GastkommentarJetzt ist Spanien am Zug

Zwei in katalanische Flaggen gehüllte Mädchen stehen an einer U-Bahn-Station
Zwei in katalanische Flaggen gehüllte Mädchen stehen an einer U-Bahn-StationGetty Images

Es müssen die aufregendsten Stunden im Leben des Carles Puigdemont gewesen sein. Regionalpräsident Kataloniens, bald vielleicht schon ein echter Präsident, der seinem jubelnden Volk zuwinkt. Ja, ganze 90 Prozent der Katalanen stimmten für die Abspaltung. Wobei es mit einer Wahlbeteiligung von 43 Prozent wohl gerade die Befürworter waren, die sich ihren Weg durch die Absperrungen bahnten und überhaupt wählen gingen. Am Sonntag protestierten in Barcelona gar Hunderttausende gegen die Abspaltung. Die eigenen Untertanen wollen wohl nicht so Recht, es droht internationale Isolation und ewige Spannungen mit den Nachbarn.

Aber den Prozess nun abzubrechen, würde für Puigdemont bedeuten, alle Weggefährten zu verraten, ja ihnen die versprochenen Minister- und Botschafterposten vorzuenthalten und doch nur ein bloßer Provinzfürst zu bleiben. Was nun?

Der Gegenseite geht es freilich auch nicht viel besser. Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy möchte kaum derjenige sein, der stolze Katalanen unterjocht, der die Rufe nach Unabhängigkeit mit Tränengas und Gummigeschossen erstickt. Auch König Felipe hat versucht zu helfen, doch kann er ja kaum, wie in alten royalen Zeiten, eine widerspenstige Provinz mit seinen Vasallen überrennen und den etwas zu ehrgeizigen Statthalter am Marktplatz aufknüpfen.

Ausweg ohne Gesichtsverlust

Alles in allem eine unangenehme Situation. Wobei solche Sackgassen gar nicht so selten sind im Verhandlungsalltag. Sackgassen, aus denen die Parteien auf den ersten Blick kaum ohne Gesichtsverlust herauskommen.

Doch genau hier liegt der Schlüssel. So wie Angela Merkel und Horst Seehofer sich diese Woche auf einen Wunschwert statt einer Obergrenze für Flüchtlinge einigten. Zwar hat die Kanzlerin kein Jota nachgegeben. Aber immerhin hat sie Seehofer eine Zahl geschenkt, mit der er erhobenen Hauptes nach Bayern zurückkehren konnte.

In Verhandlungen gilt stets: Die Würde des anderen kostet Sie nichts, ist Ihrem Gegenüber aber unermesslich viel wert.

Bislang ist Madrid hart geblieben, was sicherlich auch daran liegt, dass Kataloniens Unabhängigkeit in der Weltöffentlichkeit und auch der Wirtschaft eher negativ aufgenommen wird. Das hätte auch ganz anders kommen können, etwa zu einer Romantisierung tapferer Freiheitskämpfer. Und so drohte die spanische Zentralregierung damit, die Autonomie Kataloniens ganz aufzuheben und Puigdemont ins Gefängnis zu werfen. Das Kalkül ging auf.

Puigdemont baut sich eine Brücke

Puigdemonts Verhandlungsmacht ist auf ein Minimum geschrumpft. Das weiß er und daher musste er jetzt den ersten Stein für eine goldene Brücke für sich selbst bauen. So unterzeichnete er am Dienstag Abend zwar eine „Unabhängigkeitserklärung“, doch danach folgten Relativierungen: „Die Regierung und ich schlagen vor, dass das Parlament die Konsequenzen dieser Unabhängigkeitserklärung aussetzt, um in den kommenden Wochen einen Dialog aufzunehmen.“ Er suche einen Weg des Friedens und wolle, dass man sich mit der Zentralregierung wieder verstehe.

Sicherheitshalber schickte die katalanische Regierung gleich noch eine Presseerklärung hinterher mit dem Inhalt, dass zwar nicht die Konsequenzen, wohl aber die Unabhängigkeitserklärung an sich ausgesetzt wird.

Wir müssen uns also vorerst auf keinen Bürgerkrieg mitten in Europa vorbereiten. Denn ein Freiheitskämpfer um jeden Preis ist Puigdemont zum Glück nicht.

Er bittet die Zentralregierung damit vielmehr darum, ihn mit Würde von dannen ziehen zu lassen. Nicht ohne etwas beleidigt zu sein; so hat er am Dienstagabend in seiner Rede der Zentralregierung vorgeworfen, den Dialog stets abgelehnt zu haben und trotzig hinzugefügt: „Wir sind keine Kriminellen, keine Verrückten, keine Putschisten.

Jetzt verhandeln!

Die erste Reaktion Madrids? Eine Dringlichkeitssitzung der Regierung aber auch eine Schelte der stellvertretenden Ministerpräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría, die Puigdemont Orientierungslosigkeit und Unentschlossenheit vorwirft.

Es ist nun an der Zeit für die Zentralregierung, einen Deal mit Katalonien zu machen. Sonst könnte die Stimmung umschlagen, innerhalb und außerhalb Spaniens. Und dann wird sich das Blatt schnell wieder wenden. Man muss dann verhandeln, wenn die Verhandlungsmacht am größten ist.


Jack Nasher

Jack Nasher ist Verhandlungsexperte und Buchautor. Er berät Unternehmen weltweit bei wichtigen Verhandlungen. Nasher ist Professor an der Munich Business School und lehrte vorher an der Oxford University, an der er auch studierte.