GastbeitragSchwedens Corona-Weg – ein Leadership-Modell der Zukunft?

Maike van den Boom
Maike van den BoomEvia Photos

Ich habe einen Bekannten, den ich echt schätze. Er beschäftigt sich bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit digitalem Risikomanagement und warnt mich regelmäßig: „Passt bloß auf, dass euch das in Schweden nicht so was von auf die Füße fällt, Maike.“ Plus des Zusatzes: „Halte dich als öffentliche Person bloß aus der fachlichen Diskussion raus.“ Auch das könne nach hinten losgehen.

Ich werde mich also nicht dazu hinreißen lassen, eine Diskussion darüber anzufachen, welcher Weg richtig oder falsch ist. Das können wir erst sagen, wenn die Krise wirklich vorbei ist. Ich möchte erklären, warum der schwedische Sonderweg nur aus Schweden kommen kann und was er mit dem nordischen Führungsstil zu tun hat.

Eins vorab: Schweden lieben ihre Großmütter genauso, wie wir. Und sie lieben ihre Freiheit. Die lieben sie über alles. Alle Schweden lieben sie. Und verteidigen sie gerne. Auch die Großmütter tun dies. Denn sie haben sich ihre Freiheit mit Verantwortung hart erarbeitet.

„Sorry, aber hier könnt ihr leider nicht sitzen. Möchtet ihr euch hierhin setzen, wegen des Abstandes?“, so Enrico, der Besitzer der kleinen Weinkellerbar, schräg gegenüber meiner Wohnung. Die Straßen sind hier leer, an den Kassen hängen Plexiglasscheiben, von den Tausenden Fahrgästen, die in Stockholm sonst täglich 1,2 Millionen mal die Metro nutzen, fehlt bis auf wenige jede Spur. Im größten Einkaufszentrum Skandinaviens treffe ich nur auf circa 20 Leute, einige Geschäfte scheinen bereits pleite gegangen zu sein. Die Wirtschaft stöhnt, aber es läuft zuckelnd weiter. Irgendwie.

Schwedische Bescheidenheit

Sie machen hier einfach ihr Ding. Denn wie es Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell erklärt: „Was hier in Schweden funktioniert, muss nicht in anderen Ländern funktionieren.“ Das so zu sehen ist ziemlich schwedisch, denn Schweden ist das individualistischste Land der Welt. Sie sind es gewohnt Einzigartigkeit und die damit verbundenen Unterschiede in Ansichten und Herangehensweisen auszuhalten.

Sie stellen deshalb prinzipiell erst einmal alles infrage. Warum so tun, wie es andere tun? Der deutsche Weg kann für Deutschland der einzig Richtige sein. Der italienische in Italien zwingend notwendig. Doch ist er es auch für Schweden? Haben wir enge Familienbande und diese Körperlichkeit der Italiener? Haben wir ein Gesundheitssystem auf dem gleichen Niveau? Die gleiche Bevölkerungsdichte? Sind wir gleichermaßen digitalisiert wie Deutschland? Haben Deutsche und Schweden dieselbe Mentalität? Nicht zuletzt: Teilen wir dieselben Annahmen?

Andere Voraussetzungen erfordern andere Maßnahmen

„Lagom“ – Maßnahmen, wie es die Schweden nennen würden: nicht zu viel, nicht zu wenig, gerade richtig. Und deshalb gehen die Kinder immer noch in die Kitas und bis zur 10. Klasse in die Schule, weil Schweden nun einmal in puncto Gleichberechtigung weltweit führend ist. Das bedeutet, dass beide Eltern meist 100 Prozent arbeiten. Könnten die nicht mehr zur Arbeit gehen, wäre die Versorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet. Und auch die Chancengleichheit der Kinder nicht mehr. Maßnahmen werden aber auch hier getroffen. Nach eigenem Ermessen, nicht nach dem der anderen. Auch, wenn die anderen der Rest der Welt sind.

David, ein englischer Journalist und ich, planen einen Artikel über Schweden zu schreiben. Er hat, genauso wie ich über Skandinavien, ein sehr lesenswertes Buch über Schweden veröffentlicht . Heute schreibt er mir über Linkedin: „Nun scheint der Moment gekommen zu sein, das Bild über Schweden in der Wahrnehmung der internationalen Presse der Realität anzupassen. Schweden sollte nicht mehr als „sozialistisches“ Land mit einem allmächtigen Staat gesehen werden, sondern als liberale Gesellschaft, in welcher von den Bürgern erwartet wird, sich verantwortlich zu verhalten.“