BilanzskandalDie Akte Steinhoff

Der Möbel- und Handelskonzern Steinhoff wird von einem Bilanzskandal durchgeschüttelt. Mehr als 10 Mrd. Euro Börsenwert wurden vernichtetGetty Images

Für einen Mann dessen Lebenswerk gerade zerbröselt, klingt Christo Wiese bemerkenswert gefasst. „Ich habe 30 Jahre meiner Arbeit verloren“, sagt der südafrikanische Milliardär. „Aber was hilft es mir, darüber zornig und bitter zu werden? Hilft überhaupt nicht.“

Die Januarsonne scheint über Kapstadt, als Wiese, 76, Konrad-Adenauer-Gesicht, Statur eines alten Rugbyspielers, Südafrikas Parlament über einen Seitenausgang verlässt. Er will weg von diesem Ort der Demütigung, wo er aussagen musste über „das Debakel“: die Implosion von Steinhoff International. Die Schockwellen haben Südafrika erschüttert – und auch Deutschland erreicht, wo der Handelsriese seine Wurzeln hat.

Bis vor Kurzem Chefaufseher und größter Investor des Konzerns, betrachtet Wiese sich als erstes Opfer des Skandals. „Niemand kann ein Unternehmen führen, wenn er dem Management nicht vertraut“, ruft er über die Schulter, während er davoneilt. „Und wenn dein Management einen Betrug begeht, den die Wirtschaftsprüfer nicht entdecken, nicht die Anteilseigner, die Makler, die Analysten, nicht die Banken, die dir Geld geben – dann bist du vollkommen verwundbar.“

Früher an diesem Tag sitzt Wieses Nachfolgerin auf einer der grünen Lederbänke der Old Assembly Chamber. Heather Sonn ist als Zeugin vor das Parlament geladen. Den entscheidenden Satz sagt sie um 10.01 Uhr: „Auf Grundlage unserer bisherigen Untersuchungen haben wir den früheren CEO Markus Jooste bei den Hawks angezeigt.“ Das ist eine Sondereinheit der Polizei, die gegen Wirtschaftskriminelle, aber auch gegen die Mafia ermittelt. Damit ist es offiziell: Steinhoff hält seinen Ex-Boss, der an diesem Tag nicht erschienen ist, für einen Verbrecher.

Steinhoff-Großaktionär Christo Wiese (vorne) bei einer Anhörung des südafrikanischen Parlaments zum Bilanzskandal

Die Anhörung in Kapstadt markiert einen Höhepunkt in einem der größten Bilanzskandale der vergangenen Jahre. Gegründet 1964 von Bruno Steinhoff in der niedersächsischen Provinz, wurde aus der Ein-Mann-Firma der zweitgrößte Möbel- und Haushaltswarenhändler hinter Ikea. Ein verzweigter Konzern mit mehr als 40 Handelsketten, 130 000 Mitarbeitern und 12 000 Geschäften in aller Welt. In Deutschland warb TV-Blondine Daniela Katzenberger für Steinhoffs Möbeldiscounter Poco.

Während sich die Massen bei Poco mit günstigen Betten und Regalen eindeckten, kauften Anleger wie verrückt Aktien und Anleihen der Holding, die an den Börsen in Johannesburg und Frankfurt notiert ist. Wegen seines rasanten Wachstums avancierte Steinhoff zum Investorenliebling: Zeitweise war der bis vor Kurzem im MDax notierte Konzern mehr wert als Eon oder Adidas; noch Mitte 2017 galt er als Aufstiegskandidat für den Dax.

Im Geschäftsjahr 2016 machte die Unternehmensgruppe 13,4 Mrd. Euro Umsatz. Beziehungsweise: Von dieser Zahl ging man bis Dezember aus. Doch dann weigerte sich die Wirtschaftsprüfungsfirma Deloitte, die Bilanz abzuzeichnen. Der schöne Schein zersprang wie die Platte eines billigen Glastisches: Offenbar hatte der Konzern seine Zahlen frisiert. Bald zog er auch seine Geschäftsberichte für 2016 und 2015 zurück.

Innerhalb von Tagen brach der Aktienkurs um rund 85 Prozent ein. Mehr als 10 Mrd. Euro Börsenwert lösten sich in Rauch auf. Die Geschädigten reichen vom Kleinanleger bis zur EZB, die im Rahmen ihres Anleihekaufprogramms bei Steinhoff zugegriffen hatte. Mittlerweile beschäftigt der Wirtschaftskrimi Strafverfolger und Gerichte in Deutschland, Südafrika, Österreich und den Niederlanden. Und das Parlament in Kapstadt – denn auch Südafrikas staatlicher Pensionsfonds hat rund 1 Mrd. Euro Buchverlust erlitten.

Steinhoff International Holdings N.V. Aktie

Steinhoff International Holdings N.V. Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Auf den Lederbänken der Old Assembly Chamber sitzt die Steinhoff-Führung, die nach dem Crash neu zusammengewürfelt wurde. Wie getadelte Schulbuben halten die Manager den Blick gesenkt, während der Groll auf sie niedergeht.

Die Chefin der Johannesburger Börse erinnert der Fall „an Enron – oder Bernie Maddoff“. „Es kann sein, dass sich dies als der größte Wirtschaftsskandal entpuppt, den das Land je gesehen hat“, sagt der Vorsitzende des Finanzausschusses. „Dies ist ein sehr ausgeklügeltes Verbrechen“, sagt der Abteilungsleiter für Steuerpolitik im Finanzministerium. „Dafür müssen Leute ins Gefängnis gehen.“

Wie ist der Konzern an diesen Punkt gekommen? Wie war dieser Skandal möglich? Steinhoff International ist ja keine Klitsche. Im Aufsichtsrat saßen Ex-Bankchefs und nicht weniger als sechs Wirtschaftsprüfer. Fast alle Top-Adressen der Wall Street haben mit Steinhoff Geschäfte gemacht, dazu deutsche Institute wie die Commerzbank und die BayernLB, die nun ebenfalls um ihr Geld bangen müssen.

Hinzu kommt: Schon 2015 gab es eine Razzia der Staatsanwaltschaft Oldenburg im Konzernumfeld – unter anderem wegen des Verdachts, dass das Unternehmen überhöhte Umsätze gebucht haben könnte. Warum verhallte dieses Warnsignal? Haben die Drahtzieher ihre Machenschaften zu gut verschleiert? Oder haben jene Steinhoff-Granden, die sich heute als Opfer darstellen, den Schmu einfach nicht sehen wollen – weil es so gut lief?