Corona-StrategieSo erfolgeich ist Schwedens Sonderweg ohne Shutdown

Ein Straßenbild aus Schweden in Zeiten der Corona-Krise. Das Land setzt verstärkt auf Eigenverantwortung bei der Eindämmung der Epidemie.
Ein Straßenbild aus Schweden in Zeiten der Corona-Krise. Das Land setzt verstärkt auf Eigenverantwortung bei der Eindämmung der Epidemie.imago images / Bildbyran

Während in Deutschland derzeit um den richtigen Zeitpunkt für die Wiedereröffnung von Schulen, Kitas, Restaurants, Bars und Cafés gerungen wird, hat Schweden diese Sorge nicht. Denn außer bei Gymnasien, Universitäten und Berufsschulen gab es dort keine Schließungen. Lediglich für Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern gilt seit Ende März ein Verbot sowie seit Anfang April für den Besuch von Pflege- und Altersheimen.

Vom Sonderweg Schwedens in der Corona-Krise ist seitdem die Rede. In Stockholm herrscht weiterhin reges Treiben an den Tischen der Restaurants und Cafés. Sogar seine unmittelbaren Nachbarländer Dänemark, Finnland und Norwegen halten es anders. Und viele Menschen fragen sich: Haben die Schweden recht? Sich am Ende verkalkuliert? Oder einfach nur Glück gehabt?

Das sagen die Zahlen: Bisher sind rund 12.000 Menschen in Schweden mit dem Coronavirus infiziert. Auch Schweden sah ab Anfang März eine stete Zunahme bei der täglichen Zahl der Neuinfektionen. Am 8. und 9. April erreichte dieser Trend dann mit mehr als 700 neu gemeldeten Fällen pro Tag seinen Höhepunkt. Seitdem geht es wieder runter: In den vergangenen Tagen lagen die gemeldeten Fälle meist bei weniger als 500 pro Tag. Der stellvertretende Chef-Epidemiologe Anders Wallensten bestätigte laut dem „Guardian“ die Einschätzung, dass die Zahl neuer Covid-19-Fälle zurückgehe. Er sei „vorsichtig zuversichtlich“, dass Schweden sich dem Höhepunkt nähere.

Neuer Rekord bei Todesfällen

Allerdings zeigt die Zahl der Todesfälle zuletzt eine andere Entwicklung: Mit 170 neu gemeldeten Toten verzeichnete Schweden am 15. April einen traurigen Rekord. Damit starben bisher insgesamt rund 1200 Menschen an Covid-19. Bei einer Bevölkerung von 10,3 Millionen Menschen ist das eine fast dreimal höhere Sterblichkeit pro 100.000 Einwohnern als in Deutschland; sie liegt eher in einer Kategorie mit den USA oder der Schweiz. Allerdings ist diese Kennzahl wiederum deutlich niedriger als in Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Spanien oder Italien.

Und der weitere Anstieg der täglichen Todesfälle steht auch nicht zwangsläufig im Widerspruch zur sinkenden Zahl der gemeldeten Neuinfektionen. Denn die Entwicklung beider Kennziffern läuft zwar parallel, allerdings um einige Tage versetzt – laut einer Berechnung des „Spiegel“ rund zehn Tage. Das liegt daran, dass an Covid-19 Gestorbene im Schnitt nur zehn Tage vor ihrem Tod erstmals in die Infektions-Statistik aufgenommen wurden. Das bedeutet umgekehrt, dass der Höhepunkt der täglichen Corona-Todesfälle in Schweden erst am 18. oder 19. April erreicht wird – also zehn Tage nach dem Höhepunkt der Neuinfektionen. Danach sollte die Zahl der Todesfälle ebenfalls sinken.

Sollte dies zutreffen, könnten Schwedens Regierungschef Stefan Löfven und der stets zuversichtliche Chef-Epidemiologe der Gesundheitsbehörde, Anders Tegnell, sich in ihrem Kurs bestätigt fühlen. Denn sie stehen für Schwedens vermeintlich lockere Handhabung der Corona-Krise, die sie – auch gegen massive Kritik von Experten innerhalb des Landes – konsequent durchgezogen haben. Statt auf Verbote wie in Deutschland zu setzen, wurde an die Vernunft und Eigenverantwortung der Bürger appelliert.

Dabei haben die Schweden genau genommen nicht viel anders gemacht als andere Länder Europas. Die Empfehlungen der Nationalen Schwedischen Gesundheitsbehörde lauteten unter anderem: Wer sich krank fühlt, älter als 70 Jahre alt ist oder Vorerkrankungen hat, soll zu Hause bleiben. Zudem wurden die Schweden von ihrer Gesundheitsbehörde zum Arbeiten im Homeoffice und zum Abstandhalten aufgefordert, vor allem beim Einkaufen. Alles beruhte jedoch auf Freiwilligkeit.

Dahinter steckt Kalkül: Epidemiologe Tegnell etwa geht davon aus, dass das Coronavirus ohnehin nicht aufzuhalten ist. Und er ist auch der Überzeugung, dass die Kurve flach gehalten werden müsse, um Krankenhäuser nicht zu überlasten. Doch Tegnell hatte von Anfang an auch die sozialen Folgen im Blick: Die Einschränkungen sollten nicht zu streng sein, damit Menschen auch bereit sind, diese über Monate zu akzeptieren. Zudem hofft er darauf, dass auf diese Weise genug widerstandsfähige Menschen an Covid-19 erkranken, um eine Immunität gegen den Erreger zu entwickeln.

Kein schwedisches Heinsberg

Aber wenn es in Schweden ohne Lockdown funktioniert – warum ist dann die Situation in Italien, Österreich und auch in Teilen Deutschlands anfangs so aus dem Ruder gelaufen? Der Bonner Virologe Hendrik Streeck hatte in einem Interview mit der „FAZ“ betont, dass alle großen Ausbrüche mit bestimmten Ereignissen zusammenhingen, wie etwa einem Fußballspiel in Norditalien, Après-Ski im österreichischen Ischgl, einer Karnevalssitzung im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen oder dem Starkbierfest im schwer betroffenen Kreis Tirschenreuth in Bayern. Vielleicht hatte Schweden einfach nur Glück, weil ihm eines dieser sogenannten Superspreading Events erspart geblieben ist.

Nach Meinung anderer Experten sind es womöglich auch besondere demografische Faktoren in Schweden, welche den Verlauf der Epidemie positiv beeinflusst haben könnten. So sind etwa mehr als die Hälfte der Haushalte in Schweden Ein-Personen-Haushalte. Auch ist die Bevölkerungsdichte in dem skandinavischen Land viel niedriger als etwa in den Niederlanden und Großbritannien, die es beide anfangs auch ohne strenge Eindämmungsmaßnahmen probiert hatten. Ein Virus verbreitet sich einfacher in dicht besiedelten Gegenden. Auch das würde dafür sprechen, dass das schwedische Modell nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragbar ist.

Zuerst erschienen auf ntv.de.