KommentarRadikalkur für die globale Malaise

Martin Wolf
Martin Wolf
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Marin Wolf ist Chef-Kommentator und Mitherausgeber der Financial Times. Er hat im ersten Teil die Gründe für das lahme Wachstum analysiert: Der Fluch der globalen Nachfrageschwäche 


Die wichtigsten einkommensstarken Volkswirtschaften – USA, Eurozone, Japan und Großbritannien – leiden unter dem Syndrom der chronischen Nachfrageschwäche. Genauer gesagt waren in diesen Ländern die Ausgaben des Privatsektors nicht hoch genug, um das Produktionspotenzial auszulasten. Jedenfalls nicht, ohne dass eine aggressive Geld- oder Haushaltspolitik – oder beide – Anreize setzten. Japan leidet seit Anfang der 1990er unter der chronischen Nachfrageschwäche. Die anderen Volkswirtschaften spätestens seit 2008.

Was ist zu tun? Um diese Frage zu beantworten, muss man die Krankheit erst einmal verstehen.

Krisen sind die Herzattacken eines Finanzsystems. Sie haben potenziell verheerende Wirkungen auf die Wirtschaft. Die Aufgabe des Wirtschaftsarztes ist es, das Leben des Patienten zu erhalten: also einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern und die Nachfrage aufrechtzuerhalten. Während eines Herzstillstandes ist nicht der richtige Moment, um sich um den Lebensstil eines Patienten zu sorgen. Es geht darum, ihn am Leben zu erhalten.

Wie Herzattacken haben auch Finanzkrisen langfristige Auswirkungen. Denn zum einen nimmt der Finanzsektor selbst Schaden. Außerdem leidet das Vertrauen in die Zukunft. Und es gibt einen dritten Aspekt: Die Schulden, die vor der Krise angehäuft wurden, sind nicht mehr länger tragbar. Die Folge ist, was Richard C. Koo eine „Bilanz-Rezession“ genannt hat: Das ist der Zeitraum, in dem die verschuldeten Institutionen ihre Schulden abtragen. Eine Nachkrisen-Politik muss diesen Schuldenabbau erleichtern oder ihn ausgleichen. Geld- und Haushaltspolitik können bei beidem helfen. Andernfalls sind dramatische Abschwünge wahrscheinlich. So geschehen in den krisengebeutelten Euro-Staaten.

Aufräumen allein reicht nicht

Komplementär zum Abbau von Schulden ist die Restrukturierung. Viele Ökonomen halten sie für einen entscheidenden Beitrag zur Lösung (siehe Wolfgang Münchau). Zumindest im Sektor der privaten Haushalte haben die USA das viel besser hingekriegt als die Eurozone. Doch ist eine solche Restrukturierung extrem schwierig, so lange die Schuldner ihr Scheitern nicht eingestehen. Das gilt für den Privatsektor und noch mehr für die öffentliche Hand. Es ist ein Grund dafür, dass die Schuldenüberhänge so lange anhalten.

Es gibt allerdings noch schlimmere Möglichkeiten als Schuldenüberhänge. In meinen Buch „The Shifts and the Shocks“ habe ich eine Reihe von Entwicklungen skizziert, die – ohne einen Kreditboom – in der Weltwirtschaft eine chronisch schwache Nachfrage ausgelöst haben. Dazu gehören sehr hohe Ersparnisse in den Schwellenländern, Veränderungen in der Einkommensverteilung, die Alterung von Gesellschaften und ein säkularer Rückgang der Investitionsneigung in den einkommensstarken Ländern. Dahinter wiederum stehen Faktoren wie Globalisierung, technologische Innovation und die wachsende Rolle des Finanzsektors. Es reicht nicht aufzuräumen, nachdem der Schuldenboom geplatzt ist. Die politischen Entscheider müssen auch dafür sorgen, dass die Abhängigkeit von der Nachfrage nach untragbaren Krediten verschwindet.

Andernfalls wird auch eine radikale Aufräumaktion keine muntere Nachfrage bringen. Es stimmt, ein kleines Land kann die fehlende Nachfrage über die Leistungsbilanz importieren. Aber wenn große Teile der Weltwirtschaft betroffen sind, braucht es andere Lösungen. Im Großen und Ganzen gibt es drei Alternativen: Mit der chronischen Nachfrageschwäche leben. Auf Dauer eine aggressive Politik betreiben (wie es Japan getan hat). Oder die zugrunde liegenden strukturellen Nachfrageschwächen angehen.

Ursachen der Nachfrageschwäche angehen

Eine hyperaggressive Geldpolitik hilft, wenn sie Realzinsen unter Null liefert. Eine andere Möglichkeit sind Haushaltsdefizite. Aber damit riskiert man ständig wachsende Schulden. Noch unorthodoxer ist die direkte Finanzierung von Haushaltsdefiziten durch die Notenbank, wie sie Adair Turner vorgeschlagen hat. Damit wird die Geldschaffung nationalisiert, die heute an oft verantwortungslos handelnde Banken delegiert ist. Verglichen mit der indirekten Manipulation von Vermögenswerten wäre das die direktere (und wahrscheinlich effektivere) Methode, um die Geldschöpfungsmacht einer Zentralbank zur Ausweitung der Nachfrage einzusetzen. Dieser Weg scheint besonders für Japan geeignet.

Die Alternative ist, die Ursachen der strukturell schwachen Nachfrage anzugehen. Eine mögliche Politik dazu wäre, Einkommen von Sparen zu denjenigen umzuleiten, die es ausgeben. Eine andere wäre, das Ausgeben zu fördern. An dieser Stelle wird klar, warum die Erhöhung der Verbrauchssteuern in Japan so schlecht ankam. Japan sollte besser Ersparnisse besteuern und damit gegen das Vorurteil kämpfen, dass Sparen gut ist. In einer Welt, die unter dem Nachfrageschwäche-Syndrom leidet, ist es das nicht. Unproduktive Ersparnisse sollten verhindert werden.

Jenseits der Nachkrisen-Malaise und der anhaltend schwachen Nachfrage kann es sein, dass ein strukturell schwaches Angebot besteht. Die Lösung dafür ist, zu Arbeit, Investitionen und Innovationen zu ermuntern. Aber eine Politik, die sich auf eine Stärkung des Angebots richtet, darf nicht gleichzeitig die Nachfrage schwächen. Genau diese Problem hat jedoch die Standardempfehlung von Arbeitsmarktreformen. Empfohlen werden Lohnkürzungen für einen großen Teil der Arbeitskräfte und Lockerungen des Kündigungsschutzes. Das aber dürfte zumindest auf mittlere Sicht den Konsum senken. Deutschland hat das in der ersten Hälfte der 2000er erlebt. Reformen sollten die Nachfrage stützen. Deswegen braucht die Eurozone ein ausgewogenes Packet statt sich stark auf Strukturreformen zu verlassen.

Die Krise hat ein schwieriges Erbe hinterlassen. Die Eurozone ist damit schlechter fertig geworden als zum Beispiel die USA. Aber die Ursachen der Krise liegen in längerfristigen strukturellen Schwächen. Die Politik muss hier ansetzen, wenn nicht das Verlassen der Krise der erste Schritt hinein in die nächste werden soll. Die Antworten werden wahrscheinlich unorthodox sein. Aber das gilt auch für die wirtschaftliche Lage heute. Seltene Krankheiten brauchen ungewöhnliche Therapien. Suchen wir danach.

Der nächste Kommentar von Martin Wolf wird sich mit den Lösungsmöglichkeiten für die Probleme befassen. 

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