Ökonomisches QuartettLehman-Crash rückwärts

Heleen Mees

Das ökonomische QuartettDavid McWilliams (Irland), Heleen Mees (Niederlande), Jim O’Neill (Großbritannien), Michael Pettis (USA). Jeden Monat schreibt bei Capital einer dieser vier Ökonomen. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, und jeder hat damit eine andere Perspektive auf die Welt

Heleen Mees stammt aus den Niederlanden und lebt heute in New York. Die Ökonomin, die in Tilburg und an der New York University gelehrt hat, beschäftigt sich insbesondere mit den Ursachen und Folgen des langen Booms in China


Was wir derzeit erleben, ist in vieler Hinsicht ein exaktes Spiegelbild der Weltwirtschaft im Jahr 2007. Damals begann nämlich ein rasanter Anstieg des Ölpreises, der von gut 60 Dollar pro Barrel am Jahresanfang bis auf 144 Dollar im Juni 2008 führte.

Das immer teurere Öl drückte auf die Kaufkraft der Löhne, bremste den Konsum und führte zu steigender Arbeitslosigkeit. Von da an fielen dann schnell die Dominosteine: Arbeitslose in den USA konnten ihre Hypothekenkredite nicht mehr bedienen, weshalb die Hauspreise fielen, was wiederum auf die Insolvenzraten und den Konsum durchschlug.

Im August 2008, einen Monat vor dem Kollaps von Lehman Brothers, lag der Einzelhandelsumsatz in den USA preisbereinigt bereits fünf Prozent unter dem Wert vom Juli 2007. Nach dem Untergang von Lehman fiel er um weitere 7,5 Prozent.

Verbraucher sparen Hunderte Millionen Dollar

Seit einem halben Jahr läuft nun die spiegelbildliche Geschichte ab: Der Ölpreis ist – zur Überraschung der meisten Marktteilnehmer – seit Juli um über 40 Prozent gefallen. Das Benzin ist an den Tankstellen heute so billig wie seit rund fünf Jahren nicht, in einem ölreichen US-Bundesstaat wie Texas kostet der Liter gerade noch einen halben Dollar, also gut 40 Eurocent. Die Verbraucher sparen dadurch täglich Hunderte Millionen Dollar.

Capital 02/2015

Und dieses Geld findet schnell andere Verwendungsmöglichkeiten. Die US-Wirtschaft ist im dritten Quartal mit einer Jahresrate von fünf Prozent gewachsen, vor allem der Konsum trieb sie an. Der Indikator für die Verbraucherstimmung in den USA ist auf dem höchsten Stand seit Januar 2007 angekommen.

Viel ist in den vergangenen Jahren darüber geredet worden, dass fallende Teuerungsraten auch gefährlich werden können. Ökonomen wie Paul Krugman haben argumentiert, dass wir Inflation brauchen, um bei Nominalzinsen von annähernd null den Realzins noch weiter zu drücken. Negative Realzinsen seien nötig, um die Wirtschaft zu beleben.

Studien von prominenten Ökonomen wie Olivier Blanchard und Larry Summers zeigen aber, dass es nicht die Kapitalkosten sind, von denen die Investitionstätigkeit abhängt. Sondern es ist die Nachfrage. Niedrigere Realzinsen stimulieren die Wirtschaft nicht, wenn zugleich die Reallöhne sinken.

Es gilt, was EZB-Chef Mario Draghi kürzlich trocken auf den Punkt gebracht hat: Niedrige Inflation hat den Vorteil, dass die Leute sich mehr Sachen kaufen können.

Die Frage ist also nicht, ob das billige Öl uns schadet. Sondern ob es denn auch billig bleiben wird.

Produzenten schränken Förderung ein

Rohstoffpreise sind immer sehr schwankungsanfällig, ganz besonders gilt das beim Öl. Der Grund ist, dass die Nachfrage und das Angebot kurzfristig eher starr sind und nicht sehr elastisch auf Preisänderungen reagieren. Es braucht Zeit, bis Knappheit oder Überschuss durch Anpassungen beseitigt sind.

Langfristig kommt es aber sehr wohl zu solchen Reaktionen auf die Preise. Das billige Öl dieser Tage ist zu einem großen Teil eine Folge der Investitionsentscheidungen, die 2007 und 2008 getroffen wurden, als der Ölpreis alle Rekorde schlug. Beim derzeitigen Preis beginnen die Produzenten schon wieder damit, ihre Investitionen in die Förderung einzuschränken.

Das billige Öl wird zudem die Investitionen in erneuerbare Energien verlangsamen und das Wachstum beschleunigen, was auf längere Sicht die Ölnachfrage steigert.

Bleibt das Öl also billig? Erst einmal ja – aber nicht lange.

Der Beitrag von Heleen Mees erschien zuerst in der aktuellen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.