GastkommentarSchluss mit dem Digitalisierungstheater!

Menschen mit VR-Brillen
VR-Brillen im Einsatz - ein Symbol der Digitalisierungdpa

„Hereinspaziert und willkommen zur ‚digitalen Transformation‘. Werden Sie als Prosumer selbst Teil der agilen Vorstellung und entwickeln Sie mittels Design Thinking und Rapid Prototyping neue, disruptive Apps und Chatbots zusammen mit CDO und Change Agents. Die Vorstellung findet täglich im ‚Digital Lab‘ statt.“

Wozu eigentlich dieses ganze Theater?

Fakt ist: Digitalisierung ist ein Megatrend. Und Unternehmen müssen sich den immer schnelleren Veränderungen von Technologien und Kundenbedürfnissen anpassen.

Aber führen aktuell verwendeten Maßnahmen wie der Aufbau von ‚Digital Labs‘, die Ernennung eines CDOs und Start-up Methoden wie ‚Design Thinking‘ oder ‚Lean Startup’ Mittelständler und Konzerne tatsächlich zum Ziel?

Die Antwort auf diese Frage gibt ein Blick in die Zahlen: Nach einer MIT-Studie sind nur 24 Prozent aller Transformationen erfolgreich. Und die letztjährige Untersuchung von Capital der besten deutschen Digitallabore von Großunternehmen deckte auf, dass dort betriebswirtschaftlich noch fast nichts erreicht wurde.

 Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess“, stellte Telefonica Deutschland CEO Thorsten Dirks schon 2015 fest.
Dennoch wird in Unternehmen ständig davon gesprochen, dass nun digitalisiert werden muss, und Digital Labs werden geschaffen, um zu digitalisieren. Doch ist Digitalisierung eben kein Selbstzweck, sondern sollte strategischen Unternehmenszielen, wie z.B. der Steigerung von Umsatz, Profitabilität oder Kundenzufriedenheit, folgen. Es gilt also, passende Ziele an den Beginn einer jeden Digitalisierungs-Initiative zu stellen. Denn nur so kann von vornherein sichergestellt werden, dass diese Initiativen auch tatsächlich zielführend sind.

Disruption ist nicht Digitalisierung!

„Etablierte Firmen sollen auf Disruption reagieren, wenn sie auftritt. Aber sie sollten nicht überreagieren, indem sie ihr profitables Geschäft aufgeben.“ Diese Aussagen trifft nicht irgendjemand, sondern Harvard-Professor Clayton Christensen. Und dies nicht ohne Grund – ist es doch seinem Weltbestseller „The Innovator’s Dilemma“ zu verdanken, dass immer mehr Unternehmen versuchen, im Zuge der Digitalisierung ihr eigenes, etabliertes Geschäftsmodell mit Hilfe neuer Technologien zu zerstören, um sich damit für die Zukunft zu wappnen. Doch meistens ist eben „Disruption“ nicht die beste Lösung. Dies ist nur dann der Fall, wenn digitale Innovationen radikale neue Geschäftsmodelle und Technologien beinhalten müssen. In allen anderen Fällen haben digitale Innovationen, welche die bereits vorhandene Stärken des profitablen Kerngeschäfts nutzen, eine weitaus höhere Erfolgschance – und sollten entsprechend das Fundament jeder digitalen Transformation bilden.

„Ein Tanker ist nicht über Nacht in ein Speedboot zu verwandeln“, bemerkt die (damalige) IBM Deutschland-Chefin Martina Koederitz. Und doch versuchen viele Unternehmen genau dies: Mit Start-up Methoden wie Design-Thinking und Lean Startup sollen neue digitale Prozesse, Produkte & Services entwickelt werden. Das Problem: Die Komplexität großer Unternehmen wird von diesen Methoden nicht berücksichtigt. Und so scheitern die entwickelten Ideen meist an den Prozessen, Strukturen, Hierarchien oder anderen Restriktionen des Großunternehmens. Dies heisst nicht, dass Start-up Methoden für Digitalisierungsprojekte per se unbrauchbar sind. Schließlich eignen sich diese hervorragend, um z.B. schnell zu Testen oder gute Kundeninsights zu generieren. Sie sind aber keine ganzheitliche Lösung für die strategischen Herausforderungen etablierter Unternehmen. Dazu braucht es einen systematischen Innovationsprozess, der zielgerichtet (digitale) Lösungen passend zu Kundenbedürfnissen und Unternehmenskontext liefert. Doch ist dieser eben auch komplexer als Brainstorming-Sessions und Kundenexperimente.

Wenn also Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern mit Hilfe eines systematischen Prozesses passgenau zur Erreichung strategischer Unternehmensziele und zur Erfüllung (neuer) Kundenbedürfnisse eingesetzt wird, ist Schluss mit dem Digitalisierungstheater! Stattdessen geht der Vorhang auf für eine erfolgreiche, „effiziente Transformation“, in welcher Unternehmen zielgerichtet und systematisch an den wichtigsten digitalen Themen arbeiten, um Mehrwerte für ihre Kunden und Mitarbeiter zu schaffen.

Und dann folgt (auch langfristig) der Applaus der Shareholder, Mitarbeiter und Kunden!