Interview„Nordkorea ist der letzte totalitäre Staat der Welt“

Darsteller halten bei einer Massenveranstaltung Karten hoch mit einem Porträt des nordkoreanischen Führers Kim Jong-un
Darsteller halten bei einer Massenveranstaltung Karten hoch mit einem Porträt des nordkoreanischen Führers Kim Jong-undpa


Martin Benninghoff ist Journalist bei der FAZ und Autor. Er studierte Politikwissenschaften und absolvierte die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. 2011 veröffentlichte er mit der Politikerin Lale Akgün das Buch „Aufstand der Kopftuchmädchen“. 2019 erschien sein zweites Buch „Der Spieler – Wie Kim Jong-un die Welt in Atem hält“.


CAPITAL: Herr Benninghoff, Sie haben ein Buch über Nordkorea geschrieben. Da drängt sich zunächst die Frage auf: Wie ist es Ihnen gelungen, vor Ort zu recherchieren?

MARTIN BENNINGHOFF: Es ist für Journalisten sehr schwierig dort zu recherchieren, weil die nordkoreanischen Staatsbehörden kaum Visa für Journalisten vergeben. Deswegen bin ich mehrmals anderweitig eingereist, um mir das Land anzuschauen. Wenn man allerdings nur auf Reisen  setzen würde, bekäme man ein falsches Bild von Nordkorea. Denn die Reisen sind immer geführt, man hat stets zwei Reiseführer an der Hand, die einem nur ausgewählte Orte zeigen. Man darf das Hotel meist nicht alleine verlassen. Wenn man also über Nordkorea berichten will, muss man auch um das Land herum recherchieren. Ich war mehrmals in China und in der Grenzregion in Südkorea. In Seoul habe ich beispielsweise auch Flüchtlingsvertreter getroffen und Menschen, die aus Nordkorea geflüchtet sind. Nur so kann man aus diesem Puzzle ein Gesamtbild machen.

Sie bezeichnen Nordkorea als „ein Land vor unserer Zeit“. Wie meinen Sie das?

Einerseits ist Nordkorea ein Land, das einen sehr altertümlichen – stalinistischen – Kommunismus pflegt. Wir kennen das noch ein Stück weit aus den Ostblockstaaten. Ältere Nordkorea-Besuchende fühlen sich zum Teil an die 1960er-Jahre in der DDR, die Sowjetunion oder das China unter Mao erinnert. Auch dort durfte man teilweise nicht alleine reisen, sondern war immer von Reiseführern begleitet, die einem nur das vermeintlich Schöne im Land zeigen. Und das erinnert ein Stück weit an die Vergangenheit. Andererseits ist es aber auch so, dass Kim Jong-un neue Akzente setzt und das macht das Land für mich interessant. Es ist mehr als ein Freilichtmuseum früherer Zeiten, weil es auch eine neue Variante des Kommunismus zeigt.

Sie schreiben, Nordkorea sei der einzig tatsächlich totalitär regierte Staat auf der Welt. Was bedeutet das für den einzelnen Menschen dort? 

Der entscheidende Unterschied zwischen einem autoritär regierten Land wie Russland oder China und einem totalitär regierten Land wie Nordkorea ist, dass die Staatsgewalt bis weit in die Privatsphäre hinein reicht, im Grunde bis in jeden Winkel. Das tut sie in China beispielsweise nur ansatzweise. In Nordkorea dagegen ist der Alltag der Menschen komplett durch die Staatsgewalt bestimmt. Sie dürfen nicht reisen, brauchen eine Genehmigung, um die Großmutter in der übernächsten Stadt zu besuchen. Sie müssen sich wöchentlichen Selbstkritik-Sitzungen aussetzen und an Gemeinschaftsarbeit teilnehmen. Man sieht in Nordkorea überall Menschen, die an der Straße Straßenbauarbeiten vornehmen oder Grünanlagen pflegen. Das ist eine Art von kollektiver Zwangsarbeit, die da stattfindet. In den Wohnungen müssen Porträts der beiden Staatsgründer Kim Il-sung und seines Sohnes Kim Jong-il hängen. Es gibt keine Freiheit bei der Berufswahl. All das führt dazu, dass Nordkorea der letzte totalitäre Staat der Welt ist, denn in allen anderen Staaten gibt es noch vergleichsweise mehr Freiheit für die Bürger.

Die Digitalisierung kommt schleichend

Wie steht es um die Digitalisierung in Nordkorea?

Aktuell gibt nur ein Intranet in Nordkorea. Das heißt, die normalen Bürger haben keinen offiziellen Zugang zum Internet. Sie können nicht mit dem Ausland kommunizieren und auch nicht telefonieren. Nun ist es aber so, dass die Digitalisierung auch nach Nordkorea schwappt. Es hat sich eine Mittelschicht gebildet, deren Angehörige, wenn sie genügend Dollar haben, Smartphones kaufen und sich in den Grenzregionen verbotenerweise in das chinesische Netz einwählen. Dadurch kommen mehr Informationen ins Land, und das wiederum ist eine Gefahr für das Regime, weil zumindest die Angehörigen der Mittelschicht in Nordkorea längst wissen, dass ihr Land vergleichsweise arm und abgehängt ist, vor allem im Vergleich zu Südkorea. Vor 30 Jahren dachten die meisten Nordkoreaner noch, dass sie in einem sozialistischen Paradies leben und der Rest der Welt verarmt sei. Heute ist das definitiv anders.

Wie wird Nordkorea damit zukünftig umgehen?

Ich glaube nicht, dass es Kim Jong-un gelingt, auf lange Sicht die Menschen vollständig von der Digitalisierung fernzuhalten. Das gelingt ihm schon jetzt nicht komplett. Ich könnte mir vorstellen, dass er eines Tages den chinesischen Weg geht und versucht, die kleinen Freiheiten, die er zulässt, stark zu reglementieren. Beispielsweise in Kombination mit einem Punktesystem nach chinesischem Vorbild, mit dem soziales Verhalten bewertet wird, um das Verhalten in eine bestimmte Richtung zu lenken. Aber so weit ist es noch nicht. Die Digitalisierung bietet neben allem Positiven ja auch eine Vielzahl an technischen Überwachungsmöglichkeiten – das weiß auch das Regime in Pjöngjang.