GasstreitRussland vs. USA: der geopolitische Kampf um Nord Stream 2

Die Bauarbeiten für Nord Stream 2 laufen auch an Land – hier ein Teilstück der Leitung Eugal, die Gas vom Anlandepunkt Lubmin weiter nach Süden transportieren solldpa

Die Rohre, über die halb Europa streitet, sehen aus wie riesige, graue Smarties-Rollen. An beiden Enden mit blauen Plastikverschlüssen zugestöpselt, lagern die Pipelinestücke auf Holzpaletten im windigen Industriegebiet des Ostseedorfs Lubmin, jedes 48 Zoll im Durchmesser, 24 Tonnen Gewicht mit Betonmantel. Auf allen Abdeckungen ist ein Schriftzug zu erkennen: „Nord Stream 2“. Ein Begriff, der in diesen Wochen die Regierungen in Berlin, Paris, Warschau, Kiew und Kopenhagen aufwühlt.

In Lubmin, einem verschlafenen Küstenort bei Greifswald mit einer Pizzeria und einer 350 Meter langen Seebrücke, soll sie enden: die Erdgasleitung Nord Stream 2. Wenn sie einmal fertig ist, werden 100 000 Einzelstücke in zwei Strängen auf dem Boden der Ostsee liegen, um Erdgas aus Westsibirien nach Mecklenburg-Vorpommern zu transportieren, das von hier aus weiterfließen soll in Gaskraftwerke, Heizungen, Industriebetriebe. Gut ein Viertel der Rohre ist verlegt. Sobald das Wetter es erlaubt, werden die Teams auf den Schiffen weitermachen – ungeachtet des Streits, der in Europa um ihre Arbeit geführt wird.

Es geht in diesem Streit um wesentlich mehr als um eine Pipeline für rund 10 Mrd. Euro. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die EU künftig mit Erdgas versorgen wird – einer Energiequelle, die als zentral für den Übergang zu den erneuerbaren Energien gilt. Deutschland, das heute schon rund 40 Prozent seines Gasbedarfs mit Importen aus Russland deckt, und die EU werden für eine gewisse Zeit mehr davon brauchen, erst recht wenn der Kohleausstieg vorangetrieben wird. Zugleich wird in der Europäischen Union selbst immer weniger Gas gefördert. Das niederländische Gasfeld Groningen etwa, eines der größten der Erde, soll nach dem Willen der dortigen Regierung bis 2030 den Betrieb einstellen, weil die Region erdbebengefährdet ist.

Es tut sich also eine Lücke auf, in die nun andere stoßen: von Osten her Russland, wo die größten Erdgasreserven der Welt lagern. Von Westen her die USA, die mit der Fracking-Methode in den vergangenen Jahren immer mehr Gas gefördert haben und es jetzt in verflüssigter Form verkaufen wollen – zunehmend auch nach Europa. Dazwischen steht Deutschland als größter Nachfrager des Kontinents.

„Geopolitisches Projekt“

Wenn Kanzlerin Angela Merkel über Nord Stream 2 spricht, betont sie gern, dass es sich um ein „wirtschaftliches Projekt“ handele. Suggerieren soll das, dass nur die beteiligten Unternehmen betroffen sind, also der russische Eigentümer Gazprom und westliche Firmen wie Uniper oder Wintershall, die den Bau finanzieren – Politik dagegen spiele hier keine Rolle. Das aber ist nicht nur deshalb unglaubwürdig, weil die Pipeline gleich neben Merkels heimischem Wahlkreis endet und sich die Kanzlerin seit ihrem Amtsantritt von einer Kritikerin zu einer der größten Befürworterinnen des Projekts gewandelt hat. Auch andere Wortmeldungen zeigen, dass es politische Implikationen gibt.

Quer durch die Ostsee

Richard Grenell etwa, Botschafter der USA in Berlin, drohte den an Nord Stream 2 beteiligten Unternehmen bereits mehrfach mit harten Sanktionen. Anfang des Jahres unterstützte die französische Regierung zur Überraschung der Deutschen eine EU-Richtlinie, die das Projekt bedroht hätte, und löste damit hektische Aktivität im Kanzleramt aus. In Polen und der Ukraine wird die Pipeline lautstark kritisiert, Regierungschefs und ihre Einflüsterer quer durch die EU sind für oder gegen die Röhre unterwegs. Und auch bei der anstehenden Europawahl geht es um die Pipeline: Sollte der CSU-Politiker Manfred Weber Präsident der EU-Kommission werden, will er alles tun, um den Bau der Leitung noch zu verhindern. „Nord Stream war immer ein geopolitisches Projekt“, sagt der frühere russische Vize-Energieminister und heutige Oppositionelle Wladimir Milow.

Nord Stream 2 ist, wie der Name schon sagt, das Folgeprojekt einer bereits bestehenden Gasleitung. Seit 2011 gibt es die Ostseepipeline Nord Stream, die im Grunde den gleichen Weg nimmt wie ihr jetzt geplanter zweiter Teil. Auch damals gab es Gegner und Befürworter – unter Letzteren tat sich besonders Gerhard Schröder hervor, der sich nach dem Ende seiner Kanzlerschaft als Energielobbyist im Auftrag des Pipelinekonsortiums um den russischen Gaskonzern Gazprom verpflichten ließ.

Seitdem aber ist viel passiert. Russland hat sich vom strategischen Partner der EU zu einem offenen Gegner entwickelt, der die Krim annektiert, EU-kritische Parteien gefördert und mutmaßlich Mordanschläge auf britischem Boden beauftragt hat. Das macht es den Amerikanern leicht, den Konflikt um Nord Stream als geopolitisches Problem darzustellen. Die Pipeline, so US-Präsident Donald Trump, mache Deutschland zu einem „Gefangenen Russlands“. Der Ausweg aus dieser Abhängigkeit: Flüssiggasimporte aus Amerika.