Corona-PandemieSchwedens Sonderweg: Alles anders

Schwedens Sondersweg in der Pandemie wird international konstrovers diskutiert.imago images / TT

Keine Maskenpflicht, geöffnete Geschäfte und Restaurants und kein Lockdown – Schweden geht in der Corona-Pandemie von Beginn an einen Sonderweg, der international mit Spannung beobachtet wird. Es gibt kaum Beschränkungen, die Regierung setzt auf Empfehlungen anstelle von Verboten. Während zahlreiche Länder zeitweise in den Lockdown gehen, läuft das Leben in dem nordischen Land vergleichsweise normal weiter.

Dabei trifft die Corona-Pandemie auch Schweden hart. Insgesamt meldet das Land laut des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) bislang mehr als 320.000 Infektionen – im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind das beinahe doppelt so viele Infektionen wie in Deutschland. Auch mit Blick auf die Todesrate steht Schweden nicht gut da: Pro 100.000 Einwohner sterben laut ECDC 73,45 Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-Erkrankung. In Deutschland sind es 26,47.

Schaut man auf Schwedens direkte Nachbarländer Norwegen und Finnland, so zeigt sich ein noch drastischerer Unterschied: Während es in Schweden mehr als 3000 Erkrankte pro 100.000 Einwohner gibt sind es in Norwegen nur etwas mehr als 750, in Finnland etwas über 550. Die Zahl der Corona-Toten pro 100.000 Einwohner ist in Norwegen derweil rund zehn Mal niedriger als in Schweden. Sowohl Norwegen als auch Finnland setzen auf deutlich schärfere Maßnahmen als Schweden: Beide Regierungen verhängten früh einen Lockdown.

Mit Blick auf die hohen Infektions- und Todeszahlen erklärte der schwedische König Carl XVI. Gustaf die schwedische Strategie kürzlich für „gescheitert“ – ein bedeutendes Signal, denn eine derartige politische Äußerung des Königshauses ist selten. Ein ähnlich hartes Urteil fällte zuletzt die schwedische Corona-Kommission: Schweden habe es nicht geschafft, ältere Menschen vor dem Virus zu schützen. Altenpflegeheime seien schlecht auf die Pandemie vorbereitet gewesen. In Schweden sind laut der Corona-Kommission 90 Prozent der Corona-Toten über 70 Jahre alt, die Hälfte von Ihnen lebte in Pflegeeinrichtungen.

Angesichts der zweiten Corona-Welle gibt es auch in Schweden zunehmend Einschränkungen: So sind derzeit öffentliche Versammlungen mit mehr als acht Personen verboten, ebenso wie Alkoholausschank nach 22 Uhr.

BIP vergleichsweise wenig geschrumpft

Wirtschaftlich ist Schweden dagegen bislang vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen. Im zweiten Quartal, in dem die Pandemie in weiten Teilen Europas auch ihre wirtschaftlichen Folgen zeigte, brach das schwedische Bruttoinlandsprodukt laut Eurostat nur um 7,7 Prozent ein. Damit ist der Einbruch in Schweden zwar etwas stärker als in den Nachbarländern Norwegen und Finnland, liegt aber noch immer deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 13,9 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland brach das Bruttoinlandsprodukt um 11,2 Prozent ein. Das schwedische Finanzministerium rechnet für 2020 insgesamt mit einem Rückgang des BIP um 2,9 Prozent. Die schwedische Finanzministerin Magdalena Andersson stellte fest, dass die Erholung im Herbst stärker ausgefallen sei als erwartet.

„Vor diesem Hintergrund ist die Stimmung im Land derzeit eher von Zuversicht geprägt, wenn auch nicht in allen Branchen“, sagt Valle Wigers, Pressesprecher der Deutsch-Schwedischen Handelskammer. Für Bereiche wie Hotellerie, Gastronomie, Tourismus, Messen und Veranstaltungen sei ein Ende der Krise noch nicht in Sicht. Auch im bilateralen Handelsgeschäft zwischen Schweden und Deutschland erwarte man in diesem Jahr einen Rückgang von etwa acht Prozent.

„Im Vergleich mit anderen Ländern, hat es Schweden wirtschaftlich nicht so hart getroffen“, sagt auch Lars Calmfors, Ökonom und Professor am Institute for International Economic Studies der Stockholm University. Es sei aber schwierig zu sagen, inwiefern das allein mit der schwedischen Strategie zusammenhänge. „Da spielen viele weitere Faktoren hinein: ökonomische Strukturen, fiskale Unterstützungsmaßnahmen, die Ausbreitung des Virus“, sagt er. Betroffen seien vor allem die Bereiche der Wirtschaft, die direkten Kontakt erfordern, wie der Tourismus, die Eventbranche und die Gastronomie. Der Industrie gehe es hingegen nach einem Einbruch im Frühjahr besser und auch der Onlinehandel sei deutlich gewachsen. Mit Blick auf die hohen Infektions- und Todeszahlen gibt er aber zu bedenken: „Wir haben ökonomisch vielleicht etwas gewonnen, aber der Preis dafür war mit Blick auf verlorene Menschenleben sehr hoch.“

Wäre ein Lockdown besser für die Wirtschaft?

Calmfors gehört zu den Kritikern der Corona-Strategie der schwedischen Regierung und plädiert für stärkere Einschränkungen – auch im Sinne der Wirtschaft: „Ich denke, wenn wir für einige Wochen einen strikten Lockdown hätten, würde die Wirtschaft in diesem Zeitraum zwar leiden, wir würden langfristig aber profitieren“, sagt er. So könne man die Infektionszahlen senken und benötige weniger spontane Eingriffe. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte es den Konflikt zwischen Wirtschaft und Gesundheit noch nicht gegeben, ist Calmfors sicher. „Da hätte es ausgereicht, beispielsweise Quarantäneregeln zu erlassen, öffentliche Versammlungen einzuschränken und Tests auszuweiten. Das wäre gut gewesen für die Eindämmung der Pandemie und für die Wirtschaft.“

In Schweden herrscht Uneinigkeit darüber, ob das Gesetz einen Lockdown überhaupt erlaubt. Im Frühjahr, während der ersten Welle der Pandemie, gab es eigens ein Pandemiegesetz, dass es der Regierung erlaubt hätte, einen Lockdown zu verhängen. Das lief jedoch im Sommer aus. Jetzt soll schnell ein neues Gesetz kommen. Bis das allerdings in Kraft tritt, dürfte es bis März dauern – zu lang, um die zweite Welle schnell unter Kontrolle zu bringen. Es gebe eine Debatte auch in Expertenkreisen, ob das schwedische Gesetz einen Lockdown erlaube, so Calmfors. „Ich bin der Meinung, wir sollten jetzt handeln. Und wir könnten innerhalb einer Woche handeln, wenn es den politischen Willen dazu gebe“, sagt er. „Ich kritisiere die Regierung sehr dafür, dass sie das nicht tut. Es ist, als liefen wir immer ein Stück hinterher.“

In einem wichtigen Punkt stimmt Calmfors der schwedischen Strategie aber zu: „Es war richtig, Grundschulen und Kitas offen zu lassen“, sagt er. „Die ökonomischen Folgen von Kindern, die nicht lernen können, sind hoch und wirken langfristig.“

Vorteile für ansässige Unternehmen

Dass es in Schweden bisher keinen Lockdown gibt, hat Auswirkungen auf dort ansässige Unternehmen: „Anders als in vielen anderen Ländern konnten in Schweden Fabriken, Büros, Geschäfte und Restaurants mit gewissen Einschränkungen geöffnet bleiben“, sagt Wigers. „Grundsätzlich sind die Unternehmen sicherlich dankbar, etwas Normalität im Geschäftsalltag zu haben.“ Die Regierung appelliere lediglich an die Betriebe, so viele Angestellte wie möglich von zu Hause aus arbeiten zu lassen.

Hier sei Schwedens Position als Vorreiter in der Digitalisierung von großer Bedeutung. Schweden liegt im Digital Economy and Society Index der EU-Kommission nach Finnland auf dem zweiten Platz. „Für die allermeisten Unternehmen war es keine größere Herausforderung, auf Homeoffice umzustellen“, sagt Wigers. Schwieriger sei die Lage für den Einzelhandel und die Gastronomie, weil es ohne Lockdown keine entsprechende volle staatliche Förderung gebe.

Umfassende Wirtschaftshilfen

Die schwedische Regierung hat ein umfassendes Hilfspaket auf den Weg gebracht, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise abzufedern. Als erfolgreiche Maßnahme gelte die Einführung der Kurzarbeit, die von vielen Unternehmen genutzt werde, so Wigers von der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, die deutsche Unternehmen in Schweden dabei unterstützt, an die Hilfen zu kommen. Dabei erhalten Arbeitnehmer bis zu 90 Prozent ihres ursprünglichen Gehalts, bei einer Reduktion der Arbeitszeit um 20, 40, 60 oder zeitweise auch um 80 Prozent. „Die staatlichen Maßnahmen sind sehr wirksam gewesen“, sagt Wigers.

Eine Umfrage des EU-Parlaments zeigt: Die Schweden sehen ihr persönliches Einkommen deutlich seltener von der Corona-Pandemie bedroht als der EU-Durchschnitt. 38 Prozent der Schweden denken laut Umfrage, dass Corona keinen Einfluss auf ihr Einkommen haben wird – im EU-Durchschnitt sind es nur 27 Prozent.

Auch Calmfors hält die Wirtschaftshilfen der Regierung bislang für effektiv. Sollte es einen Lockdown geben, müsse man aber weitere Maßnahmen ergänzen, aber hier sei Schweden in einer sehr guten Position. Die Schuldenquote sei vergleichsweise niedrig und langsamer gestiegen als erwartet. „Wir könnten es uns also wirklich leisten, Unternehmen für die wirtschaftlichen Folgen eines Lockdowns zu entschädigen.“ Die schwedische Schuldenquote liegt etwas über 40 Prozent, die deutsche etwas über 60 Prozent.

Ein umstrittener Weg

Der schwedische Sonderweg wird international diskutiert. Die einen halten ihn für ein positives Beispiel, wie man die Wirtschaft in der Corona-Krise schützen kann, die anderen lehnen ihn mit Blick auf die Infektionszahlen strikt ab. „Es ist zu früh, Bilanz zu ziehen“, sagt Valle Wigers. Welche Strategie am besten funktioniere, wisse man erst, wenn die Pandemie vorbei sei.

Auch in Schweden sind sich längst nicht alle einig, welcher Weg nun der richtige ist. Der schwedische Sonderweg polarisiere die Gesellschaft, sagt Calmfors. „Wir erleben ein geteiltes Schweden, ähnlich wie die Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern in den USA“, sagt er. Es gebe zwar keine Demonstrationen und einen weitgehenden Konsens in der Politik, aber eben nicht in der Bevölkerung.

„Es gibt Stimmen in Schweden, die sagen, die wirtschaftlichen Folgen seien schwerer als die gesundheitlichen, weil es vor allem Menschen über 70 Jahren trifft“, sagt Calmfors. „Das erschüttert mich sehr. Als sollten wir Menschen nicht zählen, nur weil sie über einer bestimmten Altersgrenze sind. Damit begibt man sich auf sehr dünnes Eis.“

 


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