinter der Rhetorik von einer besseren Welt allerdings geht es auch bei ihnen ganz einfach – ums Geschäft. Und damit das reibungslos läuft, bringen die Firmen derzeit weltweit Lobbyisten in Stellung, die die letzten Hindernisse zwischen ihnen und dem ganz großen Geld aus dem Weg räumen sollen.

Ferienwohnung für immer

San Francisco, kurz nach 22 Uhr. Jordan Morrison (Name von der Red. geändert) parkt seinen Toyota vor einem Wohnblock nahe der Bay Bridge im Halteverbot. Er rennt hoch zu einer Wohnung im ersten Stock, die ein Tourist aus Los Angeles für drei Tage gemietet hat. Morrison checkt die Wohnung kurz, nimmt den Schlüssel in Empfang und verabschiedet den Gast. Kaum im Auto, ruft eine aufgeregte Frau an. Sie hat das Tor zufallen lassen und kommt nicht mehr in ihre Ferienwohnung. Ob Morrison nicht mal eben vorbeikommen könnte?

Der 35-jährige Kalifornier kümmert sich für die Besitzer mehrerer Wohnungen in San Francisco um die Vermietung von Zimmern an Airbnb-Gäste: Ein- und auschecken, Schlüsselübergaben, Reinigungspersonal organisieren und auch mal einen Abfluss reparieren. „Ich bin für meine Auftraggeber Concierge und mehr“, sagt Morrison. Solche Auftraggeber gibt es in San Francisco immer häufiger. Sie verwandeln normalen Wohnraum in kurzfristig anmietbare Übernachtungsmöglichkeiten.

Das Angebot von Airbnb umfasst WG-Zimmer genauso wie Designerapartments. Hier eine Wohnung in Berlin
Das Angebot von Airbnb umfasst WG-Zimmer genauso wie Designerapartments. Hier eine Wohnung in Berlin

Überwiegend, betont Airbnb, fänden sich auf ihrer Plattform Privatleute, die ihre Bleibe zwischendurch an Touristen vermieten. In der Stadt, in der Airbnb sich vor sechs Jahren gründete, mag das allerdings niemand mehr so recht glauben. Die Zeitung „San Francisco Chronicle„ hat im Juni festgestellt, dass knapp 3000 der insgesamt 4798 Annoncen in San Francisco komplette Häuser und Wohnungen betrafen. Die Tatsache aber, dass bei fast einem Drittel der Anzeigen (1526) die jeweiligen Gastgeber zwei oder mehr Immobilien auf ihrem Profil anboten, weist darauf hin, dass hier nicht nur Privatleute ihre eigenen Apartments zur Verfügung stellen – sondern Wohnungen ganzjährig als Pension betrieben werden. In San Francisco, einer Stadt, in der die Mieten in den letzten Jahren schmerzhaft gestiegen sind, sorgten die Zahlen für Empörung. Der Vorwurf: Massenhaft erschwingliche Immobilien würden dem Mietmarkt entzogen, weil sie durch Airbnb zu einer Art Gelddruckmaschine werden.

Es ist für beide Seiten ein gutes Geschäft. Das Einstellen von Unterkünften bei Airbnb ist kostenlos. Eine Gebühr fällt erst bei einer tatsächlichen Vermittlung an: Gastgeber bezahlen 3 Prozent und der Gast 6 bis 12 Prozent von der Miete. Auch die Vermieter verdienen, besonders in gefragten Großstadtvierteln: Mit der tage- oder wochenweisen Vermietung lassen sich so viel höhere Preise erzielen, dass es sich sogar lohnt, Wohnungen selbst anzumieten, einzurichten und dann als Ferienwohnungen anzubieten.

Airbnb bleibt vage, wenn man auf ihrer Seite eine genauere Übersicht über die von ihnen angebotenen Wohnungen haben will. Um herauszufinden, ob auch in deutschen Großstädten ein ähnlicher grauer Mietmarkt wächst wie in San Francisco, hat Capital die Daten der Plattform ausgelesen und ausgewertet. Allein in Berlin fanden sich knapp 6000 komplette Wohnungen und Häuser, die jederzeit von Touristen gemietet werden können und dem regulären Mietmarkt damit wohl entzogen sind. Bei 438 Vermietern fanden sich zwei oder mehr Wohnungen im Angebot, bei einzelnen sogar bis zu 73.

Aber sind diese Angebote eigentlich legal? Nun ja.