KommentarRussland im freien Fall


Anders Aslund ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington. Er beriet in den 90er-Jahren die russische Regierung bei der Transformation zur MarktwirtschaftAnders Aslund ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington. Er beriet in den 90er-Jahren die russische Regierung bei der Transformation zur Marktwirtschaft


Spätestens seit November 2014 hat sich abgezeichnet, dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr stark schrumpfen wird. Die aktuellen Zahlen aber lassen vermuten, dass die Rezession noch schwerer ausfallen wird als vermutet. Das russische Wirtschaftsministerium geht von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um drei Prozent im laufenden Jahr aus, die Zentralbank glaubt an minus 4,5 oder fünf Prozent, wenn man einen Ölpreis von 50 Dollar pro Barrel zugrunde legt.

Doch selbst diese Prognosen scheinen viel zu optimistisch. Wahrscheinlicher ist, dass wir einen Absturz von zehn Prozent erleben werden. Russland steht in allen Indikatoren schlechter als 2009 da, als das BIP um acht Prozent zurückging.

Im Juli 2014 begannen die USA und die Europäische Union mit ernstzunehmenden Finanzsanktionen gegen Russland. Zugleich fiel der Ölpreis und mit ihm auch der Rubel. Und um alles noch schlimmer zu machen, verfolgt der Kreml eine Wirtschaftspolitik, mit der die Krise noch befördert wird.

Reserven der Zentralbank schrumpfen rasant

Die Finanzsanktionen des Westens wirken sich deutlich schärfer aus als ursprünglich angenommen. Und die Hoffnung, dem Sturm mit einem dicken Polster an Währungsreserven begegnen zu können, dürfte sich als trügerisch erweisen. Zwar stehen diese Reserven immer noch bei 368 Mrd. Dollar, aber das bedeutet bereits einen Rückgang um 110 Mrd. im Vergleich zum Juli vergangenen Jahres.

Auch das ist aber nur die halbe Wahrheit. Das russische Finanzministerium verfügt über zwei Staatsfonds, den Reservefonds mit einem Volumen von 88 Mrd. Dollar und den Nationalen Wohlfahrtsfonds mit 78 Mrd. Dollar. Beide Töpfe werden eingesetzt, um angeschlagene Unternehmen zu stützen und in die Infrastruktur zu investieren. Es handelt sich also nicht um echte Reserven. So will die Regierung in diesem Jahr die Hälfte des Reservefonds ausgeben. Ein weiterer Anteil der Reserven von 49 Mrd. Dollar wird in Gold gehalten.

Das bedeutet: Die tatsächlich liquiden Reserven der russischen Zentralbank sind zwischen Juli 2014 und Februar 2015 von 357 Mrd. Dollar auf nur noch 153 Mrd. Dollar geschrumpft. Russlands Auslandsschulden liegen bei 600 Mrd. Dollar, und es wird ein Fremdwährungsabfluss von etwa 100 Mrd. Dollar im laufenden Jahr erwartet. Damit erreichen die russischen Reserven einen kritischen Punkt. Derzeit verliert das Land pro Monat mehr als 10 Mrd. Dollar. Im dritten Quartal dieses Jahres sind ernsthafte Probleme für die Reserven absehbar.