Voice of AmericaDer Staat in meinem Bett

Meinen Aufenthalt in den USA habe ich mit einem Gesetzesverstoß begonnen. Ich habe die Batterie aus dem Rauchmelder entfernt. Es war Notwehr. Das Ding schrillte jedes Mal los, wenn ein Spiegelei in der Pfanne briet. Daraufhin das Fenster aufzureißen haben wir nur einmal versucht. Das nämlich löste einen durch die Straße gellenden Einbruchsalarm aus. Am Ende konnte nur der flehende Hinweis, dass wir frisch eingereiste Deutsche sind, einen Großeinsatz von Polizei und Feuerwehr verhindern.

Die Amerikaner schreiben Sicherheit groß, in der Terrorabwehr wie im Haushalt. Deswegen habe ich mich nicht gewundert, als kurz nach unserem Einzug eine Order des staatlichen Wohnungsinspektors im Postfach lag. Endlich, dachte ich. Denn direkt hinter unserem Reihenhaus steht ein sechs Meter hoher Holzmast, von dem aus sämtliche Stromleitungen der Nachbarschaft abzweigen. Die wild im Wind schwingenden Kabel sind bei den Eichhörnchen als Rennstrecke sehr beliebt. Aber mit jedem Tag neigt sich der krüppelige Stamm gefühlt ein, zwei Zentimeter mehr auf unser Schlafzimmerfenster zu. Von der regelmäßigen Dosis Elektrosmog ganz zu schweigen.

Capital 06/2017
Die aktuelle Capital

Die To-do-Liste des Inspektors war lang und ultimativ. Der Kabelbaum kam darin nicht vor. Dafür musste eine tote Steckdose repariert und der Rauchmelder an das Stromnetz angeschlossen werden. Die acht Stufen in den Keller benötigten auf beiden Seiten einen Handlauf. Ein 30 Zentimeter großer Riss im begehbaren Kleiderschrank musste verschwinden. Und dann war da noch die Schlafzimmertür. Sie blieb nie ganz offen stehen, sondern schwang immer ein paar Zentimeter zurück. Eine Frage der Schwerkraft. Das Haus ist 100 Jahre alt, die Wände schief, die Türbögen wohl auch. Uns störte die störrische Tür nicht.

Den Inspektor schon. Argumentativ sei da nichts zu machen, sagte uns jeder Amerikaner. Was einmal in den Akten stehe, sei nicht verhandelbar. Also rückten die Handwerker an. Nach mehreren Stunden Schleifens, Hämmerns und Fluchens war das Problem im Sinne des Staates gelöst. Die Tür bleibt nun offen stehen. Statt des vorher vorhandenen Spiegels zieren ihre Rückseite großflächig gelbe Klebereste. Allerdings schließt die Tür jetzt nicht mehr.

Für Ende Mai hat sich der Inspektor zum Kontrollgang angesagt. Es ist nicht nötig, dass wir da sind, wenn er kommt. An unserer Haustür hängt eine Schlüsselbox. Er kennt den Code. Nach diesem Termin, so hat uns die Hausverwaltung signalisiert, könnten wir die Schlafzimmertür wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Amerika, das ist schließlich das Land der Freien.


Unsere Kollegin Ines Zöttl lebt und arbeitet seit Jahresanfang in Washington. Hier schreibt sie jeden Monat über Politik und Wirtschaft in den USA.Unsere Kollegin Ines Zöttl lebt und arbeitet seit Jahresanfang in Washington. Hier schreibt sie jeden Monat über Politik und Wirtschaft in den USA. Weitere Folge: Manager in der Trump-Falle

 


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