KolumneNebelkerze Deflationsdebatte

Folker Hellmeyer
Folker Hellmeyer ist Chefanalyst der Bremer Landesbank

An den Märkten wird das Thema Deflation in der Eurozone sportlich forciert. Die EZB setzt sich mit diesem Risiko intensiv auseinander und erörtert in diesem Zusammenhang die Möglichkeit quantitativer Maßnahmen analog zu den Aktionen der Federal Reserve oder der Bank of Japan.

Inflation und Deflation sind grundsätzlich monetäre Phänomene. Die massive Liquiditätsausstattung durch die Zentralbanken der westlichen Welt in den letzten Jahren unterstreicht, dass es an Quantität nicht mangelt. Die USA schaffen derzeit monatlich 55 Mrd. Dollar zusätzliche Überschussliquidität, während die Bank of Japan circa 40 Mrd. Dollar monatlich generiert. Da die Kapitalmärkte grenzüberschreitend frei sind, ist die globale und damit für die Eurozone verfügbare Liquidität in keiner Form knapp. Das wird auch deutlich an den Kapitalimporten in die Eurozone, die derzeit aus dem Ausland in die Aktien- und Anleihemärkte der Reformländer der Eurozone fließen und wesentliche Katalysatoren der höheren Bewertung des Euros sind.

Bei Deflation und Inflation kommt es auf die Frage der Qualität der Einflussfaktoren an. Werden diese Preistendenzen begründet aus dem eigenen Wirtschaftskreislauf? Sind es Folgen administrativer Maßnahmen oder handelt es sich um exogene Faktoren, beispielsweise Rohstoffpreise? Bezüglich der Frage nach der Nachhaltigkeit der Preistendenz sind administrative Maßnahmen und Basiseffekte aus Rohstoffpreisen vorübergehender Natur und im Resultat unproblematisch. Es handelt sich um Einmaleffekte. Problematisch ist dagegen endogene, also aus dem eigenen Wirtschaftskreislauf begründete Inflation oder Deflation mit entsprechenden dauerhaften Preiserwartungstendenzen der Wirtschaftssubjekte.

Rohstoffpreise wirken dämpfend

Die aktuellen schwachen Preistendenzen sind in der Eurozone bestimmt durch administrative Maßnahmen, die bewusst die internen Preisniveaus der Volkswirtschaften der Reformländer senken sollten, um die Konkurrenzfähigkeit dieser Länder an den internationalen Märkten wiederherzustellen. Dieser Prozess war in der Amplitude historisch einmalig aggressiv und wirkt sich aus diesem Grund stark auf das aktuelle Preisniveau aus. Es ist und bleibt jedoch ein transitorischer Effekt. Aus dieser wiedergewonnenen Konkurrenzfähigkeit ergeben sich erhöhte Absätze und eine Wiederbelebung der Konjunktur. In der Eurozone sind genau diese Phänomene derzeit messbar an dynamisch gestiegenen Exporten und einer konjunkturellen Belebung der Reformländer.

Darüber hinaus wirken sich ermäßigte Rohstoffpreise im Jahresvergleich auf das Preisniveau dämpfend aus. Die Rohstoffpreisentwicklung (u.a. Öl, Kupfer, Edelmetalle) würde sich bezüglich des Themas „finanzieller Repression auf anderen Gebieten“ anbieten, das an dieser Stelle jedoch nur angesprochen und nicht vertieft wird.

Endogene aus dem eigenen Wirtschaftskreislauf sich ergebende Deflationstendenzen sind in der Eurozone nicht nachhaltig erkennbar. In einer global eng verflochtenen Wirtschaft bedürfte es dafür einer erneuten Konjunkturkrise. Aktuelle Anpassungen der Wachstumsprognosen weisen aber in Richtung einer zunehmenden Belebung der europäischen und globalen Wirtschaft. Nach Prognose des IWF wird 2014 das höchste Wachstum der Weltwirtschaft und der Eurozone seit 2011 erreicht.

EZB sollte entspannt damit umgehen

Warum wird dem Finanzmarkt dennoch eine Deflationsdebatte aufgezwungen? Die hohe Bewertung des Euros vor allen Dingen gegenüber dem US-Dollar ist fraglos ein Preis dämpfender Einfluss, unter anderem bei den auf Dollar-Basis gehandelten Rohstoffpreisen. Darauf verweist die EZB. Die Debatte dreht sich um deflationäre Tendenzen für den Euroraum aus einer fortgesetzten Höherbewertung. Dieses Risiko hat in der Tendenz die Qualität von Einmaleffekten. Ergo sollte die EZB mit diesem Thema entspannt umgehen.

Warum ist die EZB nicht entspannt? Die Erholung der Reformländer durch Senkung der internen Preisniveaus und der damit wieder gewonnenen Konkurrenzfähigkeit, unter anderem durch gesunkene Lohnstückkosten, soll an den Devisenmärkten nicht verspielt werden. Die Bewertung des Dollar gegenüber dem Euro betrifft nicht nur die US-Wirtschaft, sondern auch alle Schwellenländer mit Dollar-Anbindung. Es geht um aktive Währungspolitik im Mantel des Mandats der Preisstabilität.

Bisher wird Verbalakrobatik genutzt, um einen weiteren Anstieg des Euros gegenüber dem Dollar zu bremsen. Hinsichtlich der Tatsache, dass auf Dollar- und Yen-Basis monatlich Liquidität mit negativen Folgen für die Bewertung dieser Währungen durch erhöhtes Angebot generiert wird, sind quantitative Maßnahmen der EZB nicht auszuschließen, um einer drastischen Fehlbewertung des Euros entgegen zu wirken. Mit Deflation hat das aber bestenfalls zweitrangig zu tun. Es geht um Währungsmanagement!

Überangebot ist abgearbeitet

Das in den kommenden Jahren wahrscheinlichere monetäre Phänomen ist Inflation. Die Quantität dafür ist bereits geschaffen. Der Wirtschaftskreislauf ist dafür geeignet und es gibt einen massiv vernachlässigten Aspekt. Die Disinflation der letzten gut 20 Jahre ist begründet durch das Überangebot an den Produktionsfaktoren Boden und Arbeit nach dem Fall des Kommunismus 1990. Dieses Überangebot ist abgearbeitet. Die Inflation der 80er Jahre steht mittelfristig wieder auf der Agenda.

Ergo ist die Deflationsdebatte eine Nebelkerze!

Teaserfoto: Getty Images