GastbeitragKrisen überstehen – von Japan lernen

Alles kann ganz schnell vorbei sein: Japan hat gelernt mit Erdbeben zu leben. Zuletzt gab es am 14. Februar ein schweres BebenIMAGO / Kyodo News

Gerhard Wiesheu, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreises (DJW) und Partner B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG

Überleben – auch unter widrigen Bedingungen – ist das höchste Ziel. In der Natur schaffen dies stets die Lebewesen, die am besten angepasst sind. Das gilt auch für Wirtschaftsunternehmen. Wer von ihnen heute mehr als 100 Jahre alt ist, der hat so manche Krise gemeistert: Kriege, Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen und Pandemien. Dieser Erfahrungsschatz ist ein möglicher Vorteil in der aktuellen Corona-Krise.

Momentan befinden wir uns global in einem einzigartigen Krisenszenario. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass im Jahr 2020 das Pro-Kopf-Einkommen in 170 Staaten der Erde fallen wird und die Schwere der globalen Rezession alles in den Schatten stellt, was die Weltwirtschaft seit der Großen Depression in den 1930er-Jahren erlebt hat. Deshalb lohnt sich für Unternehmen, die Krisen-Resilienz entwickeln wollen, ein Blick nach Japan. Dort kann man entdecken, was die Betriebs-geheimnisse für Langlebigkeit sind. Denn japanische Unternehmen sind im Überleben Weltspitze; weltweit haben die meisten Unternehmen, die 100 Jahre und älter sind, dort ihren Ursprung.

Die erfolgreichen Langläufer kommen aus vielen Branchen

Im Jahr 2008 fanden die Verfasser einer Studie der Bank of Korea über 5500 Firmen in 41 Ländern, die älter als 200 Jahre waren. 56 Prozent davon in Japan, Deutschland folgte mit rund 15 Prozent auf Platz zwei. Gegenwärtig sind in Japan circa 33.000 Firmen tätig, die mindestens ein Jahrhundert alt sind. Elf von ihnen können ihre Gründung sogar vor rund 1000 Jahren belegen und sind zudem seit vielen Generationen in Familienhand. Insbesondere die ältesten von ihnen bieten traditionelle Waren und Dienstleistungen an wie Speisen und Unterkünfte für Pilger, die die alten Schreine besuchen, oder Kleidung und Utensilien für die Mönche, die dort leben. Dass sie durch ihr Angebot uralte Traditionen möglichst unverändert bewahren, macht sie einzigartig, schwer kopierbar und sichert damit ihren Unternehmenswert. Allerdings laufen solche Unternehmen stets Gefahr, sich zu wenig an eine veränderte Nachfrage anpassen zu können.

Aber es gibt nicht nur Exoten; die über Hundertjährigen kommen in Japan aus vielen Branchen wie Pharmazie, Automobilzulieferer, Lebensmittelerzeugung und Einzelhandel. Weltberühmt sind etwa Nintendo, gegründet 1889, ein Unternehmen, das mit der Produktion von Spielkarten begann, oder der Sojasoßenhersteller Kikkoman, der mit seinen Produkten seit 1917 am Markt ist. In diesem Jahr feiern genau 3696 japanische Unternehmen ihr 100-jähriges Bestehen, darunter zum Beispiel die Fahrradmanufaktur Shimano oder der globale Technologiekonzern Mitsubishi Electric.

Weniger disruptiv, dafür resilient

Laut klassischer westlich geprägter Betriebswirtschaftslehre sind die wichtigsten Unternehmensziele das Streben nach maximalem Gewinn, steigendem Marktanteil und höherer Rentabilität – und all dies in möglichst kurzer Zeit, um die Aktionäre zu erfreuen. Nicht so in Japan; die Unternehmensleitungen spüren traditionellerweise eine Verantwortung gegenüber ihren Stakeholdern: den Mitarbeitern, den Geschäftspartnern und den Menschen in der Region, weshalb das Prinzip des Shareholder-Value hier nie den hohen Stellenwert hatte wie anderswo auf der Welt.

Die „hohe Kante“ feiert ihr Comeback

Um dies zu erreichen, heißen die Leitsterne in den alten japanischen Unternehmen: niedrige Dividenden, ein langer Atem und vor allen Dingen ein großer finanzieller Risikopuffer. Die Cash-Bestände waren daher schon immer hoch. Nach der Finanzkrise 2007/08 wuchs das Risikobewusstsein der Verantwortlichen noch einmal, und die Bareinlagen haben sich, gemessen an den Umsätzen, bis Ende 2019 fast verdoppelt und erreichten Rekordhöhe. Dass insbesondere große Unternehmen solch enorme Reserven aufgebaut haben, ist dabei ein relativ neues Phänomen.

Deutsche Unternehmen haben zwar im selben Zeitraum ebenfalls ihre Bareinlagen aufgestockt – aber vergleichsweise moderat. Der Ausbau ist sicherlich in einer ähnlichen Haltung begründet, vor allem beim deutschen Mittelstand, bei dem familiengeführte Unternehmen eine bedeutende Rolle spielen. Auch hier dominiert ein langfristiges Denken, denn jede Generation, die in der Verantwortung steht, will nicht diejenige sein, mit der die lange Chronik endet. Diese innere Verpflichtung zur Kontinuität verbindet, wenn man mit deutschen und japanischen Familienunternehmern spricht. Das führt zu einem vorsichtigen Wirtschaften. Aber wenn die deutschen Unternehmer vorsichtige Kaufleute sind, dann sind ihre japanischen Kollegen übervorsichtig. Hier liegt auch eine Gefahr, wenn beispielsweise die Investitionsausgaben länger auf niedrigem Niveau stagnieren. Denn eine gesunde Volkswirtschaft braucht auf lange Sicht beides in einem gesunden Verhältnis: stabile Tradition und zukunftsweisende Innovation.

Doch sich angesichts der andauernden Unsicherheit etwas auf die hohe Kante zu legen, ist grundsätzlich nicht der schlechteste Ratschlag für Unternehmer. Die Corona-Krise ist nicht vorbei und ihre vielfältigen volkswirtschaftlichen Auswirkungen werden uns noch länger begleiten – und mit der Klima-krise steht längst die nächste Herausforderung vor der Tür. Wohl dem, der vorgesorgt hat.

 


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