ManagementMut zum Mittelstand von morgen


Sven von Loh  ist Gründungspartner und geschäftsführender Gesellschafter der Biewald, von Loh & Cie. – Private Investors GmbH, einer Beteiligungsgesellschaft mit Fokus auf ICT, Med-Tech und Industrial Technologies. Er ist zudem Autor des Buchs „Richtig dicke Fische angeln – der Bewertungsleitfaden für Investoren & Startups“.


Deutschland ist zu Recht stolz auf seinen Mittelstand. Er ist das wirtschaftliche Rückgrat des Exportweltmeisters und verantwortlich für 55 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Und die lag im vergangenen Jahr immerhin 0,6 Prozent über dem Ergebnis von 2014, wie das Statistischen Bundesamt mitteilte. Außerdem nahmen Bund, Länder und Gemeinden 19,4 Mrd. Euro mehr ein als sie ausgaben. Allerdings drohen dem wirtschaftlichen Rückgrat Deutschlands künftig einige ernsthafte Rückenleiden. Und das aus zwei Gründen.

Zum einen scheint bei vielen Mittelständlern noch immer das Motto „Evolution statt Innovation“ vorzuherrschen. Vielfach werden bestehende Produkte lediglich optimiert oder weiterentwickelt. Der Mut komplette Neuentwicklungen an den Markt zu bringen, beziehungsweise sie überhaupt zu wagen – wie in den USA und China – fehlt meistens.

Stichwort: Disruption. In einem zunehmend globalisierten Wettbewerb kann Risikovermeidung tödlich sein. Ein Indikator für solche Gefahren sind die so genannten Mittelstandsanleihen. Nach Schätzungen von Analysten sind von den seit 2010 von Anlegern in 208 verschiedene Anleihen investierten 7,8 Mrd. Euro bereits heute 1,4 Mrd. Euro ausgefallen. Und die Summe dürfte weiter steigen. Spätestens wenn 2017 die erste größere Rückzahlungswelle ansteht. Mit anderen Worten: Der etablierte Mittelstand schafft es anscheinend nicht, sich mit seinen neu entwickelten Produkten durchzusetzen.

Wir verpassen den „German Mittelstand“ 2.0

Zum anderen läuft Deutschland Gefahr, den Aufbau eines neuen Mittelstands – sozusagen des Mittelstands von morgen – zu verpassen. Denn jeder dieser Betriebe hat einmal klein angefangen, den man heute mit den 99 Prozent der Unternehmen verbindet, die weltweit als „German Mittelstand“ bekannt sind. Heute würde man sie Start-ups nennen. Meistens sind sie hochinnovativ in ihrer Branche. Das Problem: Auch sie stehen im internationalen Wettbewerb mit anderen innovativen Jungunternehmen und wer sich hier durchsetzen will, braucht entsprechende finanzielle Ressourcen.

Nun ist im Gegensatz zum Mittelständler die Hausbank für Start-ups nicht der erste Ansprechpartner in Finanzierungsfragen. Denn die zunehmende Regulierung der Finanzinstitute verlangt von ihnen eine Absicherung ihrer Kredite. Diese Sicherheiten können aber gerade erst gegründete Unternehmen nicht erbringen. Das Finanzierungsmodell für innovative Start-ups heißt daher Venture Capital – also Risikokapital. Leider gibt es hierzulande viel zu wenig davon.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist hier das deutsche Wohlfahrtssystem zu nennen, das unbestritten unzählige Vorteile bietet. Aber gerade diese Vorteile haben dazu geführt, dass die Deutschen sich jahrzehntelang kaum Gedanken über Themen wie die private Vorsorge gemacht haben. In Ländern wie den USA oder Großbritannien ist das anders. Sicherlich, auch dort baut niemand seine Altersvorsorge rein auf Investitionen in Venture-Capital-Fonds auf, doch ein paar Prozent Anlagesumme auf mehrere Jahrzehnte verteilt führen am Ende dann doch zu beträchtlichen Summen, die zur Förderung von innovativen Start-ups zur Verfügung stehen.

Verbrannte Finger

Dagegen findet deren Finanzierung hierzulande in der entscheidenden Frühphase in erster Linie durch staatlich finanzierte Risikokapitalgeber statt. Zu nennen sind hier unter anderem Bayern Kapital, die NRW Bank oder die IBB Beteiligungsgesellschaft in Berlin. Die Zahl der privaten Venture-Capital-Gesellschaften hingegen ist für ein Land der Größe und Wirtschaftskraft Deutschlands – gelinde gesagt – überschaubar. Das mag auch daran liegen, dass wir Deutschen dazu neigen, wenn wir uns einmal die Finger verbrennen, nicht nur den Herd sondern auch gleich Strom und Gas abzustellen. Leider haben wir uns Anfang der 2000er-Jahre kräftig die Finger (mit Wachstumsunternehmen) am Neuen Markt verbrannt. Mit der Folge, dass deutsche Anleger nicht nur dem Neuen Markt, sondern beinahe auch der gesamten deutschen Venture-Capital-Landschaft entsagt haben.

Dazu kommt, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen hierzulande alles andere als optimal sind für die Entstehung einer vitalen Risikokapital-Szene. Zwar steht im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, dass sie ein Venture-Capital-Gesetz erlassen wollen, doch die Umsetzung lässt nach wie vor auf sich warten. Und das, obwohl Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kaum eine Gelegenheit auslässt zu betonen, wie wichtig Start-ups für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands sind.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannte sich inzwischen mehrfach zu einer aktiven Gründerlandschaft und zu Verbesserungen der Rahmenbedingungen für deren Finanziers. Das greifbarste Ergebnis der letzten Jahre ist der sogenannte „Invest – Zuschuss Wagniskapital“. Der wurde jedoch nicht nur noch von der vorherigen Regierung aufgelegt, sondern bleibt außerdem hinter seinen Möglichkeiten zurück.