Brexit-Folgen Lieferengpässe in Großbritannien: keine Lkw-Fahrer, keine Milchshakes

Wegen Lieferengpässen streicht die Fastfood-Kette McDonald's in Großbritannien die Milchshakes vorübergehend vom Menü
Wegen Lieferengpässen streicht die Fastfood-Kette McDonald's in Großbritannien die Milchshakes vorübergehend vom Menü
© IMAGO / ZUMA Wire
Etwa 100.000 Lkw-Fahrer fehlen der britischen Wirtschaft zurzeit. Nach Supermärkten bekommen das jetzt auch Fastfood-Ketten zu spüren. Die Folge: keine Milchshakes und kein Hähnchen

Seit Wochen bekommen britische Cafés, Restaurants und Supermärkte den Mangel an Lastwagenfahrern am eigenen Leib zu spüren. In die lange Liste von Betroffenen der Lieferengpässe reiht sich jetzt auch die Fast-Food-Kette McDonald's ein: Sie musste Milchshakes vorläufig vom Menü ihrer 1250 Filialen in England, Schottland und Wales streichen. Auch abgefüllte Getränke werde es vorläufig nicht mehr geben, teilte eine Sprecherin mit.

Vor McDonald's hatten bereits andere Fast-Food-Anbieter mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen: Weil nicht genug Hähnchen geliefert wurde, schloss die Kette Nando's in der vergangenen Woche vorübergehend rund 50 britische Filialen. Und auch Kentucky Fried Chicken (KFC) teilte seinen Kunden Anfang August mit, dass einige Produkte in seinen Filialen künftig womöglich nicht verfügbar sein könnten und auch die Verpackungen womöglich etwas anders aussehen würden als gewöhnlich.

Grund für den Fahrer-Mangel und damit auch für die Lieferengpässe ist die Kombination aus Brexit- und Pandemiefolgen, die der britischen Wirtschaft nicht zum ersten Mal zusetzt. Der britische Logistikverband Road Haulage Association (RHA) beziffert die Lücke auf rund 100.000 Lkw-Fahrer. Etwa ein Fünftel fehle seit dem Brexit, als Fahrer vom europäischen Festland dem Vereinigten Königreich den Rücken kehrten. Jeden Monat gingen zudem tausende Fahrer in Rente.

Britische Medien berichteten in den vergangenen Wochen außerdem über einen Zusammenhang zwischen den Lieferengpässen und der corona-bedingten „Pingdemic“. Das Wort bezeichnet den Ausfall von Beschäftigten, die als Kontaktperson von Corona-Infizierten durch die nationale Corona-App einen „Ping“ erhielten und sich daraufhin in Quarantäne begeben mussten. Der RHA sieht darin keinen Zusammenhang. Seit einer Woche ist die Regelung aufgehoben.

Auch in Fabriken fehlen Arbeitskräfte

Die Suche nach Fachkräften gestaltet sich schwierig: Teure und komplizierte Verfahren bei der Visa-Vergabe erschweren es, neue Fahrer vom europäischen Festland einzustellen. Durch die Corona-Pandemie seien im vergangenen Jahr aber auch 30.000 Fahrprüfungen für Lastwagenfahrer ausgefallen. Gleichzeitig mache die niedrige Bezahlungen und die hohen Ausbildungskosten den Beruf nicht gerade attraktiv, klagt die RHA.

Zwar hat die britische Regierung im Juli die erlaubte Fahrzeit für Lastwagenfahrer von neun auf zehn Stunden erhöht und sie will künftig mehr Fahrprüfungen anbieten. Nach Ansicht des Logistikverbandes sind die bestehenden Probleme dadurch aber kaum zu lösen. Stattdessen fordern die RHA und andere Verbände kurzfristige Visa für Fahrer aus der EU. Außerdem sollte die Ausbildung der Fahrer, die viele von ihnen selbst finanzieren müssen, subventioniert werden. London verwies zuletzt aber lediglich auf die bestehende Brexit-Regelungen und riet britischen Firmen, im heimischen Arbeitsmarkt nach Fahrern zu suchen.

Einige Unternehmen werden deshalb selbst aktiv. Die britische Supermarktkette Tesco bietet neuen Fahrern einen Bonus von 1000 Pfund an. Aldi und die High-End-Warenhauskette John Lewis haben indes die Löhne für ihre Fahrer erhöht.

Doch nicht nur auf der Straße fehlt es an Personal. Auch an den Standorten zur Verarbeitung von Lebensmitteln hat der Brexit die Belegschaft spürbar ausgedünnt, weil tausende EU-Arbeitskräfte das Land verlassen hätten. Dem Wirtschaftsverband British Poultry Council zufolge stammten rund 60 Prozent der Beschäftigten in der Geflügelindustrie aus der EU. Angesichts des bevorstehenden Weihnachtsgeschäfts befürchtet der Verband daher schon jetzt einen Engpass an Truthähnen.

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