ReportageSchlecker - der gefallene König

Anton Schlecker auf dem Weg zum ersten Verhandlungstag am 6. März
Anton Schlecker auf dem Weg zum ersten Verhandlungstag am 6. März
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Der erste Prozesstag hat etwas von einer Beerdigung. Sitzungssaal 18, Landgericht Stuttgart, die ganze Familie ist zusammengekommen: Anton Schlecker, der Patriarch, seine Frau Christa, dazu ihre Kinder Lars und Meike. Die Kleidung dunkel, die Köpfe gesenkt, die Mienen ernst – so lassen sie die Blitzlichter über sich ergehen. Dutzende Fotografen drängen sich, vor allem, um ein Bild von dem Mann zu erhaschen, den man jahrelang auch „das Phantom“ nannte. Unsicher wirkt er, irritiert, fast gebrechlich und irgendwie ängstlich. Nur einmal blickt Anton Schlecker kurz zu der Meute der Fotografen, vor der er sich viele Jahre so gut hat verstecken können.

Bis zu seiner Insolvenz gehörte Anton Schlecker in die Riege der ganz großen deutschen Unternehmer, oft wurde er in einem Atemzug genannt mit den Gebrüdern Albrecht und Dieter Schwarz, dem Gründer von Lidl. Allesamt Milliardäre, die den Einzelhandel revolutionierten. Schlecker, der gelernte Metzger aus der Provinz, hatte das größte Drogerieimperium Europas geschaffen. Aus dem Nichts. Knapp 14 000 Filialen in zwölf Ländern, 50 000 Mitarbeiter, über 5 Mrd. Euro Umsatz. „Denke, mache, multipliziere“ lautete seine einfache Formel. Er war fleißig, ehrgeizig und hart – gegenüber Lieferanten und Mitarbeitern, vor allem aber gegenüber sich selbst. Typisch Schwabe. Eines war Schlecker aber nie: beliebt.

„Oh Gott, er tut mir leid“

Natürlich ist der Gerichtssaal zum Bersten voll mit Prozesstouristen und Schaulustigen. Mit Schleckerfrauen, die ihren Job verloren haben. Doch als sie ihren ehemaligen Chef dann sehen, erschrecken sie. „Oh Gott, er tut mir irgendwie leid“, flüstert eine Schleckerfrau. Eine andere nickt.

Eine Stunde lang verliest die Staatsanwaltschaft die Anklage. 45 Taten werden der Familie und zwei Wirtschaftsprüfern zur Last gelegt. Anton Schlecker ist der Hauptangeklagte, ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Von vorsätzlichem Bankrott ist die Rede, von Untreue und Insolvenzverschleppung. Konkret geht es um überhöhte Preise, die der Vater seinen Kindern für deren Logistikzentrum bezahlt haben soll, um Schenkungen, Beraterverträge oder Renovierungskosten. Manche Beträge erscheinen lächerlich klein, doch sie summieren sich auf 26 Mio. Euro. Geld, das Schlecker aus „Gewinnsucht“ dem Konzern entzogen haben soll – zugunsten und mit Wissen seiner Familie, zulasten der Gläubiger. Nachdem Schlecker 2012 insolvent ging, wurden 22 737 Forderungen in einer Gesamthöhe von 1,07 Mrd. Euro angemeldet.