Kolumne Siemens Energy: Joe Kaesers missratene Konzernarchitektur

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Siemens Energy leidet schwer unter den Problemen der Windkrafttochter Gamesa. Ein Ende der Misere ist mittelfristig nicht in Sicht

Nun soll es also Joachim Eickholt richten. Der ungeduldige Brachialsanierer tritt zum 1. März bei Siemens Gamesa in Spanien an – der vierte CEO innerhalb von fünf Jahren. „Hart durchgreifen“, lautet die Devise. So lautete sie allerdings bei seinen vielen Vorgängern auch schon. Nur wenn die Windkrafttochter endlich ihre Probleme löst, kann der Mutterkonzern Siemens Energy seine eigenen ehrgeizigen Ziele erreichen. Die Aktienkurse der beiden Gesellschaften sprechen Bände: Gamesa hat innerhalb eines Jahres die Hälfte seines Werts an der Börse eingebüßt, Siemens Energy 40 Prozent. Mittlerweile bewegt sich die Aktie des Mutterkonzerns deutlich unter ihrem Ausgabekurs vor anderthalb Jahren.

Was aber, wenn es Joachim Eickholt auch nicht packt? Spätestens dann kann sich der Aufsichtsratschef von Siemens Energy Joe Kaeser wohl nicht mehr so fein aus der Schusslinie halten wie bisher. Man sollte sich erinnern: Die Idee, Gamesa mit den Öl- und Gasgeschäften von Siemens zu einem neuen Konzern zu verflechten, stammt von Kaeser. Und Kaeser war es auch, der im Februar 2020 fantastische 1,1 Mrd. Euro ausgab, um die Mehrheit an Gamesa von 59 auf 67 Prozent zu erhöhen. Kaeser drängte damals den spanischen Stromkonzern Iberdrola aus dem Aktionärskreis von Gamesa und suggerierte Friede, Freude, Eierkuchen: Mit dem Abschied des Störenfrieds und einer Zwei-Drittel-Mehrheit könne der neue Siemens-Energy-Konzern nun beliebig bei Gamesa durchregieren. Doch davon kann bis heute überhaupt nicht die Rede sein: Kaesers handverlesener Siemens-Energy-CEO Christian Bruch lässt zwar die Köpfe in Spanien rollen, aber kann im schnöden Alltag nicht in das rechtlich selbständige Unternehmen Gamesa hineinregieren.

Von Aufbruch kann bei Siemens Energy keine Rede sein

Kaesers missratene Konzernarchitektur führt zu einer so hohen Komplexität bei Siemens Energy, dass die Zukunft des Unternehmens in den Sternen steht. Die Milliarden Euro für die Übernahme der restlichen Gamesa-Aktien fehlt, so dass eine vollständige Integration unmöglich erscheint. Es sei denn, es findet sich ein Investor von außen, der eine Transaktion von gewaltiger Größe ermöglicht. Doch das Risiko wäre außerordentlich hoch: Die Konkurrenz in der Windkraftbrache ist stark, der Preisdruck auf die Hersteller daher auch. Und es ist durchaus nicht ausgemacht, ob sich Gamesa gegen die chinesischen Herausforderer und die alten Platzhirsche wie Vestas durchsetzen kann.

Vom großen Aufbruch des „fokussierten“ Konzerns Siemens Energy, den Kaeser einst voreilig beschwor, kann keine Rede sein. Schließlich hat das Unternehmen auch im Öl- und Gasbereich genügend offene Baustellen. Bei der Windkraft bleibt wohl nur eine Strategie des allmählichen Gesundschrumpfens bei noch höherer Kostendisziplin. Eickholts unglücklicher Vorgänger Andreas Nauen verkündete bereits den Abschied vom größten Onshore-Markt der Welt: China. Nun steht offenbar der Rückzug aus weiteren Regionen an. Ob das viel hilft? Kurzfristig wahrscheinlich, langfristig aber kaum.

Die Windkraftbranche verändert sich gegenwärtig mit rasendem Tempo. Wer erst einmal zurückfällt und sich mit allzu vielen hausgemachten Problemen und verkrusteten Strukturen herumschlägt, kommt nur schwer wieder an die Spitze. Vor allem, wenn so viele mitreden wie bei Gamesa.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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