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Bernd Ziesemer Der langsame Selbstmord von Gazprom

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die russische Erdgasproduktion sinkt dramatisch. Noch sorgen die hohen Preise trotzdem für Rekordeinnahmen. Mittelfristig aber droht ein Desaster für Putin

Im finnischen Hamina beobachten sie die riesige Feuersäule hinter der russischen Grenze bereits seit Wochen. Die Flammen leuchten herüber von Portowaja, wo die Verdichterstation von Gazprom Erdgas in die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland pumpt. Doch statt ihre Lieferverträge zu erfüllen, fackeln die Russen das Gas lieber ab. Genauso wie auf der Halbinsel Yamal im hohen Norden Russlands, wo die Feuersäulen ebenfalls Tag und Nacht lodern. Weil die politische Erpressung Westeuropas für Wladimir Putin wichtiger ist als ökonomische Logik, treibt er seinen Staatskonzern Gazprom in den langsamen Selbstmord.

Auf den ersten Blick geht seine Rechnung gleich doppelt auf: In Deutschland wächst die Angst vor einem harten Winter ohne Heizungen, seit nur noch 20 Prozent der üblichen Erdgasmengen durch die Röhren fließen. Und gleichzeitig verbucht Putin äußerst hohe Einnahmen, weil die explorierenden Energiepreise seit dem Überfall auf die Ukraine im Februar für Rekordeinnahmen sorgen.

Schaut man genauer hin, dann entdeckt man allerdings bereits die ersten Zeichen für das kommende Desaster Putins. Die russische Erdgasproduktion ist auf den niedrigsten Stand seit 2008 gefallen. Allein im Juli sank sie gegenüber dem Vormonat um 14 Prozent. Zugleich fielen auch die Deviseneinnahmen zum ersten Mal seit dem Beginn der Krise unter das Niveau des Vorjahres. Da die Zentralbank den Rubelkurs hochhält, fließt immer weniger Geld in den Staatshaushalt. Dieser Effekt wird sich in den nächsten Monaten massiv verstärken.

Die Erdgasfackeln über Portowaja und der Halbinsel Yamal unterstreichen die Misere der russischen Erdgaswirtschaft: Anders als beim Erdöl fehlt Putin die Möglichkeit, den Energiestrom von Westeuropa nach Asien umzulenken. Russland verfügt nicht über genügend LNG-Anlagen, um das geförderte Erdgas zu verflüssigen, das normalerweise nach Deutschland oder Italien fließt. Und die Pipelinekapazität nach China reicht nicht aus, um noch mehr Erdgas zu transportieren als jetzt schon.

Gazprom bleiben nur drei Möglichkeiten: Doch wieder mehr Erdgas nach Europa zu pumpen, es in großem Umfang weiter abzufackeln oder die Produktion noch viel stärker herunterzufahren. Da die erstere Variante aus politischen Gründen mehr als unwahrscheinlich ist, läuft also alles auf eine ökonomische Selbstbestrafung des Landes hinaus. Spätestens nach diesem Winter wird das ganze Ausmaß des russischen Selbstbetrugs sichtbar werden: Putin ist langfristig weitaus abhängiger von Westeuropa als Westeuropa von ihm.

Wahrscheinlich legt Gazprom in den nächsten Monaten weitere Erdgasquellen still. Manche Fördergebiete lassen sich relativ einfach wieder ab- und auch wieder anschalten, andere dagegen nicht. Die Kosten gehen möglicherweise in die Milliarden Euro. Viel schlimmer aber für Russland: Auch nach dem Krieg sollte Putin nicht mit einer Rückkehr zum Status Quo Ante rechnen. Der Diktator hat in fünf Monaten das gesamte Vertrauen verspielt, was Russland und die Sowjetunion vorher in fünf Jahren aufgebaut hatten. Der Westen richtet sich ein auf eine Zukunft, in der Russlands Rohstoffe keine große Rolle mehr spielen.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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