RankingDie besten deutschen Digitallabore

SAP Data Space in Berlin
SAP Data Space in Berlin
© dpa

Was für eine böse Frage. Berlin, eine Konferenz im Herbst 2016. Auf der Bühne steht Boris Behringer, Leiter des Porsche Digital Lab. Im Publikum ist Marius Rosenberg vom Pharma-Start-up Adhesys Medical aufgestanden. Er schaut angriffslustig und fragt: „Welchen Sinn haben eigentlich Digitallabore? Verpacken die Konzerne damit nur ihren Innovationsfrust in Kisten und schicken ihn nach Berlin?“

Was soll man darauf antworten? Und vor allem: Kann man die Frage wirklich beantworten?

Die Digilabs, Innovation-Hubs, Digitalfabriken oder wie immer die deutschen Unternehmen ihre Ableger nennen, sind in den vergangenen Jahren ein fester Teil der deutschen Firmenlandschaft geworden.

Ob Daimler, Lufthansa, Thyssenkrupp oder Deutsche Bank – jeder, der zeigen will, dass er die Zukunft anpackt, hat inzwischen ein Labor gegründet. Rund 100 sind es mittlerweile und noch deutlich mehr, wenn man zugekaufte Start-ups oder IT-Ausgründungen miteinbezieht. Tendenz steigend. Ihr Ziel: die deutschen Unternehmen in die digitale Umlaufbahn schießen. Sie abwehrbereit machen für den Angriff von Google oder Facebook. Neue Geschäftsmodelle finden. Innovationen vorantreiben. Es ist eine der zentralen Herausforderungen, vor denen die deutsche Wirtschaft steht.

Viele Labore haben ihren Sitz in Berlin und sind dabei, ihre Mutterunternehmen durcheinanderzuwirbeln. Mit schnelleren Entwicklungszeiten und weniger Krawatten. Mit einem Wust an deutsch-englischen Fachbegriffen und Inneneinrichtungen, die aus Berlin-Mitte ein Kinderzimmer mit Breitbandanschluss gemacht haben. Und natürlich sind auch einige dabei, die eher für die Ratlosigkeit der Konzerne stehen als für den Aufbruch in eine neue Ära.

Vorreiter Lufthansa

Was also bringen Deutschland digitale Labore wirklich? Sind sie Abladestationen für Innovationsfrust, wie Rosenberg fragte, reine Showrooms – oder fördern sie reale Ergebnisse und Projekte zutage?

Capital hat mit der Hamburger Managementberatung Infront Consulting über Monate Dutzende von Laboren besucht. Das Team hat mit Chefs und Mitarbeitern gesprochen, aber auch mit Experten des „Ökosystems“, wie es in der Szene heißt.

Herausgekommen ist die erste große Bestandsaufnahme der deutschen Digitallabore und Acceleratoren, also jener Einheiten, die sich als Sprungbrett für Start-ups verstehen. Und das erste Ranking, aus dem zu erkennen ist, welche Strategien Erfolg bringen und welche nicht.

34 Labore haben an der Studie teilgenommen, darunter 17 Innovation-Labs und 17 Acceleratoren (die Grenzen sind oft fließend). Der Grad des Erfolgs ist sehr unterschiedlich – einige tüfteln eher ziellos vor sich hin wie verlorene Trabanten, andere arbeiten gut, aber kämpfen noch – und es gibt Vorreiter und Erfolgsbeispiele. „Können die Unternehmen auf dieses Modell verzichten? Nein, das hieße Kapitulation“, sagt Thomas Sindemann, der als Partner bei Infront die Studie verantwortet hat. „Aber es muss sehr klar sein, was man sich von einem Labor erwartet.“

Sechs Erfolgsfaktoren werden in der Studie ausgemacht. Je mehr Kategorien ein Labor gut meistert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es seinem Unternehmen einen Mehrwert bringt. Erstens: Wie gut sind die Unterstützung durch das Top-Management und die Zielvorgaben durch den Konzern? Zweitens: Wie klar ist die Auswahl der Themen und möglichen Geschäftsideen? Drittens: Funktioniert der Austausch zwischen dem Konzern und dem Digitalableger – personell und inhaltlich? Viertens: Werden die richtigen Methoden angewandt? Fünftens: Gibt es die Bereitschaft, die im Labor entstandenen Ideen wirklich groß zu machen, also zu skalieren? Und sechstens: Wie gut arbeitet das Labor mit Kunden und externen Partnern zusammen?

Ein klarer Vorreiter in vielen dieser Disziplinen ist der Lufthansa Innovation Hub, die 2014 gegründete Digitaleinheit der größten deutschen Fluggesellschaft. Wer das Labor besuchen will, droht zunächst fast daran vorbeizulaufen. Ein Altbau nah am Hackeschen Markt in Berlin, auf dem Klingelschild steht unter mehreren Namen irgendwo auch Lufthansa. Kein Logo, kein Gepränge, kein Traditionsgehabe.

Die Botschaft ist deutlich: Wir fangen hier ganz von vorne an. „Mit dem Sendungsbewusstsein eines Großkonzerns wird man hier in Berlin nicht gewinnen“, sagt Gleb Tritus, der als Director Venture Development die Geschäfte des Innovation Hub führt. „Das heißt: Eigentlich muss man sein Weltmarken-Shining ablegen.“ Der 32-Jährige ist im Grunde ein Kind der Start-up-Szene. Gründer eines Onlinemarktplatzes für Konzerttickets und einer Shoppingplattform für Kosmetika. Blonde Kurzhaarfrisur, smarter Auftritt, aber nicht zu smart. Fast druckreife Sätze, in denen Begriffe wie „globalgalaktisch“ oder „Pain Points“ vorkommen. Diese Mischung aus Selbstbewusstsein und gewinnender Verbindlichkeit, die so typisch ist für Digitalunternehmer. Man kann sich vorstellen, wie manch altgedienter Lufthansa-Manager mit den Zähnen knirscht, wenn ihm dieser junge Mann etwas von Innovation erzählt.