KommentarLiebe Briten, geht oder bleibt, aber macht was!

British Prime Minister Theresa May makes a statement on Brexit negotiations with the European Union, at 10 Downing Street, in London, Friday, Sept. 21, 2018.
Die britische Premierministerin Theresa Maydpa

In einem der schönsten Sketche der britischen Komiker-Truppe Monty Python beschwert sich der Kunde einer Tierhandlung darüber, dass ihm der Verkäufer einen toten Papagei angedreht hat. Der Händler bestreitet das vehement und versichert, das steife und offenkundig nicht mehr lebende Tier sei quickfidel.

So ähnlich ist es in diesen Tagen mit dem Brexit. Für alle, die sehen können, ist da ein historisches Unglück im Gange, das für alle Beteiligten Schaden mit sich bringt. Ein Teil der britischen Öffentlichkeit aber beharrt darauf, die Zukunft außerhalb der EU werde eine strahlende sein. Der Papagei ist tot. Aber man kann ihn immer noch lebendig reden.

Kurz vor der jüngsten Brexit-Abstimmung im britischen Parlament richteten über 100 EU-Parlamentarier einen Appell an die Bürger von der Insel: Wenn die Briten sich allem Anschein zum Trotz doch entschieden zu bleiben, so hieß es darin, seien sie herzlich willkommen.

Nur noch begrenzt komisch

Es war der rührende und verständliche Versuch, einen Zug noch aufzuhalten, den ein Haufen verantwortungsloser Politiker in Großbritannien in Gang gesetzt hatte. Allerdings setzt dieser Versuch auch voraus, dass sich auf der Insel noch Ansprechpartner finden, die rationalen, emotionalen oder auch nur irgendeiner Art von Argumenten zugänglich sind. Und das erscheint immer zweifelhafter. Die Briten, die wir oft so dafür bewundert haben, dass sie bei aller Schrulligkeit am Ende doch stets Vernunft walten lassen, sind dabei, genau diesen Nimbus zu verlieren. Es ist ein trauriger, schmerzlicher und nur noch begrenzt komischer Anblick.

Es geht gar nicht mehr unbedingt darum, ob man den Ur-Impuls der Austrittsfreunde – „Take back control!“ teilt oder nicht. Denn mittlerweile ist mehr als deutlich geworden, dass es nur noch um die Frage geht, in welchem Ausmaß die Briten an Kontrolle verlieren werden. Im Laufe des chaotischen und oft albernen Brexit-Prozesses wird jetzt allmählich auch den glühendsten Fans klar, dass es schlicht kein Szenario gibt, bei dem Großbritannien danach besser da steht als vorher. Egal ob mit oder ohne Deal, ob nah oder fern der EU – der Arbeitsmarkt, die Industrie, die Kultur und die Bürger des Landes werden leiden müssen. Zu diesem Ergebnis kommt nicht irgendeine EU-Institution, sondern die britische Regierung selbst.

Der Widerstand gegen den Austrittsplan der britischen Premierministerin Theresa May rührt deshalb vermutlich auch daher, dass niemand einen besseren Vorschlag hat und die Abgeordneten sich deshalb in dem verbeißen, was da ist. Die Brexiteers haben ja stets so getan, als ließe sich das alles zum Vorteil des Landes ausverhandeln und als müsse die EU am Ende alle Forderungen akzeptieren. Doch Brüssel hat seine Bedingungen von Anfang an klar gemacht und ist auch nie von ihnen abgewichen – früher hätte man gesagt, in britischer Manier. Nun stehen die Brexit-Freunde da und versuchen, das Gesicht zu wahren: Solange das Parlament über die Feinheiten eines Abkommens streitet, kann es die Illusion aufrechterhalten, es ließe sich noch etwas zum Guten wenden, verbessern, optimieren.

Bitte entscheidet Euch

Aber es gibt nichts mehr zu optimieren. Es gibt nur noch die eine Frage: rein oder raus? Weiter Mitglied in einem fehlerhaften, aber im Großen und Ganzen funktionierenden Staatenverbund, der gemeinsam handelt, streitet und sich zusammenrauft. Oder allein da draußen in einer Welt, in der die Trumps und Putins versuchen, ihre Regeln durchzudrücken.

Und es wäre für Großbritannien und Europa sehr hilfreich, wenn diese Frage bald entschieden würde, damit beide sich wieder den vielen anderen dringenden Fragen zuwenden können.

Die Briten sind ein liebenswertes Volk, sie haben Gary Lineker, Harry Potter, die Beatles und Emma Thompson hervorgebracht. Sie haben in den wichtigsten Konflikten des 20. Jahrhunderts auf der richtigen Seite gestanden und den Kontinent mehrfach vor der Katastrophe gerettet. Sie liefern mit der britischen Königsfamilie eine seit Jahrzehnten, ach was, Jahrhunderten andauernde Reality Show ab, um die die Welt sie beneidet.

Für all das gebührt ihnen ewiger Dank. Und es wäre wunderbar, sie weiter dabeizuhaben. Aber es wäre auch toll, wenn sie sich allmählich mal entscheiden könnten.