KolumneDeutsche Bank - Geister der Vergangenheit

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Abs. Christians. Guth. Herrhausen. Ihre Namen fallen immer wieder. Ein halbes Dutzend mal auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank. Mal als Appell von Aktionären, die Bank doch wieder in die Tradition dieser ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs zu stellen. Mal als Frage an den amtierenden Chef John Cryan, ob er denn auch eine Vision vertrete wie die alten Vorstandschefs. Mal auch als Lob an den scheidenden Co- Vorstandschef Jürgen Fitschen, dem ein Aktionär bescheinigt, er stünde durchaus in der Tradition der alten Granden. Mehr Lob geht kaum.

Als John Cryan knapp vier Stunden nach Beginn dieser Hauptversammlung zum ersten Mal und in annähernd akzentfreiem und vollständig fehlerfreiem Deutsch auf Fragen eingeht, ist er instinktsicher genug, auch gleich die drei Namen zu rezitieren: Abs, Christians, Herrhausen.

Es sagt viel aus, dass es in der mit gut 5000 frustrierten Aktionären gefüllten Frankfurter Festhalle nur selten darum geht, was in zwei oder fünf Jahren sein wird. Sondern – neben den zu erwartenden Abrechnungen mit den Verfehlungen der jüngeren Vergangenheit – oft auch um das, was früher besser war.

Viel früher. Hermann Josef Abs war bis 1967 Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Wilfried Guth bis 1985, Friedrich Wilhelm Christians bis 1988, Alfred Herrhausen bis 1989. Man muss sich die Situation vor Augen führen: dass auf einer Hauptversammlung im Jahr 2016 des Öfteren die Namen längst verstorbener Vorstandsvorsitzender fallen, die seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr im Amt sind. Auch das ist ein Weg, damit umzugehen, dass das Institut in Sachen Börsenwert nicht mehr zu den 50 größten Banken der Welt und nicht mehr zu den zehn größten Europas gehört – und für lange Zeit nicht mehr gehören wird.

Aktionäre nicht auf Krawall getrimmt

Sowohl den Kleinaktionären als auch den Profianlegern ist klar, dass die Deutsche Bank nach vernünftigem menschlichen Ermessen nie wieder die Rolle einnehmen wird, die sie einst inne hatte in der europäischen und internationalen Bankenlandschaft. Und nach Vollzug der „Strategie 2020“ mit ihren zahlreichen Kürzungen wird sie auch in Deutschland nicht mehr die Rolle der glorreichen Vergangenheit spielen. Es wäre schon ein Glücksfall, käme sie in den kommenden zwei Jahren tatsächlich ohne eine weitere Kapitalerhöhung über die Runden und wäre 2018 wieder dividendenfähig. Denn ein fundamentales Schnäppchen ist die Aktie trotz der Kurshalbierung seit dem Amtsantritt Cryans im vergangenen Juli nicht im europäischen Vergleich.

Die Bank steht – wie schon 2015 absehbar war – vor einer bleiernen Zeit. Weil dies allmählich auch in das Bewusstsein der Aktionäre gesickert ist, war die Hauptversammlung bis zum Nachmittag auch längst nicht in dem Maß von Wut, Abrechnungen oder gar Krawallen geprägt, wie es viele Beobachter erwartet hatten. Und sie lief auch weitaus ruhiger ab, als etwa im vergangenen Jahr in der Ära Jain – bei einem damals noch doppelt so hohen Aktienkurs. Die Reihen lichteten sich früher, die Zwischenrufe blieben schon nach einer guten Viertelstunde aus.

Aufsichtsratschef und Versammlungsleiter Paul Achleitner mag unglücklich und zu spät reagiert haben in Personal- und Strategiefragen der letzten Jahre. Dennoch lassen ihn die Investoren gewähren, weil sie sich nach den großen Umbauarbeiten im Vorstand und Geschäft wenigstens an dieser Stelle eine ruhige Führung erhoffen.

Die heftigsten verbalen Scharmützel liefert er sich mit Aktionären jedenfalls über Redezeiten, nicht über Inhalte – auch wenn gelegentliche Spitzen erkennen ließen, wie sehr die über die Presse aufgetauchten Indiskretionen über die Bank und vor allem den Aufsichtsrat an ihm nagen.

Ein bisschen Selbstkritik täte gut

Gewähren zu dürfen – das gilt freilich noch viel mehr für John Cryan, der wenig konkretes sagt, viel von geradezu preußischen Sekundärtugenden wie „Fleiß, Ehrlichkeit, Vertrauen und Gründlichkeit“ spricht – und dennoch damit punkten kann und viel Applaus erhält.  

Und doch gibt es spannende Momente. Auf einer Hauptversammlung, auf der schneidige Kritik von Großaktionären wie der Union Investment oder Deka längst ebenso zur Folklore gehört wie deren anschließendes Votum für die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat, fällt am Nachmittag ein interessanter Satz. Er kommt von einem älteren Herrn, der eine beige Jacke über kariertem Hemd trägt und mit seinem nicht ganz sicheren Auftritt für den einen oder anderen Lacher sorgt. Er sagt, dass er sich über sich selbst ärgere, „weil ich in den vergangenen Jahren nicht hart genug darauf gedrungen habe, dass sich etwas ändert bei der Bank“.

Es ist ein Satz, der Vertretern des Aufsichtsrats nicht über die Lippen kam, nicht Arbeitnehmervertreter Frank Bsirske, freilich auch nicht Aufsichtsratschef Achleitner oder all jenen Großaktionären, die öffentlich zwar markig reden, aber am Ende doch zahnlos bleiben und Vergütungsstrukturen mit knapp 800 Gehaltsmillionären und 2,7 Mrd. Euro Boni für das Rekordverlustjahr 2015 abgenickt haben.

Ein bisschen Selbstkritik täte freilich auch all jenen Aktionären gut, die die Vergangenheit verklären. Zum Beispiel jene Phase, in der der bis heute nachwirkende, für Aktionäre verlustreiche und von vielen harsch kritisierte Umbau der Deutschen Bank hin zu einer globalen Investmentbank überhaupt erst begonnen hat. „Was wir bewundern und nicht besitzen, ist die angelsächsische Kultur im Geldgeschäft“, sagte einer ihrer Vorstandssprecher einst als Begründung für den Zukauf der britischen Investmentbank Morgan Greenfell, der bis heute als Einstieg in das globale Investmentbanking gilt.

Der Mann hatte eben eine Vision und betrieb so den bis heute nachwirkenden, teuren und von vielen kritisierten Umbau der Deutschen Bank hin zu einer globalen Investmentbank. Es war indes nicht Anshu Jain, auch wenn dieser heute prototypisch für eine angelsächsische Kultur im Geldgeschäft steht, mit der man lieber abschließen will. Und auch nicht Josef Ackermann. Es war: Alfred Herrhausen.

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: