ExklusivMilliardenklagen im Steinhoff-Skandal

In Westerede hat Steinhoff seine Wurzeln. Noch immer kündet das dortige Möbellager vom einstigen Erfolg
In Westerede hat Steinhoff seine Wurzeln. Noch immer kündet das dortige Möbellager vom einstigen Erfolg dpa

Im Bilanzskandal beim Handelsriesen Steinhoff rollt eine Welle von Milliardenklagen auf den Konzern, Ex-Manager und Wirtschaftsprüfer zu. „Wir prüfen intensiv Schadensersatzklagen gegen verschiedene Haftungsgegner“, sagte Maximilian Weiss, Fachanwalt bei der auf Anlegerverfahren spezialisierten Tübinger Kanzlei Tilp. Bei den potenziellen Beklagten handele es sich sowohl um Steinhoff-Gesellschaften als auch Personen aus der Konzernspitze. Im Visier sind etwa der langjährige CEO Markus Jooste und Ex-Aufsichtsratschef Christo Wiese.

Auch die niederländische Aktionärsvereinigung VEB droht mit weiteren Klagen – darunter gegen die Commerzbank und weitere Banken, die den Börsengang des weltweit zweitgrößten Möbelkonzerns 2015 in Frankfurt begleitet hatten, sowie Steinhoffs Wirtschaftsprüfer Deloitte. Da Deloitte eine Haftung bestreite, prüfe man, das Unternehmen zu verklagen, teilte die VEB auf Anfrage mit. Steinhoff mit Wurzeln im niedersächsischen Westerstede wird aus Südafrika gesteuert und ist an den Börsen in Johannesburg und Frankfurt gelistet, hat seinen juristischen Sitz aber in den Niederlanden. Dort klagt die VEB bereits gegen den Konzern.

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Der Bilanzskandal bei Steinhoff war Anfang Dezember ins Rollen gekommen. Derzeit untersuchen die Prüfer von PwC, in welchem Ausmaß unter Ex-CEO Jooste Vermögenswerte nach oben gerechnet und Verluste verschleiert wurden. Nach bisherigen Erkenntnissen sind Bilanzwerte von mehr als 6 Mrd. Euro fraglich – insbesondere im Geschäft in Europa. Nach dem Bekanntwerden der mutmaßlichen Manipulationen wurden mehr als 10 Mrd. Euro Börsenwert vernichtet.

Bereits im Dezember hatte die Kanzlei Tilp im Auftrag eines Aktionärs eine erste Klage in Deutschland beim Landgericht Frankfurt am Main eingereicht. Sie richtet sich gegen die niederländische Konzernholding. Tilp will erreichen, dass das Verfahren nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz geführt wird. In Steinhoff-Unterlagen wird das Verfahren daher als „German class action“ bezeichnet.

Neben Hunderten Kleinanlegern hätten auch große institutionelle ­Investoren vor allem aus Südafrika und den USA signalisiert, sich einer Klage anzuschließen, sagte Tilp-Anwalt Weiss. Als Gerichtsstand für weitere Verfahren gegen Konzern-Gesellschaften und natürliche Personen aus der ehemaligen Konzernführung kommen unter anderem die Niederlande und Südafrika infrage. Auch Tilp prüft Ansprüche gegen Konzernabschlussprüfer Deloitte.

Auch deutsche Wirtschaftsprüfer beteiligt

Wegen der Unregelmäßigkeiten im Europa-Geschäft könnten zudem die beiden Prüffirmen Commerzial Treuhand (CT) aus Oldenburg und Rödl & Partner Probleme bekommen. Die CT-Gruppe hatte jahrelang die Bilanzen mehrerer deutscher Konzerntöchter testiert, darunter auch die der Steinhoff Europe Group Services GmbH (SEGS). Die SEGS spielte eine wesentliche Rolle bei den Geschäften mit nahestehenden Firmen außerhalb der Bilanz, für die sich die Staatsanwaltschaft Oldenburg bei ihren seit 2015 laufenden Ermittlungen im Konzernumfeld interessiert. Im Dezember 2015 hatte die Staatsanwaltschaft auch das Büro der SEGS in Westerstede durchsucht.

In einem bei der Razzia sichergestellten E-Mail-Austausch aus dem Jahr 2014, in dem Ex-Steinhoff-Chef Jooste mit Vertrauten darüber berät, wie sich die Bilanzen aufhübschen lassen, wird auch CT erwähnt. Der damalige Europa-Finanzchef von Steinhoff „kämpft gerade mit CT, um alles durch die Bücher zu bekommen“, schrieb damals ein am Bilanzkarussell beteiligter Vertrauter an Jooste.

Rödl & Partner mit Hauptsitz in Nürnberg war wiederum Abschlussprüfer von Steinhoffs Europa-Holding, in der der Großteil des verbliebenen Europageschäfts (Conforama, Poundland) gebündelt ist. Die Steinhoff Europe AG mit Sitz in der Nähe von Wien ist auch alleinige Eigentümerin der Steinhoff Europe Group Services.

Darüber hinaus testierte Rödl & Partner den Jahresabschluss 2014/2015 der Genesis Investment Holding, einer Gesellschaft, hinter der ein früherer Steinhoff-Manager steckte. Mithilfe der Genesis holte Steinhoff 2014 in einer verdeckten Operation die angeschlagene österreichische Möbelkette Kika-Leiner in den Einflussbereich des Konzerns. Auch bei anderen Bilanzoperationen spielte Genesis eine Rolle, wie aus dem Jooste-Mailwechsel aus dem Sommer 2014 ebenfalls hervor geht.

Auf eine Anfrage von Capital mit der Bitte um Stellungnahme verwiesen die CT-Gruppe und Rödl & Partner auf ihre gesetzlichen Verschwiegenheitspflichten. Tilp-Anwalt Weiss sagte, eine Klage gegen weitere Prüfgesellschaften neben Deloitte zeichne sich derzeit nicht ab, sei aber grundsätzlich denkbar.