Junge EliteAnna Herrhausen, mehr als Tochter

Anna Herrhausen, Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft
Anna Herrhausen, Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft
© Jonas Holthaus

Seit 2007 sucht Capital für das Projekt „Junge Elite“ in ganz Deutschland nach Talenten wie Anna Herrhausen und kürt alljährlich die „Top 40 unter 40“ in den vier Kategorien „Unternehmer“, „Manager“, „Politik“ sowie „Staat und Gesellschaft“. Alle sind jünger als 40 Jahre, haben beachtliche Erfolge vorzuweisen und noch viel Potenzial. Einige sind schon an der Spitze, andere noch auf dem Sprung dorthin; manche machen durch bahnbrechende Ideen und Start-ups auf sich aufmerksam, andere gehen den Weg durch Konzerne und Institutionen.


Das neue Büro ist nur ein paar Schritte vom alten entfernt, aber zwischen dem alten und dem neuen Job liegen Welten. Die Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft zieht gerade um, praktischerweise hat sie schon vorher bei der Deutschen Bank in Berlin gearbeitet, auf demselben Flur, in dem auch die Herrhausen Gesellschaft sitzt.

Bislang hat sich Anna Herrhausen dort in der Kommunikationsabteilung um Kulturprojekte gekümmert, jetzt leitet die Politologin eine der wichtigsten Denkfabriken des Landes. Bei Veranstaltungen der Herrhausen Gesellschaft, dessen Flaggschiff die Konferenzreihe „Denk ich an Deutschland“ ist, sprechen die Kanzlerin, Minister oder Professoren. Zudem positioniert sich der Thinktank zu Themen wie internationale Beziehungen und Urbanisierung auch im Ausland. Für dieses Jahr ist die gemeinnützige Gesellschaft vom Alleingesellschafter Deutsche Bank erneut mit einem Budget von rund drei Mio. Euro ausgestattet worden.

Es ist ein gewaltiger Sprung für Anna Herrhausen. Aber das schreckt sie nicht. Brüche und Sprünge, sagt sie, gehören heute zu einer Jobbiografie dazu: „Einmal erworbene Fähigkeiten bleiben natürlich wichtig. Aber zusätzlich geht es darum, lebenslang zu lernen.“

Für die Deutsche Bank geht es ums Ansehen

Anna Herrhausens Werdegang ist einerseits typisch für die Top 40 der Jungen Elite: Nach der Ausbildung an Spitzenunis in England und den USA und der Promotion hat sie in den vergangenen zehn Jahren bei McKinsey, der Allianz und der Deutschen Bank gearbeitet. Andererseits ist er auch untypisch: Denn dass die neue Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft selbst Herrhausen heißt, ist kein Zufall: Sie ist die Tochter des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs, der 1989 von der RAF ermordet wurde. Die Bank hat die Gesellschaft 1992 in seinem Andenken gegründet. Er stand für Moral, Integrität und Visionen – zumal aus heutiger Sicht, da die Bank um ihr Ansehen ringt.

„Wir können uns entscheiden, Haltung einzunehmen und werteorientiert zu leben – oder nicht.“ Das hat Anna Herrhausen vor zwei Jahren gesagt, bei ihrem ersten und bislang einzigen öffentlichen Auftritt. In einer Rede bei der Gedenkfeier zum 25. Todestag ihres Vaters sprach sie über Freiheit, Wettbewerb, Macht und Demokratie. Ohne abzulesen, sehr selbstbewusst, den Blick ins Publikum gerichtet, grazil, mädchenhaft frisch und gleichzeitig elegant. Vielleicht reifte damals der Gedanke, dass sie die Richtige wäre für den Job. Paul Achleitner, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank und Vorsitzender des Kuratoriums der Herrhausen-Gesellschaft, lobt „ihr umfassendes Fachwissen und sicheres Auftreten“ sowie ihr „breites Netzwerk“.

Generationswechsel als Öffnung des elitären Zirkels

„Diese Rolle war nicht für mich reserviert oder vorherbestimmt“, sagt Anna Herrhausen heute, während sie ihr neues Büro zeigt und überlegt, ob sie demnächst ein paar Zeichnungen ihrer drei kleinen Kinder aufhängt. Es ist das erste Mal, dass sie mit der Presse spricht. Anfragen gab es genug, aber immer sollte es nur um ihren Vater gehen. Sie hat stets abgelehnt, wollte erst selbst etwas leisten. „Das Schöne ist, dass die Reaktion auf Alfred Herrhausen immer eine positive ist. Es gibt fast keine Ambivalenz“, sagt sie. „Vielleicht auch wegen des Attentats.“ Andererseits: Es muss schwer gewesen sein, bei einigen immer nur als „die Tochter“ zu gelten. Längst hat sie sich emanzipiert – auch wenn ironischerweise der neue Job mit dem Erbe ihres Vaters verbunden ist.

„Ich habe Erfahrung gesammelt und kann meine Ideen nun an herausgehobener Stelle einbringen“, sagt Herrhausen. „Das ist aber auch eine große Verantwortung“. Ihr neuer Job bedeutet auch einen Generationswechsel. Ihre beiden Vorgänger waren Ende 50 und Mitte 60, als sie den Posten übernahmen, Herrhausen ist 38. Sie habe schon viele Ideen, um die Herrhausen Gesellschaft mit anderen Themen und Formaten fit für die nächsten zehn Jahre zu machen und den elitären Zirkel auch für eine jüngere Zielgruppen zu öffnen „mit Themen, die etwa auch für die Startup-Szene in Berlin interessant sind“.

Wie viel Energie sie aufbringt hat sie in ihrer Studentenzeit in Oxford beim Rudern bewiesen. Als Anfängerin hat sie sich einen der begehrten Plätze im Oxford-Achter erkämpft. Nach harten Vorbereitungen mit elf Trainingseinheiten pro Woche hat ihre Mannschaft im legendären Rennen gegen das Cambridge-Team gewonnen und dabei noch einen Streckenrekord aufgestellt. „Ich saß auf Position sechs“, sagt Herrhausen. Fünf und sechs gelten als das Powerhaus im Boot.

Wir haben der Jungen Elite unsere Titelgeschichte der aktuellen Capital gewidmet: Die Top 40 unter 40 – Deutschlands „Junge Elite“: Wie sie denkt – und unser Land verändern will.

Die neue Capital erscheint am 17. November. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon