BundestagswahlSchulz und Sühne

„Wir sind gerettet!“

Martin Schulz wandte seinen Kopf und schaute auf die Gestalt, die gerade sein Zimmer betreten hatte.

Es war sein Büroleiter, der aufgeregt mit einem iHolo in der Luft wedelte. Schulz drehte sich wieder um. „Bin gleich bei Ihnen.“ Er schaute wieder aus dem Fenster, sah den dichten, prasselnden Regen, der nun schon seit Tagen über dem Land niederging, als würde man einen Riesenschwamm auspressen.

Er liebte diesen Blick auf den Berliner Dom, den er seit einem Jahr genießen durfte. Damals, im Sommer 2019, musste das Kanzleramt plötzlich umziehen. An der Nordseite war Hausschwamm im Beton, sie mussten raus, bevor sich der Pilz durch das Gebäude und die Medien durch ihre Metaphern fressen würden. Aber wohin? Das Stadtschloss war noch leer, und so hatte man, nach hitzigen Diskussionen über die Signalwirkung, den Umzug beschlossen, „übergangsweise“ natürlich.

Schulz hatte geflucht, weil das ganze Drama zum Symbol seiner Kanzlerschaft zu werden drohte, die nicht wenige schon damals als „verkorkst“ bezeichneten. Aber bald hatte er die Räume lieb gewonnen, hatte auf Wikiquote viele Zitate von Friedrich dem Großen gelesen, mit denen er nun oft seine Genossen nervte.

Ach, sollten sie genervt sein. Er war es ja auch. Von den ewig neuen Ausgabenwünschen. Den ewig neuen Gesetzen, mit denen man die alten nachbesserte. Von der Wagenknecht, die im Amt bald ergraut war und die er heimlich „Silberhexe“ nannte.

„Besorgen Sie mir sofort ein Paar Gummistiefel!“

„So, was ist? Warum sind wir gerettet?“ Schulz drehte sich um.

„Der Regen, der viele Regen …“ Der Büroleiter stockte: „Wir haben einen Deichbruch an der Oder.“

Er drehte das iHolo, das mit einem Lichtstrahl ein Hologramm auf der Oberfläche erzeugte. Bilder von Wassermassen, die durch Deiche stürzen, überflutete Dörfer, schwimmende Autos. „Auch Sachsen und Sachsen-Anhalt sind betroffen. Wir haben ein Hochwasser. Ein Jahrhunderthochwasser.“ Schulz begriff sofort, was das bedeutete. Dem Himmel sei Dank, dachte er. Eine Flut. In solch schwierigen Zeiten waren starke Kanzler gefragt. Wie 2002. Was er jetzt brauchte, waren Bilder der Entschlossenheit. Und irgendwo noch ein paar Milliarden. „Besorgen Sie mir sofort ein Paar Gummistiefel!“

„Schon geschehen.“ Sein Büroleiter glühte vor Stolz.

„Super. Wohin fahren wir? Wo ist der nächste Deich?“

„Der Bruch ist bei Reitwein.“

„Wo zum Teufel ist denn das?“

„An der polnischen Grenze.“

Schulz verzog das Gesicht. Er überlegte. „Sollen wir nicht lieber nach Sachsen-Anhalt? Also irgendwie rein nach Deutschland?“

„Die A9 wurde heute Nacht in Teilen unterspült.“

„Aber wir sind doch im Heli.“

„Nein“, sagte der Büroleiter. „Zu starker Wind.“ Er machte eine Pause und schob leise hinterher. „Es wäre auch das falsche Signal.“

„Okay, dann aber schnell. Und ruf das Fernsehen an.“

„Haben wir bereits. RTL und Netflix kommen, wir haben auch einen eigenen Youtube-Kanal. Und wir drehen für Snapchat eine Story.“