KolumneLufthansa im europäischen Subventionswettlauf

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Eine Milliarde Euro für Iberia, drei Milliarden für Alitalia, sieben Milliarden für Air France und nun neun Milliarden für die Lufthansa. So gut wie alle Europäer greifen in diesen Wochen ihren Airlines finanziell unter die Arme – mit einer direkten oder indirekten Beteiligung, staatlich verbürgten Krediten oder beidem. Doch was sind eigentlich „ihre“ Airlines? Früher sprach man in der internationalen Luftfahrtbranche von „nationalen Carriern“. Doch im Zuge der Liberalisierung in den 80er- und 90er-Jahren mutierten viele staatliche Gesellschaften zu privaten Aktiengesellschaften. Und ganz neue Wettbewerber kamen hinzu.

Jetzt in der Krise aber zeigt sich: Egal in welcher Rechtsform sich die alten Airlines bewegen, die jeweiligen Regierungen behandeln sie nach wie vor als „ihre“ Airlines. Sie dürfen auf keinen Fall pleitegehen, gelten plötzlich wieder als ein Teil der staatlichen Daseinsfürsorge und als unentbehrlicher Bestandteil der jeweiligen Verkehrsinfrastruktur.

Das entspricht aber durchaus nicht in allen Fällen der Realität eines Marktes, der sich in den letzten 20 Jahren durch privaten Wettbewerb erheblich verändert hat. Ein kleines praktisches Beispiel: Zwischen Hamburg und Basel bietet nur Easyjet Non-Stopp-Verbindungen an. Für viele, die regelmäßig diese Strecke fliegen, ist Easyjet unentbehrlich. Mit zuletzt 30 Flugzeugen gehört die Schweizer Tochter des britischen Billigfliegers zu den wichtigsten Spielern des dortigen Marktes. In der Krise aber geht die Airline leer aus, während die beiden „nationalen“ Carrier Swiss und Edelweiß auf staatliche Kredite zurückgreifen können.

Lufthansa-Hilfe durch die nationale Brille

In der deutschen Debatte über das mühsam ausgehandelte Hilfspaket für die Lufthansa, kaprizieren sich so gut wie alle in der Politik und in den Medien auf eine rein nationale Sichtweise. Es geht um die Frage, wie weit sich die Regierung künftig bei der Fluggesellschaft einmischen darf, wie sie irgendwann wieder an ihr Geld kommt und welche Forderungen die Politik stellen darf oder eben auch nicht. In den meisten anderen europäischen Ländern laufen die jeweiligen Debatten ähnlich. Dabei bleibt ein Schlüsselproblem außen vor: Wie verhindert man einen europäischen Wettlauf um Subventionen und eine nachhaltige Beeinträchtigung des Wettbewerbs? Wo sich alle nur noch als nationale Retter profilieren, geht eine eigentlich notwendige europäische Perspektive zwangsläufig verloren.

Klar ist: Je üppiger die Staatshilfen in der Krise fließen, umso stärker gegen die jeweiligen Fluggesellschaften erst einmal in den Kampf um Marktanteile. 2021 oder wahrscheinlich erst 2022, wenn es wieder steil bergauf geht mit den Buchungen, beginnt aller Wahrscheinlichkeit nach ein heftiges Hauen und Stechen zwischen den Airlines. Schon jetzt vermuten Easyjet und Ryanair nicht völlig zu Unrecht, die Lufthansa könnte ihre üppige Ausstattung von 9 Mrd. Euro dann auch nutzen, um auf eine große Einkaufstour unter angeschlagenen Konkurrenten zu starten.

Natürlich gehört es zu den Aufgaben der Europäischen Kommission, einen heftigen Subventionswettlauf und eine Verzerrung des Marktes zu verhindern. Sie muss alle staatlichen Beihilfen genehmigen – tut sich aber in der Corona-Krise naturgemäß sehr schwer, sich den nationalen Hilfen zu versagen. Diejenigen, die ohne solche Unterstützung auskommen müssen, leiden darunter zunächst einmal. Aber am Ende hat auch das zwei Seiten: Sie sind gezwungen, sich noch wettbewerbsfähiger aufzustellen und sitzen am Ende vielleicht auf einem deutlich kleineren Schuldenberg als die „nationalen Carrier“. Wer gestärkt aus der Krise hervorgeht, bleibt offen. Wiedervorlage in fünf Jahren.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.