InterviewPiloten – Schichtdienst über den Wolken

Vier Piloten für ein ausführliches Gespräch an einen Ort zu bekommen ist gar nicht so leicht. Sie sind permanent unterwegs. Und außerdem reden die meisten nur ungern – zumindest wenn es um etwas anderes als die Kunst der Fliegerei geht: die Überforderung im Cockpit, den wirtschaftlichen Druck ihrer Arbeitgeber, den sie spüren, den Neid angesichts ihrer Gehälter und die Angst vor dem sozialen Abstieg. Piloten sind Problemlöser, nicht Problemwälzer. So haben sie das gelernt, darauf werden sie trainiert.

Capital hat dennoch vier Kapitäne und Co-Piloten gefunden, die reden wollen. Praktischerweise am Frankfurter Flughafen, in den Räumen der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). Andreas Tittelbach, 52, einst Kapitän bei Lufthansa Cityline; Konrad Messerer, 58, Kapitän bei Air Berlin; Tobias Hinsch, 29, Erster Offizier beim Lufthansa-Ableger Germanwings; und Markus Wahl, 35, Erster Offizier bei Lufthansa Cargo und Sprecher bei VC. Die Piloten haben Zeit mitgebracht, das Gespräch dauert fast zwei Stunden. Nur ab und zu donnert ein Jet übers Dach.

Tobias Hinsch, Andreas Tittelbach, Markus Wahl und Konrad Messerer (v.l.n.r.)

Herr Hinsch, Sie sind mit 29 Jahren der Jüngste in der Runde und seit zwei Jahren Co-Pilot bei Germanwings. Gibt es irgendetwas, worum Sie Ihren Kollegen Konrad Messerer beneiden?

Tobias Hinsch: Nein, eigentlich nicht. Durch das Senioritätsprinzip in unserer Branche weiß ich, dass ich irgendwann zum Kapitän befördert werde. Die Frage ist nur, wie schnell das geht. Ich habe noch vor mir, was der Kollege schon genießt.

Herr Messerer, hat Ihr junger Kollege recht?

Konrad Messerer: Ja, klar. Allerdings kann ich auf eine Vergangenheit zurückblicken, die sich in der Form nicht wiederholen wird. Die goldenen Zeiten, die wir als junge Piloten noch erlebt haben, wird es nicht mehr geben.

Goldene Zeiten, das klingt gut. Wie war das denn, als der Pilot noch ein Traumberuf für viele war?

Messerer: Die Einsätze waren früher wesentlich interessanter. Wenn wir nach Südamerika geflogen sind, waren wir oft zehn Tage unterwegs – von Frankfurt nach Rio, dann nach São Paulo, Buenos Aires und wieder zurück. Das hatte mehr etwas von einer Reise.

Hinsch: Ich beneide den Kollegen doch!

Messerer: Touren bis Sydney haben sogar 20 Tage gedauert. Das war toll. Man war schlicht und einfach weg und nicht erreichbar. Internet und Handy gab es ja nicht. Ich bin froh, dass ich das erlebt habe.

Das klingt fast nach Urlaub. Warum gibt es das heute nicht mehr?

Messerer: Der wirtschaftliche Druck lässt das nicht mehr zu. Die Kosten und die Konkurrenz durch andere Airlines verlangen hohe Effizienz und einen optimalen Einsatz: Die Maschinen müssen in der Luft sein, damit sie Geld verdienen.

Tobias Hinsch
Tobias Hinsch fliegt als Co-Pilot bei Germanwings. Als Ende März eine Maschine der Gesellschaft in den Alpen abstürzte, war er im Urlaub. Die Distanz habe ihm geholfen, den Schock zu verkraften – Foto: Evelyn Dragan

Herr Hinsch, war Ihnen klar, worauf Sie sich einlassen?

Hinsch: Ich hatte mich 2007 bei der Lufthansa beworben. Die suchten damals händeringend Piloten. Ich dachte, ich werde in Europa unterwegs sein, hin und wieder auch mit Hotelaufenthalten. Doch ich entschied mich für das duale Studium, die Ausbildung dauerte damit vier statt zwei Jahre. Das war vielleicht blöd. Denn als ich fertig war, rutschte die Branche in die Krise. Statt bei der Lufthansa fliege ich seit zwei Jahren bei Germanwings. Da mache ich mehrere Touren am Tag und bin abends zu Hause. Aber das ist auch ganz schön.

Wie oft fliegen Sie pro Tag?

Hinsch: Zwei- oder viermal.

Wie viel Zeit haben Sie zwischen Ankunft am Terminal und nächstem Flug?

Hinsch: 35 Minuten.

Und dann zurück, Landung, wieder 35 Minuten, neuer Flug?

Hinsch: Ja, so sollte es sein.

Und das machen Sie fünf Tage in der Woche?

Hinsch: Im Normalfall sind es bei uns maximal fünf Tage, manchmal aber auch nur drei. Oder ich habe Glück und auch mal sechs Tage am Stück frei. Unser Dienstplan ist jeden Monat anders. Es ist quasi ein Schichtdienstjob.

Was fasziniert Sie an dem Job?

Hinsch: Zu reisen und andere Länder zu sehen hat mich gereizt. Irgendwann werde ich wohl auch die Chance haben, bei der Lufthansa auf die Langstrecke zu gehen. Das ist meine Perspektive. Und das Fliegen an sich macht riesigen Spaß.