InterviewTarifstreit: „Am wichtigsten ist, die kämpferische Sprache zurückzufahren“

Im Tarifstreit zwischen Bahn und GDL geht es längst nicht mehr um die Interessen beider Seiten, sondern um die Angst als Verlierer dazustehenIMAGO / Christian Ohde

Wieder hat die GDL ein Angebot der Bahn abgelehnt. Die Bahn hat wiederum versucht, gerichtlich gegen den laufenden Streik vorzugehen. Wird es in dem Streit Zeit für einen Mediator?

Alexandra Bielecke arbeitet als Psychologin, Mediatorin und Coach. Außerdem ist sie die erste Vorsitzende des Bundesverband Mediation, Foto: Jörg Winter

ALEXANDRA BIELECKE: Grundsätzlich können beide Seiten zu jedem Zeitpunkt in eine Mediation einsteigen, wenn sie darin einen Sinn sehen und verhandlungswillig sind – das heißt bereit sind, der anderen Seite zuzuhören, sich für die Interessen des Gegenübers zu interessieren und gemeinsam eine Lösung zu finden. Dieser Schritt darf jedoch nicht als Gesichtsverlust wahrgenommen werden. Zu einem so späten Zeitpunkt in einer Verhandlung ist das oft nicht mehr so leicht.

Das klingt so, als wäre es dazu vielleicht schon zu spät…
Das würde ich so nicht sagen. Wichtig ist, dass die Beteiligten einen Mehrwert darin erkennen, sich jetzt an einen Tisch zu setzen. Die Abwägung der Kosten, die durch eine länger währende konflikthafte Auseinandersetzung entstehen, könnte diese Entscheidung erleichtern.

Warum sind die Fronten denn so verhärtet?

Sicherlich hat es bereits Verhandlungen gegeben, bevor die Verhandlungsergebnisse an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Damit verbunden sind Angebote, die nicht passten und deshalb nicht angenommen wurden. Beide Seiten fühlen sich möglicherweise in ihren Einigungsbemühungen wechselseitig nicht richtig gesehen. In solchen Situationen ist es typisch, dass die Beteiligten innerlich verhärten, ärgerlich werden und ihre Meinung deutlicher vertreten, von außen Unterstützung suchen, um gehört zu werden. Wichtig ist, weiterhin auf die Interessen der Beteiligten zu schauen und nicht die Personen oder ihr Verhalten zu bewerten.

Inwiefern?

Eine Gewerkschaft ist dafür da, die Interessen von Mitarbeitenden zu vertreten und sich dabei auch mal kämpferisch zu zeigen. Streiks sind legitime Mittel. In den Medien steht jedoch oft der Mensch Herr Weselsky im Fokus und wird als „zu kämpferisch“ und als „nicht verhandlungsbereit“ beschrieben. Das liegt zu einem großen Teil auch an der Berichterstattung über den Streit, über die Positionen und die Akteure.

Die Berichterstattung schafft ja auch öffentlichen Druck. Welchen Einfluss hat er bei dem Tarifstreit?

Je länger ein Streik dauert, umso schädlicher ist er für die Organisation und die involvierten Menschen – in dem Falle eben auch die Fahrgäste sowie auch das Unternehmen Deutsche Bahn und die Mitarbeitenden. Die Auswirkungen der Coronapandemie sorgen dafür, dass die Stimmung angespannter ist. Zusätzliche Belastungen, wie zum Beispiel Zugausfälle, werden von den Reisenden als schwerwiegender empfunden. Die Menschen sind dünnhäutiger, reagieren schneller gereizt. Das übt Druck auf die Verhandlungsbeteiligten aus. Gleichzeitig erschwert die Berichterstattung, aufeinander zuzugehen. Es ist also kaum noch möglich, gesichtswahrend in eine Verhandlung zu gehen, weil dieser Schritt vielleicht als „einknicken“ wahrgenommen wird.

Welche Rolle spielen denn die Verhandlungsstrategien von Bahn und GDL in dieser Gemengelage?

Von außen betrachtet, wirkt es so, als würde sich die Stimmung der Beteiligten im Verlaufe der Verhandlung zuspitzen und die gegenseitige Einfühlung verringern. In Konflikten ist eine solche Dynamik oft zu beobachten. Fühlen sich die Beteiligten in ihrem Bemühen um eine Lösung nicht wertgeschätzt oder haben sie den Eindruck, die Gegenseite geht nicht auf ihre Interessen ein, weitet sich der Konflikt aus. Die Worte werden rauer, es werden Verbündete gesucht, Lösungsideen mit Nachdruck eingebracht. Oft gelingt es nicht mehr, sich in die Perspektive der anderen Seite zu versetzen, weil beide sich vom anderen nicht verstanden fühlen. Es wird wichtig, die eigene Position nach außen zu verteidigen. Der Lösungsspielraum wird eingeschränkt wahrgenommen.

Wer ist denn aktuell in der besseren Verhandlungsposition?

Eigentlich keiner, weil alle Seiten nur verlieren können, je länger die Situation andauert. Bahnkunden beschäftigt vielleicht die Sorge um ein erhöhtes Infektionsrisiko. Das Unternehmen Deutsche Bahn fürchtet Einkommenseinbußen und den Weggang von Reisenden zur Konkurrenz. Für die GDL besteht die Gefahr gerade darin, die Zustimmung und das Vertrauen der Mitglieder zu verlieren, die mit der Art und Weise ihres Arbeitskampfes eventuell nicht einverstanden sind. Zu guter Letzt verringert sich auch die Verhandlungsmasse, wenn die Einnahmen der Bahn sinken. Es spricht vieles dafür, die direkte Verhandlung aufzunehmen.

Nach Aussagen beider Parteien blockiere ja der jeweils andere, dass es dazu kommt. Welche Ansatzpunkte sehen Sie für eine Lösung?

Die Einladung oder Einwilligung in eine Mediation darf nicht mit einem Gesichtsverlust gleichgesetzt werden. Stattdessen sollte sie als Versuch gelten, sich (wieder) auf die Inhalte zu konzentrieren – und das Gegenüber wertzuschätzen. Von außen kann das nur angeregt werden, indem der Streik zum Beispiel gerichtlich beendet würde und sich dadurch die Notwendigkeit für eine Einigung verändern würde. Ein erfolgversprechenderer Ansatzpunkt wäre, über den eigenen Schatten zu springen, sich die Hand zu reichen und sich auf die eigentlichen Interessen beider Seiten zu besinnen.

Welche Rolle könnte Druck durch die Politik als Schlichter da spielen?

Eine Schlichtung ist manchmal verlockend, weil beide Parteien dann nicht direkt miteinander sprechen müssen und Lösungsvorschläge vom Schlichter dargeboten bekommen. Einem neutralen Vorschlag kann leichter zugestimmt werden. Das setzt allerdings voraus, dass beide Seiten diesen Schritt akzeptieren.

Indirekt ist auch die zweite Bahngewerkschaft EVG an dem Tarifstreit beteiligt. Welche Rolle sollte Sie auf dem Weg zu einer Lösung spielen?

Durch die unterschiedlichen Tarifverträge innerhalb des Bahnkonzerns spielt die EVG automatisch eine Rolle. Als derzeit mitgliederstärkste Gewerkschaft scheint sie von der aktuellen Situation weniger stark betroffen. Durch die Revisionsklausel hat sie sich zudem frühzeitig die Chance gesichert, bei einer eventuellen Änderung nachzuverhandeln. Aus dieser Position heraus, wäre es möglich und vielleicht erfolgversprechend, Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren – auch wenn sie selbst das bislang ausschließt.

Also Bewegung in das Patt zwischen Bahn und GDL kann eigentlich nur ein externes Ereignis oder ein Akteur bringen?

Das können die Parteien auch selbst tun. Eine Möglichkeit wäre, dass GDL und EVG kooperieren und gemeinsam verhandeln. Die gegenseitigen persönlichen Angriffe haben sicherlich eine Wirkung hinterlassen. Den Streik jetzt aufzugeben, würde vielleicht als das „Schwenken der weißen Fahne“ wahrgenommen und damit als Eingeständnis des Verlierens. Für die Verhandlung ist es wenig aussichtsreich, wenn sich eine Seite als Verlierer empfindet. Der Einigungsdruck müsste gleichmäßig auf alle Beteiligten ausgeübt werden, so dass die Notwendigkeit entsteht, sich wieder an einen Tisch zu setzen. Ein moderiertes Gespräch kann dabei helfen, wieder Verständnis füreinander zu entwickeln und sich wieder als Menschen zu begreifen, statt als Gegner. Im nächsten Schritt muss es dann darum gehen, eine Lösung zu finden, bei der keiner als Verlierer dasteht. Am allerallerwichtigsten ist aber, die kämpferische Sprache in dem Streit zurückzufahren – auch von Seiten der Medien.


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden