KolumneKaeser-Nachfolge: Schmutzige Monate bei Siemens

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Siemens-Chef Joe Kaeser liebt Sticheleien und Seitenhiebe aller Art seit jeher. Aber selten waren sie so giftig und regelrecht gemein wie bei Bilanzpressekonferenz des Konzerns in der vergangenen Woche. Die scheidende Personalchefin Janina Kugel, einstmals seine Favoritin im Vorstand, bekam zum Abschied eine Erinnerung an ihre unrühmliche Rolle beim Streit um den Standort Görlitz mit. Den drei amtierenden Vorstandsmitgliedern Ralf Thomas, Klaus Helmrich und Roland Busch bescheinigte Kaeser durch die Blume die Unfähigkeit, die Quartalszahlen des Konzerns richtig zu präsentieren. Und beiläufig bekam selbst der Aufsichtsrat noch eine Watschen ab.

Geradezu infam aber ist, was Kaeser selbst auf öffentlicher Bühne nicht sagt, aber einige seiner eifrigsten Anhänger verbreiten: Der designierte Nachfolger Kaesers Roland Busch müsse sich „erst noch bewähren“, bevor er vielleicht die Nachfolge des großen Vorsitzenden antreten dürfe. Wie bitte? Bewähren? Der Mann arbeitet seit 1994 bei Siemens, sitzt seit 2011 im Vorstand, leitet seit Oktober 2018 das gesamte Alltagsgeschäft des Konzerns und soll jetzt noch einmal zum Schaulaufen antreten? Besser kann man den Stellvertretenden Vorstandschef nicht demontieren als durch diese Lesart des letzten Aufsichtsratsbeschlusses.

Busch ist aber offenbar entschlossen, sich nicht so einfach demontieren zu lassen. Am letzten Donnerstag saß der designierte Kaeser-Nachfolger zwar nicht auf dem Podium der Pressekonferenz, mischte sich aber anschließend unter die Journalisten, um eine Kampfansage zu formulieren: Er habe überhaupt nicht den Eindruck, sich noch bewähren zu müssen. Das habe er schließlich durch seine lange Karriere bei Siemens längst getan.

Siemens kann sich einen Grabenkrieg nicht leisten

Wenn es so weiter geht mit Kaeser und Busch, dann steht Siemens vor ziemlich schmutzigen Monaten. Erst im Sommer nächsten Jahres soll eine Entscheidung über den Vorstandsvorsitz fallen. Das ist eine sehr lange, unter den obwaltenden Umständen sogar zu lange Zeit. Kaeser redet weiter unverdrossen über seine angebliche Option, seinen Anfang 2021 auslaufenden Vorstandsvertrag abermals nach eigenem Gusto zu verlängern – und degradiert den Aufsichtsrat damit zu seinem Befehlsempfänger. Angeblich beruht das alles auf einer bilateralen Absprache mit Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe. Falls das stimmt, dann war es ein Fehler des Dänen. Und falls es nicht stimmt, dann zeigt es abermals den Machiavellismus Kaesers, der bis zur letzten Minute als Alleinherrscher bei Siemens gelten will, selbst wenn es seinem Nachfolger immens schadet und damit auch dem ganzen Unternehmen.

Im Aufsichtsrat aber mehren sich offenbar die Stimmen, die vor einer derartigen Hängepartie warnen. Siemens steht in den nächsten Monaten vor der Aufgabe, die schwierige Abspaltung der Energiesparte auf den Weg zu bringen. Auch operativ sieht es in vielen Bereichen in den nächsten Monaten sehr schwierig aus. Umsätze und Erträge stehen weiter unter Druck. Was sich der Konzern in einer solchen Lage überhaupt nicht leisten kann, ist ein Grabenkrieg in der obersten Führung. Der Aufsichtsrat muss schwer aufpassen, dass ihm die Fäden nicht entgleiten.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.