TextilrecyclingSoex - das gute Gewissen der Modeindustrie

Altkleiderberge türmen sich meterhoch in den Hallen in Bitterfeld-Wolfen. Hier landet Abgelegtes aus halb Europa.
Altkleiderberge türmen sich meterhoch in den Hallen in Bitterfeld-Wolfen. Hier landet Abgelegtes aus halb Europa.

In einer zugigen Halle steht eine Frau in den Vierzigern, wattierte Winterjacke, Kurzhaarschnitt. Auf einem Band vor ihr ziehen T-Shirts, Jeans, Strumpfhosen, Blusen, Pullover vorbei, Abgelegtes aus halb Europa. Die Frau prüft mit kühlem Blick, was nicht dazugehört, fischt Elektroschrott vom Band, in einem Metallkäfig neben ihr liegen eine Weihnachtslichterkette, ein Flachbildschirm, eine Mikrowelle. Am Ende ihrer Acht-Stunden-Schicht wird sie mehrere Tonnen Textilien vorsortiert haben, die bereit sind für die nächste Selektionsstufe.

Das Geschäft mit Altkleidern ist nicht glamourös. In einem ehemaligen Chemie-Gewerbepark in Bitterfeld-Wolfen, dem größten in der einstigen DDR, hat seit 1998 die Firma Soex ihr Werk, 110 Mio. Euro Umsatz, 1400 Mitarbeiter weltweit, ein mittelständisches Unternehmen im Besitz der Schweizer Familie von Schönau. Auf einem 13 Fußballfelder großen Areal reiht sich Halle an Halle. Im Stundentakt liefern Lkw Kleidung an, 300 Tonnen am Tag. Drinnen: Textilberge, so weit das Auge reicht, lose, in Tüten gestopft, unterwegs auf Gabelstaplern, gelben Trolleys, in Säcken, die über den Fließbändern schweben, gepresst und gestapelt zu Paketen. Verschlissenes, aber auch Brandneues, Teures neben Billigem, Markenklamotten neben Discounterware, ein Querschnitt der Gesellschaft.

Im Schichtdienst sortieren 730 Mitarbeiter, vor allem Frauen, die Kleiderberge von Hand, erst grob, dann immer feiner, nach 400 Kriterien: T-Shirt mit Rundkragen, T-Shirt mit V-Ausschnitt, aus Baumwolle, aus Mischgewebe und so weiter. Monitore zeigen in Rot oder Grün an, um wie viele Kleiderkilos die Mitarbeiter unter oder über dem Soll liegen.

Das gute Gewissen

Soex ist so etwas wie das gute Gewissen der Modeindustrie: ein Vorzeigebetrieb, der Altkleider und Altschuhe verwertet, mit einem Code of Conduct, Mindestlöhnen, Extraleistungen, Zertifizierungen, ausgezeichnet mit Umweltpreisen. H&M, C&A, Adidas, Otto, Levi’s: Fast 40 internationale Marken nutzen das von Soex entwickelte Rücknahmesystem. Die Kunden geben ihre Altkleider und Schuhe in den Filialen ab, wo sie von I:CO, einer 2009 gegründeten Soex-Tochter, eingesammelt werden. „Zero Waste“ verspricht Soex den Modehändlern: „eine nachhaltigere Zukunft für den Fashionsektor“. Für die Modekonzerne ist das aus gleich zwei Gründen attraktiv: Sie können ihren Kunden signalisieren, dass sie etwas für die Umwelt tun – und sie verdienen daran, weil Soex ihnen die Altkleider abkauft. Zu Preisen, die das Unternehmen für sich behält.

Soex-Manager Axel Buchholz wechselte aus der Autoindustrie ins Altkleidergeschäft (Foto: F. Brüggemann)

„Wir können uns vor Aufträgen nicht retten“, sagt Soex-Geschäftsführer Axel Buchholz, ein wuchtiger Bayer im Janker. Gestern erst hat er hier Leute von Otto herumgeführt, heute eine Delegation aus der Schuhbranche. Die Re­cyc­ling­anlage für Schuhe ist erst seit 2018 in Betrieb, die erste weltweit, die alle Schuhtypen in ihre Bestandteile zerlegen kann: Gummi, Leder, Schaumstoff. Die Händler stehen Schlange.

I:CO ist der am schnellsten wachsende Teil von Soex. Über 180 Millionen Kleidungsstücke, rund 33.000 Tonnen in 70 Ländern, wurden zuletzt in den Konzernfilialen eingesammelt, der größte Teil in Europa, aber aktiv ist das Unternehmen auch in Japan, den USA, Russland, China und Südamerika, wie Buchholz stolz erzählt. Der 56-Jährige ist auf Stippvisite im Werk, der Soex-Verwaltungssitz liegt in Ahrensburg bei Hamburg.

Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde in der Modewelt. Insbesondere Fast-Fashion-Ketten stehen unter Druck, seit Verbraucher genauer wissen wollen, welche Auswirkungen ihr Konsum hat. Laut einer McKinsey-Studie wertet die große Mehrheit der Nachhaltigkeitsmanager das Thema als wichtigstes Verkaufsargument für künftige Kleider- und Schuhkäufer.

Doch noch gehört die Modeindustrie zu den größten Ressourcenverschwendern und Abfallproduzenten weltweit. Jedes Jahr produziert die Menschheit 62 Millionen Tonnen neue Textilien. Bis zum Ende des Jahrzehnts, schätzt die Unternehmensberatung BCG, dürften es 102 Millionen Tonnen sein, ein Plus von 63 Prozent. Die Textilproduktion verbraucht nicht nur riesige Mengen Wasser und Chemie, sie verpestet die Welt auch in großem Umfang mit CO und Mikroplastik.

Eine Lastwagenladung voller Altkleider werde jede Sekunde irgendwo auf der Welt verbrannt oder auf eine Deponie gekippt, schätzt die Ellen MacArthur Foundation. Manches davon ist überschüssige Neuware, über die die Modebranche nicht gerne spricht, das meiste aber ist ausrangierte Kleidung, von Konsumenten, die immer mehr kaufen, aber alles immer kürzer tragen. Rund 80 Prozent der Alttextilien weltweit landen im Müll, nicht in der Verwertung.

Eine Riesenverschwendung, findet Buchholz – jede Weiterverwendung sei schließlich besser als Verbrennen. Bei Soex werden rund 60 Prozent der gesammelten Textilien als Secondhand-Kleidung weiterverkauft, aus 40 Prozent werden Dämmstoffe für die Autoindustrie oder Putzlappen. „Open-Loop Recycling“ heißt das im Jargon des Entsorgers, im Unterschied zum geschlossenen Kreislauf, bei dem Textilien wieder zu Textilien werden.

Ein Bayer in Bitterfeld

Buchholz hat Jahrzehnte als Manager in der Automobilindustrie gearbeitet, bevor es ihn in die Altkleiderbranche verschlug. Er saß im Beirat von Soex, als die Eigentümer ihn fragten, ob er in die Geschäftsführung einsteigen wolle. Buchholz sagte zu – und geriet mitten in eine Zeit der Branchenumbrüche.

Jahrzehntelang war das Geschäft mit Altkleidern so einträglich wie einfach gewesen. Unternehmen wie Soex kauften Kommunen und Wohltätigkeitsvereinen gebrauchte Klamotten ab, sortierten sie und verscherbelten den Großteil nach Afrika und Osteuropa. Die Nachfrage nach günstiger Secondhand-Kleidung war dort riesig, die Margen hoch, es herrschte Goldgräberstimmung, sagt Buchholz. Um an noch mehr Altkleider zu kommen, ersannen seine Vorgänger deshalb 2009 das Rücknahmesystem für Modekonzerne.


Wo die Modeindustrie ihre Altkleider loswird


Inzwischen aber weiß Buchholz kaum noch wohin mit seinen Kleiderbergen. In Afrika, wo man sich einst um Alttextilien aus dem Westen riss, gräbt ihm China seit ein paar Jahren mit günstiger Neukleidung den Markt ab. „Die sind billiger als unsere Secondhand-Ware“, sagt Buchholz. Dank Pekings aggressiver Industriepolitik in Afrika zahlten die Chinesen bei der Einfuhr von Neuware teils nur den halben Zollsatz, während für Soex in einigen afrikanischen Ländern der Zoll so hoch ist wie der Warenwert.

Um sein Geschäft zu retten, will Buchholz spätestens ab 2025 von der Modeindustrie Geld fürs Sammeln und Recyceln verlangen. Er hofft, dass ihm dabei eine EU-Novelle in die Hände spielt: Ab 2025 dürfen Alttextilien nicht mehr in den Hausmüll, sie müssen getrennt entsorgt werden. Das könnte der Hebel sein, mit dem Soex die Konzerne zum Zahlen bringt. Sonst droht auf längere Sicht das Aus. Zwar trägt die Tochter I:CO mit 20 Prozent zum Umsatz bei, aber Gewinn macht sie nicht, sie sind froh, wenn am Ende eine schwarze Null steht. Derzeit liegt die Rendite vor Zinsen und Abschreibung bei rund sechs Prozent.

Der Fluch des Mischgewebes

Soex’ wichtigster Kunde ist bis heute H&M, wo seit 2013 in allen Filialen der Welt Altkleider abgegeben werden können, egal von welchem Hersteller. Maximal zwei Tüten pro Kunde und Tag nimmt die Kette entgegen, dafür gibt es einen Einkaufsgutschein. Die Aktion kommt an: 2018 sammelte H&M gut 20.000 Tonnen Textilien ein, 16 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Überschüssige Neuware aus H&M-Kollektionen lande nicht in der Sammlung, versichert Hendrik Heuermann, Nachhaltigkeitsmanager bei H&M Deutschland. Gemessen an der Menge der neu produzierten Kleidung sei das Volumen „natürlich noch sehr gering“, räumt Heuermann ein.

Auch ist Recycling bisher die absolute Ausnahme. In einem Nachhaltigkeitsbericht von 2018 weist H&M aus, dass 95 Prozent der verwendeten Baumwolle nachhaltig seien. Aber nur 0,3 Prozent wurden aus recyceltem Material hergestellt. „Die ganze Branche ist noch sehr weit weg von der Vision einer Kreislaufwirtschaft, wo gebrauchte Textilien wieder in die Herstellung von neuen Textilien einfließen“, urteilt Heuermann selbstkritisch.

Trotzdem glaubt der H&M-Manager nicht, dass sich Nachhaltigkeit und Billigmode ausschließen. Am Fast-Fashion-Konzept, also am Verkauf kurzlebiger, schnell drehender Mode, will der Konzern festhalten. Potenzial sieht Heuermann anderswo: „Wir müssen dringend den Ressourcenverbrauch von der Kleidermenge abkoppeln, also mit weniger Ressourcen die gleiche Menge herstellen.“

Auch Buchholz, der Soex-Manager, verspricht kein Recyclingwunder. „Die Wiederverwertung von Textil als Textil ist noch sehr, sehr am Anfang.“ Bei Soex werden weniger als ein Prozent der Altkleider zu Neukleidung. Dass der Kreislauf nicht funktioniert, liegt am Material: Mischgewebe besteht aus zu vielen unterschiedlichen Fasern, die Maschinen bisher weder erkennen noch trennen können. Sie hatten bei Soex ein Projekt zum Recyceln von Denimfasern, das wieder eingestellt werden musste, weil fast alle Jeans Elastan enthalten, das sich nicht vom Jeansstoff trennen lässt.

Auch an Resyntex, einem 11 Mio. Euro teuren EU-Forschungsprojekt, hat sich Soex beteiligt. Alttextilien sollen hier mittels chemischer Prozesse in Sekundärrohstoffe verwandelt werden. Soex hat eine Pilotanlage zur automatischen Materialerkennung entwickelt, die mit Infrarotlicht Farben und Stoffe identifiziert. Bisher kann sie nur zwei Fasern auseinanderhalten, mehr gehe noch nicht, sagt Soex-Mitarbeiter Carsten Steckert, der die Maschine trainiert. Auch bei den Farben sei sie noch nicht ganz verlässlich.

Wie nachhaltig Textilrecycling sein kann, dafür hat Buchholz aber dann doch noch ein Beispiel. In einer Halle pressen sie den Staub, der beim Reißen und Schreddern von Altkleidern entsteht, zu Briketts zusammen, 825 Tonnen pro Jahr. Abnehmer ist die Papierindustrie, die daraus ein paar Millionen Tüten macht – zum Einkaufen.

 


Der Beitrag ist in Capital 02/2020 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay